Ich bin nicht

Wann immer ich sehe,
wie du lachst,
wann immer ich sehe,
wie du fragst,
woher ich komme,
wann immer du sagst,
dass ich fremd bin,
bin ich nicht.

Du
bist ein Mensch,
bist die Norm,
der Standard, dem alle angehören.
Ich bin dagegen
die Faust zum Erheben,
wenn ich mal wieder nachts
die Straße überquere
und zu lange an der Ecke stehe.

Bin ich sicher?
Wenn ich das Blaulicht sehe,
dass sie mich nicht wieder für mein Woherkommstdu auswählen.
Weder Hände noch Mund muss ich bewegen,
um Schreie zu hören und mich nieder zu legen.
Dass sie meiner Mutter erzählen,
sie konnten nicht wählen,
zwischen Kampf um sich selbst
und Kugel in mein Herz,
dass Uniform sich wehren muss,
sagen sie und halten bereits den nächsten Schuss
auf den Kopf meines Bruders,
der gerade aus Wut raus
Verzweiflung geschrien hat,
um die Stille seit meinem Verrat
nicht mit noch mehr Stille zu füllen,
sondern Worte zu brüllen;
die endlich benennen
vor welcher Verantwortung Uniformen wegrennen.

Doch das ist alles egal,
denn wir sind nicht einmal
Teil einer Klasse
denn ständig fragt man mich nach Rasse,
ohne Rasse zu sagen,
sondern nach Ethnie, Kultur, Religion, Woherkommstdu zu fragen…
Egal was mein Pass mir sagt,
ganz gleich, ob der Staatsapparat
genauso von mir gewählt worden ist,
bin ich am Ende das, was das System auffrisst.
Siehst du nicht all deine Privilegien, wenn du jeden Tag an Kakao und Kaffee vorbeigehst?
Siehst du nicht, wie du dich freiwillig mit den Worten „Willkommenskultur“ und „Integration“ reinlegst?
Denn wer entscheidet hier, was Hautfarbe heißt?
Wer beschenkt hier wen mit dem Oscar Preis?

Das Wort „Integration“
erinnert mich eher an den mahnenden Ton,
das geringere Übel zu wählen;
im Kampf um sich selbst,
auf wen kann ich da zählen?

Es geht nicht um das schönste Leben,
geht nicht um ein Leben neben,
sondern um die Norm und die Abnorm eben,
darum, feste Netzwerke von Ausschluss zu weben,
die uns aus unseren Sicherheiten heben.
Ein Miteinander ohne mit dem andern Kontinent, von dem wir nehmen.
All das gibt uns doch nur zu verstehen,
das Willkommen nur so weit zu dehnen,
dass wir im nationalistischen schönen Leben
nur zwischen „sich selbst“ oder „durch andere“ aufgeben,
wählen.

Du zeigst mir ganz deutlich,
dass ich nicht wirklich
Teil von dem bin,
was du dir wünscht in
deiner Nation der Träume,
deinem Staat voller Freiräume
aus leerstehenden Büros
neben tausend Dixiklos
für Menschen zweiter Klasse,
die wenigstens Teil sind deiner Rasse,
um weiteren Beton zu bau’n,
um weiter weg Menschenmassen mit Menschen zu beklau’n,we
ziehst du um deine Kartoffelmasse einen Zaun,
um ja nicht um über den Tellerrand zu schau’n
und dich davor zu verstecken
endlich den Kolonialismus in der Kartoffel zu entdecken.

Das Woherkommstdu macht mich fremd,
tut so, als ob dein weißes Hemd
ein reines Gewissen wär‘.
Historisches Gedächtnis? Gibt es nicht mehr.
Ausländerraus.
Mein abgefackeltes Haus,
gezündet durch deine brennende Idee
Nationalsozialismus wäre passé,
doch der Affront National
wirkt nicht wirklich abnormal,
wenn man die politische Rhetorik bedenkt,
die das Wort Rassismus mit Fremdenfeindlichkeit versenkt.

Wie der Springer beim Schach gegen die Regel
die Dame Matt setzt, die sich im Spiegel
doch eigentlich immer als mächtigste Frau
bei jedem Wellengang, ob stürmisch oder rau,
ziemlich souverän hätte sehen können.
Hätte sie rechtzeitig den Alternativen ihren Motor genommen
oder zumindest das volle Boot
nicht aus der Not
mit ’nem Wirtschaftstouristen zu viel aufgefüllt,
der auf Malle den ganzen Strand mit Kotze und Bierständen zumüllt.

Ihr benutzt Ausländer als Schimpfwort,
dabei profitiert ihr vom Tourismus
und wenn ihr wirklich ‚back to the roots‘ wollt,
wartet nur, bis sich die Migrantin euren Kolonialklau zurückholt.

Bis jetzt verflucht ihr Flucht und Asyl,
doch ihr seid es, die eine Waffe zu viel
aus rechthaberischen Gründen verschicken,
weswegen regelmäßig Täter hier und dort austicken.

Doch wenn es euch Recht ist,
dann wäre mir Frieden lieber
und wir konnotieren das Wort Ausländer wieder
im richtigen Sinn:
Finnland, England, Niederlande und Schweden?

Hört auf, andauernd nach dem Woherkommstdu zu fragen,
hört auf Rasse zu meinen, ohne Rasse zu sagen.
Hört auf Serien über Auswanderung nach Ibiza zu drehen
und zeitgleich keinen Grund vor Krieg zu fliehen zu sehen.
Hört auf Mauern zu bauen,
Menschenleben zu klauen
mit euren lockeren Waffen,
die es nicht raffen,
dass Menschen sogar tödliche Wellen an rechten Parolen
im Angesicht von Schwarz-Rot-Gold bereit sind zu wiederholen,
nur um in Zeiten der WM
nicht schon wieder von MamaNazi, PapaNazi und KinderNazis auf die Fresse zu bekommen.

Hör auf, dich selbst nach dem Woherkommstdu zu fragen,
denn was soll dir die Antwort über die Person dann sagen?
Hör auf deine Serien über Ibiza zu drehen
und fang an die Gründe deiner Privilegien zu sehen.
Und wenn wir endlich Häuser bauen,
endlich Backsteine aus Mauern klauen,
dann werden wir das locker raffen,
dass das keinen Sinn macht mit den Waffen.

Dass wir damit nur noch mehr zerstören.
Dinge, die uns eh nicht gehören.

Und vielleicht werden MamaNazi, PapaNazi und KinderNazis dann irgendwann
endlich auch mal auf den Sozialismus ohne Nation klarkommen.

Gastbeitrag von Laura Sherin Rebecca 23.Feb’17 / Titelbild illustriert von Lukas Schepers

Hier gibt es noch eine vorgetragene Version des Textes.ich-bin-nicht2