„Park“ von Marius Goldhorn ist ein seltsamer Roman und ein gutes Beispiel dafür, dass Form und Inhalt zwar getrennt voneinander betrachtet, aber nicht getrennt voneinander begriffen werden können. Sie gehören zusammen.
Die Handlung von „Park“ ist schnell erzählt. Auf einer Party in Berlin lernt Arnold Odile kennen. Sie verbringen sechs Monate miteinander, dann geht sie nach London an die Kunsthochschule. Arnold bleibt zurück. Eines Tages erhält er eine Einladung von Odile, ihr bei einem Filmdreh in Griechenland zu helfen. Er sagt zu, macht einen Zwischenstopp in Paris, reist schließlich weiter nach Athen. Das Wiedersehen verläuft nicht, wie er es sich erhofft hatte. Odile hat jetzt lange Haare, trinkt Weißwein. Sie hat sich verändert, während Arnold sich fragt, wie es ist, erwachsen zu werden. Zwar schlafen die beiden noch einmal miteinander, aber es gelingt ihnen nicht so recht, an die vergangene Zeit anzuknüpfen.
Das Besondere an „Park“ ist nicht die Handlung, sie stellt sich als ebenso nebensächlich heraus wie alles Übrige, das Goldhorns Hauptfigur umgibt. Arnold erfährt die Welt als ein großes Nebeneinander, selbst die Liebe stiftet ihm keinen bleibenden Sinn. Sie ist nur eine weitere Zeile auf der Rechnung einer unzugänglichen Welt. Darum geht es in „Park“, um Entfremdung. Und Goldhorn liegt daran, sie seiner Leserschaft erfahrbar zu machen.
Das große Nebeneinander
Obwohl wir extrem nah an Arnold dran sind, schreibt Goldhorn seinen Roman in der dritten Person. Es handelt sich nicht um einen allwissenden Erzähler, sondern um einen, der Arnold eng im Nacken sitzt, nur weiß, was auch Arnold weiß, fühlt, denkt oder tut. Zum Teil ergeben sich daraus mühselig zu lesende Passagen, in denen eine Belanglosigkeit auf die nächste folgt. „Arnold nahm sein iPhone. Es war 17:03 Uhr. Er dachte: In drei Tagen bin ich in Athen. Er öffnete Google Maps, blickte auf die Karte und den blauen GPS-Punkt. Arnold dachte, eigentlich bin nicht ich das, sondern mein iPhone.“
Gelegentlich schiebt Goldhorn aber auch gesellschaftlich relevante Ereignisse unter. Sowohl in Paris, als auch in Athen finden während Arnolds Aufenthalt Demonstrationen statt. In Athen gerät er zufällig unter die Demonstranten. Als er sie sieht, ergreift ihn eine „Event-Lust“. Gedanken, warum die Menschen auf die Straße gehen, macht er sich keine, stattdessen denkt er bei den Ausschreitungen an ein barockes Theaterstück. Nach einer Weile greift die Polizei ihn auf, drückt ihn auf den Asphalt und nimmt ihn mit. Als er später gefragt wird, was auf den Protesten los war, antwortet Arnold: „Ich weiß es nicht“.
Goldhorn geht hier sehr konsequent vor. Die dünne Trennlinie zwischen Erzähler und Hauptfigur ist beabsichtigt, auch die Willkür des Erzählten und das protokollarische Aufzählen und Ineinanderschieben von belanglosen Alltagsabläufen mit Widerstand und Protest. Es drückt Arnolds Weltbezug aus, seine Verlorenheit. Der Roman könnte auch von ihm selbst stammen, der nicht anders als in der dritten Person von sich zu erzählen weiß, als wäre es die Geschichte eines Fremden. Das erinnert an Charaktere wie Niko aus dem deutschen Spielfilm „Oh Boy“ oder Camus‘ Meursault aus „Der Fremde“. Ähnlich wie Camus bedient sich Goldhorn vieler Hauptsätze, um die Indifferenz und Unempfindlichkeit seiner Hauptfigur darzustellen – Unempfindlichkeit auf der einen Seite, Schübe von Panik, Grübeln und häufiges Phantasieren auf der anderen. „Arnold spürte eine ungenügend unterdrückte Angst, sich nie wieder normal unterhalten zu können. Er wurde nervös, und erst die Möglichkeit, sich später vom Balkon zu werfen, beruhigte ihn.“
Der Ort der Entfremdung
Aber woher kommt die Entfremdung? Der Roman gibt darauf nur oberflächliche Hinweise, deutet vor allem auf Arnolds Beziehung zu seinem iPhone und Macbook, durch die vermittelt er sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzt. Zufällig ausgelöste, kurze Anflüge von Neugier, gelegentliches Sich-Wundern, etwas verstehen zu wollen – alles fließt bei Arnold im Internet zusammen, scheucht ihn über Wikipediaartikel oder YouTube-Videos, die im nächsten Augenblick schon wieder von einem weiteren Schub eingeholt werden. Durch das Internet ist die Welt jederzeit abrufbar, aber es sind nur Fragmente, kontextlose Abbilder, tote Informationen. „[Arnold] fühlte sich von Informationen beschmutzt.“ Er fühlt sich beschmutzt, weil die oberflächlichen Antworten auf seine Fragen das aufkommende Interesse gleich wieder ins Gegenteil verkehren, in Desinteresse und Fremde.
Das Internet ist aber nicht der Grund für die Entfremdung. Sie kommt aus einem anderen Bereich, aus der Ökonomie, wo das Gesamtprodukt Welt täglich durch Arbeit produziert wird, aber nicht ihren Produzenten, den Arbeitern, gehört. Arnold nimmt an dieser Produktion nicht teil, aber dem Ergebnis einer enteigneten Welt ist er genauso ausgeliefert. Hier liegt sein Dilemma. Ihm entgeht der Widerspruch zwischen Herrschenden und Unterdrückten. Zu den Herrschenden gehört er nicht, und zu den Unterdrückten hat er keinen Kontakt, kein Bewusstsein von ihnen. Stattdessen löst Arnold den Klassenwiderspruch in dem Wörtchen „Menschheit“ auf. Das verschiebt den Konflikt in sein Herz, wo er daran scheitert, ihn zu bewältigen, sich zunehmend der Wirklichkeit entrückt, sodass er beginnt, die Perspektive Außerirdischer einzunehmen, von denen er fantasiert, sie könnten die Welt entweder aus Furcht vor der Menschheit zerstören oder kommen und sie retten. „Wir haben genug Schaden angerichtet. Vielleicht wollen sie nicht, dass wir auch noch Kriege im All führen. Sie wollen nicht, dass wir das gleiche Chaos außerhalb der Erde anrichten.“
Technik und Gehalt
Arnold ist eine anschauliche Aufführung eines postmodernen Bewusstseins, jemand, der so wenig Sinn und Gemeinschaft in der Gesellschaft erfährt, wie bürgerliche Verhältnisse sie zulassen. Krieg, Armut und Ausbeutung sind als das Ende der Geschichte ausgerufen worden, danach kommt nichts mehr, besser geht es nicht. Arnolds gehemmtes Lebensgefühl ist ein Spiegel dieser Lage. Er ist vereinzelt, aus dem Zusammenhang gerissen, sinnentleert. „Ich fühle mich wie jemand aus einem Sci-Fi-Movie, der in Kryostase gesteckt wurde, fünfzig Jahre später aufwacht und nicht mehr weiß, was seine Mission ist.“
Goldhorn ist es außerordentlich gut gelungen, die Entfremdung seiner Hauptfigur zu Papier zu bringen. Aber genau hier liegt auch das Problem des Romans. Ihm fehlt Perspektive, so wie Arnold in der Entfremdung stecken bleibt, bleibt Goldhorn im Ausdruck der Entfremdung stecken. „Park“ ist zwar ein technisch durchdachter Roman, gut geschrieben, leider aber auch ein Beispiel dafür, dass ein guter Stil noch kein gutes Buch macht.
Von Kamil Tybel, 04. November 2024
Marius Goldhorn, „Park“
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
179 Seiten, 15,00 €

