Literatur ist der Ort, wo der Sprung vom Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit vorscheint. Dieser Sprung kann glücken, kann missglücken, kann Schwierigkeiten bereiten – er wird unter Umständen verweigert, gerade heute. Es gibt unendlich viele Wege, diesen Sprung zu schildern, weil es unendlich viele Inhalte gibt, die damit verstrickt sind. Alle ernstzunehmende Literatur befasste und befasst sich im Großen oder im Kleinen wesentlich mit diesem Sprung. Versachlicht bezeichnet man ihn als »Fallhöhe«.
Folgend möchten wir programmatische Thesen aufstellen, die Formregeln konturieren, welche erlauben, die unendlich vielen Inhalte von heute in dieser Dialektik zum Ausdruck zu bringen. Wir verstehen diese Thesen als einen Beitrag zum Realismus.

I. Die Kunst kann vieles. Sie kann belügen.

II. Realistische Literatur fängt beim Bekannten an, eben weil es nicht erkannt ist.

III. Wir befassen uns nicht mit Dingen, sondern mit Gegenständen. Der Ast bewegt sich nicht, der Wind bewegt ihn, der erst dadurch sichtbar wird.

IV. Realität und Wirklichkeit sind nicht dasselbe. Wir bevorzugen das Zweite. Verdichtete Realität macht Wirklichkeit erlebbar.

V. Solange die Klassengewalt stumm bleibt, ist sie unbekämpfbar. Kommt sie zur Sprache, kann man sich gegen sie aussprechen. Literatur ist sprachgebend.

VI. Wer die Sprache aufgibt, behauptet, wir seien in einer Sprachohnmächtigkeit gefangen, die den Ausdruck der und den Bezug zur Wirklichkeit verweigere, der gibt das Denken und den Menschen auf.

VII. Unsere Gedanken hängen an dieser Welt, auch unsere Fantasie.

VIII. Uns interessiert nicht der Charakter eines Menschen, der abschaffenswert oder erhaltenswert ist. Uns interessieren die Charaktermasken, die der Mensch als Träger seiner Verhältnisse zu tragen gezwungen oder zu tragen bereit ist. Die Charaktermasken sind abschaffbar oder erhaltbar. Man ist als Mensch geboren, aber man wird es nicht.

IX. Was Realismus sucht, ist soziale Wahrheit und die lässt sich in ihrer Sinnlichkeit nur durch Literatur ausdrücken – so viel Scham liegt ihr zugrunde.

X. Die Ausweglosigkeit des Bestehenden in das Bestehen von Auswegen überführen – das ist Poesie.

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