Seit Neujahr brennt Los Angeles. Die Villen der Schönen und der Reichen gehen in Flammen auf. Doch auch Kalifornien hat seine Armen und Arbeitenden. Auch ihre Quartiere sind der Zerstörung ausgesetzt. Obwohl der Klimawandel die Brandgefahr erhöht, was der US-Politik klar war, wurden die Kapazitäten durch jahrelange Sparmaßnahmen ausgedünnt. So werden auch Gefängnisinsassen zur Brandbekämpfung herangezogen – weit unter dem Mindestlohn bezahlt. Zugleich hat die Erderwärmung im Jahr 2024 mit einem Zuwachs von 1,6 Grad das vorindustrielle Niveau erstmals überschritten; vor dem Hintergrund, dass seit Beginn der Aufzeichnungen die vergangenen zehn Jahre ab 2015 bereits die wärmsten waren. Der Kapitalismus zündet das Feuer, der Wind facht das Inferno an. Die Novelle „Wrackmente“ von Lukas Meisner ist eine visionäre Parabel für Gegenwartsszenarien wie in Los Angeles.
Während die Metropole der globalen Kulturindustrie in Asche aufgeht, wird in Meisners Prosa die Lagunenstadt der ewigen Liebe umflutet. Wasser statt Feuer, Element statt Element: Venedig verschwindet täglich tiefer im Meer. In knapp 90 Seiten zeichnet Meisner ein in Gedanken dichtes und sprachlich präzises Bild vom Untergang einer Stadt, in der der Kapitalismus im 14. Jahrhundert entstanden sein soll, wie es etwa Jannis Milios in seiner Untersuchung „Eine zufällige Begegnung in Venedig“ (Dietz Verlag) vertritt. Meisner fügt mit seiner Prosa hinzu, dass auch in Venedig der Kapitalismus die irreversible Zerstörung menschlicher Lebensbedingungen einleiten wird. Dabei verwebt er geschickt Erzählung mit Erklärung. Entsprechend ist die poetische Intensität von soziologischen und philosophischen Einsätzen flankiert, auch in Fußnoten, in denen abstrakte Begriffe wie „zweite Natur“ oder erkenntnistheoretische Konzepte wie „Positivismus“, ebenso aber auch Theoreme wie der „Geist des Kapitalismus“ nach Max Weber erläutert werden. Dem Lesefluss sind solche Momente eher hinderlich. Andererseits zwingen gerade sie zum Innehalten. Das Gelesene greift ins Denken ein.
Das schafft Meisner mit vier Kapiteln, einem Prolog und zwei Epilogen. Die Novelle hat eine straffe Architektur. Der Prolog wirft den Leser regelrecht in die umflutete Stadt. Die folgenden Kapitel tragen die Namen der vier Figuren im Titel: Leandro, Helen, Dirk und Marlène. Ihre biografischen Porträts sind Spiegelbilder des Geschehens.
Geschichten ohne Handlung
Leandro ist Venezianer und trauert um seine Geburtsstadt. Für Wut bleibt keine Zeit neben drei Jobs, zwei „im Nassen“, um „immerhin flüssig zu bleiben.“ Weil es keine Zukunft mehr gibt, sah er auch keinen Sinn mehr darin, sein Geschichtsstudium fortzusetzen. Nur der Trost einer universellen Sprache bleibt: der Blues. Anders Helen, sie ist Ökonomin. Sie hatte Ideale, aber seit die Realität endgültig gesiegt hat, fristet sie ihr Dasein als Fotomodel und melancholische ASMR-Künstlerin. Ferner ist da Dirk, ein Klimaforscher, der sich nach der „Katastrophe“ von Stereoiden und Alkohol ernährt. Schließlich gibt es Marlène. Einst hat sie Psychologie studiert und als talentierte Psychiaterin für „Ärzte ohne Grenzen“ gearbeitet, um ihr Selbst und die Welt zu erkennen und zu verändern. Nun saugt die Depression ihr die Lebenskraft aus. Sie liegt im Bett und leidet an ihrer Sehnsucht nach Menschen. Alle Figuren eint ihre Einsamkeit. Mit guten Absichten sind sie in die Welt gezogen, aber an ihren Klippen zerschellt. Sie haben Schiffbruch erlitten. Sie sind Wrackmente verwrackter Verhältnisse, in gewisser Weise leibnizianische Monaden ohne Klassenzusammenhang und kollektiven Widerstand. Das Kapital ist stärker als das darunter leidende Individuum. Meisner will zeigen: Atlantis ist hier und heute.
In der Tat bleibt es bei diesem Geschehen. Es gibt keine Handlung mehr. Das ist folgerichtig. Handlung ist nur da möglich, wo sie Negation einer Situation ist, aus der andere Zustände folgen. Wenn aber die Situation selbst negativ ist, handelt keiner mehr. Dann friert der Zustand zur Permanenz ein. Das ist das apokalyptische Venedig von Meisner – dystopische Prosa als Anschauungsunterricht des Weiter-so. Entsprechend klingen die beiden Epiloge wie der Abschied einer von Naturzerstörung, Massentourismus, kapitalistischer Ausbeutung und neoliberalem Freiheitsfetisch verwüsteten Erde, die nichts zurücklässt außer das Ende der Zeit, das Ende der Menschheit, das Ende realer Hoffnung, das Ende der Überwindung vom Ende. Der Point of no Return ist das Ende. Ein planetarischer Alptraum. Und doch streut Meisner Sätze in seine Prosa wie „unerreicht ist das Leben, nicht unerreichbar“. So wird man die Novelle lesen müssen und darf gespannt sein, was der Autor (geb. 1993) noch an Prosa fabrizieren wird.
Der Mensch ist kein Fisch. Er hat keine Kiemen. Ohne Erde unter den Füßen wird er verwracken. Wenn nicht durch Wasser, so – wie in Los Angeles – durch Feuer. Dann würden nicht mal Kiemen helfen – nur die Überwindung der Herrschaft des Kapitals über die Arbeit, nämlich durch die Arbeitenden.
Von Mesut Bayraktar, 29.04.2025
Lukas Meisner: »Wrackmente«. Kopf & Kragen, broschiert, S. 90, 16 €.
Hinweis: Die Rezension wurde erstmals in der Literaturbeilage zur Leipziger Buchmesse im nd.aktuell am 25.März 2025 veröffentlicht.

