Weckruf.

Wir, die Jugend, sind die Zukunft des Landes – die Inspiration von heute, die Macher von morgen!

Die Säulen einer jeden Gesellschaft, auf denen sie steht, wächst und fällt, sind die gemeinsamen Werte all ihrer Mitglieder. Was die Allgemeinheit betrifft, betrifft auch jeden. So wie die Säulen einer Gesellschaft den Zusammenhalt aller sichern, so gewähren persönliche Werte den Halt des Einzelnen. Nicht zuletzt sind es die Werte, die dem Selbst¬bild, um nicht zu sagen Selbstwertgefühl, das geben, was ihrem Dasein unentbehrlich ist: einen Nährboden!

Bald ist es wieder soweit: die zeremonielle Selbstinszenierung der Politik ruft am 22.09.2013 zur Nutzung des demokratischen Rechts der Wahlstimme auf. Man meine, jene Tage seien Vorgänge gesellschaftlicher Festlichkeiten, ja zyklische Höhepunkte einer lebendigen Demokratie, in denen sich der Bürger als Souverän einstweilen emporhebt, um von seinem natürlichen Selbstbestimmungsrecht Gebrauch zu machen und zugleich ausrufen zu können: „L’état, c’est nous! Der Staat, sind wir!“ – ein demokratisches Erlebnis. Doch, wird Demokratie lediglich in Wahlen gelebt? Wessen Wohl und Willen ist Politik verhaftet? Wem gegenüber hat sie eine Bringschuld? Gestalten wir wirklich noch mit, oder werden wir gestaltet?

Sicher ist: Demokratie bedeutet mehr als alle vier Jahre aus einer politischen Regungslosigkeit zu erwachen, mehr als ein durch Wahlen dem Gewissen befreiender Trug. Gelebte Demokratie geht über den schlichten Gang zur Wahlurne und über einen Markt, der sog. Wettbewerbsregeln gehorcht, hinaus. Sie verlangt Achtsamkeit und demokratische Tugenden ab. Ihr dynamischer Geist weht über jedwede Grenzen hinweg und dürstet stetig nach emanzipatorischer Freiheit, wie in einigen Teilen der Welt gegenwärtig zu sehen ist. Dabei folgt sie nur einem Gesetz: der Mündigkeit des Menschen. Demokratie, eine Identitätsstiftung durch Interessenausgleich, ist eine Geisteshaltung, die sich einer Verantwortung in allen Be-reichen der Gesellschaft verpflichtet fühlt. Ein stetiger Prozess, der ohne Mitgestaltung stagniert. Wo Verantwortung ist, entsteht Bereitschaft – Wo Bereitschaft entsteht, wächst Mündigkeit.

Die Peripherie Europas, mitsamt einigen großen Volkswirtschaften und kulturreichen Völkern, scheint Tag ein Tag aus zu zerbröckeln, das europäische Band droht zu zerreißen, vielerorts kämpfen junge Menschen gewaltlos um ihre Zukunft und wir wahren mit fast stoischer Geduld unsere Haltung im Nichtstun. Wir richten es uns im Gefängnis des Konsums immer gemütlicher ein, suchen Erlösung im Bombardement der Werbung, finden unseren Glauben in der Diktatur des Fernsehens und schaffen uns eine vermeintlich „bessere“ und „angenehmere“ Welt im Internet – Ein ständiges „Upgrade“; Eine Farce.

Das Miteinander wird verdrängt durch das entfremdende Prinzip der Ich-Vermarktung. Marktnormen durchbrechen den Bereich ihrer Zuständigkeit und verdichten sich zum Goliath unseres Alltags. Stimmen in unserem Kopf entstehen und wollen uns weiß machen, dass wir uns selber vermarkten müssen, da sonst kein Platz für uns auf dieser Welt sei. Alles, ob Mensch, oder Ressource, wird in die Gluthitze eines Schmelztiegels geworfen, um dem „ominösen“ Markt von Nutzen zu sein. Alles dient zur Opfergabe eines gemeinsamen Gottes, um dessen Wohlwollen gestritten wird. Gottessegen ist heilig. Gott ist Wachstum und Wachstum ist alternativlos: Die Botschaft marktkonformer Demokratie. Ein Irrlicht.

Statt die schier unendlichen Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung, die uns diese Welt bietet, wahrzunehmen, laufen wir blind einer Illusion von Glück hinterher, die sich allein durch materiellen Wohlstand definiert. In unserem stetigen Fortschrittsdenken haben wir ein Monster geschaffen, welches zügellos und ohne jegliche Rücksicht auf unseren Werten trampelt. Wir lassen einfach so einen Teil unserer Freiheit verkommen, indem wir es uns leicht machen. Schlimmer noch, wir lassen unseren Charakter kastrieren, ja auf einen Produkt reduzieren. Nicht die Einzigartigkeit jedes Einzelnen definiert uns, sondern eine Marktanalyse. Unsere Werte liegen im Sterben und schwinden langsam dahin. Unsere Moral verwahrlost. Die Politik, die für unsere Interessen einzustehen hat, verbiegt sich mit jeder Entscheidung zu Gunsten des Wirtschaftswachstums. Sie ging eine Ehe mit ihr ein und nun sind wir es, die die verfaulten Früchte dieses unseligen Paktes ernten müssen. Unser Nährboden wird vergiftet. So wie eine Pflanze Erde, Sonnenlicht und Wasser braucht, um gedeihen zu können, so braucht der Mensch gesunde soziale Verhältnisse, um sich in Würde authentisch entfalten zu können.

Was im Kindesalter als Tugend gelehrt wird, scheint im Erwachsenenalter als Laster zu gelten – wo gerade dies doch unabdingbar für das seelische Gleichgewicht des Miteinanders ist: Ehrlichkeit!

Wie kann eine Gesellschaft behaupten ‚erfolgreich‘ zu sein, wenn kein Tag vergeht, an dem sie nicht obsessiv an ihren fadenscheinigen Lügen arbeitet? Wie, wenn Selbstherrlichkeit der Ausgang von Erfolg ist? Wenn es mit einem Maß misst, in dem die Ängste und Sehnsüchte der Menschen nicht berücksichtigt werden! Die Existenzbedingungen unserer Gesellschaft sind so aufgestellt, gar mechanisiert, dass sie nicht für das gerechte Zusammenleben gemacht sind. Für den Menschen bleibt nur das sinnentleerende Lügenkarussell, um all das Leid, all die Missstände, die Nöte, den Hunger, die Kriege, die Waffen, das Wettrüsten, die Toten, Kranken und Armen spielend vergessen zu machen. Wenn Einer eine Lüge behauptet, ist er schlicht ein Lügner. Wenn Einige eine Lüge behaupten, gelten sie als krank. Wenn Viele eine Lüge behaupten, nennt man sie ideologisch verblendet. Wenn die Mehrheit lügt, dann wird die Lüge zur Wahrheit. Dieses Lügenkarussell schafft sich seinen bewusstlosen Stereotyp, der per Knopfdruck die goldene Formel für Erfolg wiedergibt: „Du musst dich verkaufen können!“, heißt es. “Schaffst du es nicht, dann bist du zu Nichts zu gebrauchen, dann bist du wertlos!“ Der Schein schwingt den Taktstock, die Wahrheit hinkt hinterher.

Aber wenn unverfälschter Ausdruck der Indikator für Aufrichtigkeit ist, dann ist die Vermarktung meiner selbst eine Lüge, mein Selbstbild eine Illusion, mein Selbstwertgefühl ein Preis. Erkenne dich. Wie viel bist du wert?

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