Unwetterwarnung in der Weltwirtschaft

11950875_1191569770868917_643809379_nEin weltweites Gewitter hat sich vor 2 Monaten mit Turbulenzen auf dem chinesischen Aktienmarkt angebahnt und ließ am „schwarzen Montag“ (24.08.2015) seine ersten Donnerschläge auf Finanzmärkte in Amerika, Europa, Japan und zahlreichen Schwellenländern nieder.

Der Crash in China ist nicht primär die „Schuld“ Chinas. Diese Vereinfachungen einiger Federn in Gut und Böse, Schuldig und Geschädigt verzerren das Bild: die zu hohen Erwartungen, die an chinesische Finanzmärkte gerichtet wurden, waren kein neues Phänomen. Der Aktienboom, der als solcher in allen Aktienmärkten weltweit regelmäßig aufkommt, ist zu vergleichen mit einer riesigen Welle, die sich definitiv in die Form einer gigantischen Lawine verwandeln wird. Allerdings sehen sich auf solchen Märkten agierende Finanzakteure als coole Surfer, die meinen, ziemlich genau zu wissen, wann die Welle einstürzen wird. Sie surfen wider besseren Wissens der drohenden Einsturzgefahr weiter auf der Welle, um noch ein wenig mehr von ihrem Aufbäumen zu profitieren. Genau dies geschah nun einmal eben, diesmal in China.

Zur Erinnerung: 2007 passierte Ähnliches in Amerika (Immobilienblase). Pikant ist, dass in beiden Fällen gerade der Versuch, ärmere Bevölkerungsteile am Finanzmarkt teilnehmen zu lassen, zur endgültigen Eskalation führte. In Amerika wurden kapitallosen Familien Kredite zum Wohnungsbau gewährt. In China wurden kapitallosen Einwohnern Kredite zur Spekulation am Aktienmarkt gewährt. Beide Male kam es dadurch zur Überproduktion, also Überangebot von Häuserkrediten oder Spekulationskrediten seitens der Banken. Beide mal hatte es seinen Anteil an gigantischen Wellen auf Finanzmärkten. Es ist, als würde der Versuch auch kapitallose Bevölkerungsgruppen, die die überwältigende Mehrheit der Menschheit darstellen, am Profit der Kapitalmärkte „partizipieren“ zu lassen, eben diese Bevölkerungsgruppen im Zuge des Verlustes und der Verschuldung in nur noch tieferes Elend stürzen. Da Banken in ständiger Konkurrenz zueinander stehen, vergeben sie gerne Kredite an weite Bevölkerungskreise, um Marktanteile zu gewinnen. Die kontinuierlich fallende Profitraten altbewährter Investitionsalternativen sowie staatliches Drängen begünstigen zudem die risikoreichere Kreditvergabe. Vermögende Kapitalmarktakteure bedanken sich für die zunehmende Kapitalakkumulation auf Immobilien- oder Aktienmärkten, welche zunächst den bereits reichlich Kapitalbesitzenden zugutekommt. Ihr Vermögen an den Kapitalmärkten wird im Zuge der Kapitalzufuhr und somit Konsumzufuhr steigen, da ihr Vermögen begehrenswerter wird. Das Kapital konzentriert sich somit paradoxer Weise gerade bei Öffnung für weite Bevölkerungskreise zunehmend in wenigen Händen. Auch weil ein Informationsvorteil mittels professioneller Angestellter sehr vermögender Kapitalmarktakteuren einen profitablen Ausstieg vereinfachen. Partizipation am Kapitalmarkt würde somit für einfache Anleger weiter Bevölkerungskreise meist weitere Enteignung (neben der Ausbeutung der Arbeitskraft) bedeuten. Doch bleiben wir beim Wesentlichen.

Beschäftigen wir uns mit der einstürzenden Welle, der Lawine, die auch diesmal folgen wird, stellen wir fest, dass die Situation eine etwas andere als 2007 ist. Anders als der amerikanische Finanzsektor, ist der chinesische Finanzsektor weit weniger verflochten mit internationalen Investoren. Ausländer konnten schlichtweg kaum in den chinesischen Finanzsektor investieren. Dies beruhigte zunächst vor 2 Monate bei Ausbruch der Turbulenzen in China viele Investoren in Amerika, Europa und Co.

Was nun jedoch folgt, ist ein Einbruch der weltweiten Nachfrage beginnend mit China an Waren und Dienstleistungen auf den globalisierten Märkten. Die Kursverluste in den Aktienmärkten nahmen vielen chinesischen Kleinanlegern ihr Kapital und somit die Möglichkeit zum Konsum. Zahlreiche potentielle chinesische Investoren zählten ebenfalls zu den Verlierern der anhaltenden Lawine. Beides drückt auf den chinesischen Import ausländischer Waren, immerhin die zweitstärkste Importnation weltweit (hinter Amerika). Das ist eine fundamentale Hiobsbotschaft!

Der Anteil an Waren, der an China exportiert wird, beträgt in Japan 3% des BIP, in Deutschland 2% des BIP, in Lateinamerika 2% des BIP sowie in den USA 1% des BIP. Betrachtet man nur die vier genannten Gebiete, beläuft sich die Summe auf etwa $ 450 Mrd., wobei andere europäische Länder oder süd-ost-asiatische Schwellenländer noch nicht berücksichtigt sind. Ein Gedankenspiel: sinkt diese Summe um beispielsweise 10%, so sind das $ 45 Mrd. weltweiter Nachfrageverlust. Eine gigantische Summe, die noch viel höher ausfallen könnte, bedenkt man die hohe Abhängigkeit der Schwellenländer von chinesischer bzw. weltweiter Kaufkraft. Ein riesiges, systemisch bedingtes Nachfrageloch würde entstehen, welches bereits produzierte Waren teilweise überflüssig machen. Geringerer Absatz und geringerer Profit wären die unmittelbaren Folgen für Unternehmen, wodurch zwingend Aktienkurse Deutscher, Japanischer und Co. Unternehmen ebenfalls beginnen würden zu sinken (da einzig steigende Kurse oder erwartete Dividende Profitquellen von Aktien sind, die beide unmittelbar vom erwarteten Gewinn abhängen; Aktienkurse sind immer zukunftsorientiert bewertet). Es beginnt der vermeintliche Unterschied zur Krise 2007 zu schwinden, da Unternehmen und Aktienmärkte weltweit systembedingt durch die Globalisierung in Mitleidenschaft gezogen würden. Um den Gewinneinbruch abzufedern würde zunächst an den Kosten geschraubt werden: Arbeitsplatzverlust oder Lohnsenkung würden folgen.

Anzeichen für Unwetter gibt es zudem auf dem Rohstoffmarkt. Dazu ein vereinfachendes Beispiel: Nehmen wir an, wir bauen 1000 Tische pro Monat, von denen 400 an China geliefert werden sollen (was für die deutsche Autoindustrie übrigens realistische Relationen sind). Plötzlich vermerken wir einen drastischen Einbruch an Nachfrage aus China und bestellen für kommenden Monat nur noch 2/3 der gerade üblichen Holzmenge.

Ein Anruf beim Holzfäller:

„Jo, ich brauch kommenden Monat nur noch 2/3 der üblichen Holzmenge“

„Und was mach ich mit dem Rest?!“

„Keine Ahnung… billiger verkaufen!“

Und eben genau das passiert gerade. Bereits gewonnene Ressourcen wollen verkauft werden. Sinkt nun die Nachfrageseite, müssen Verkäufer ihre Preise senken, um ihre Rohstoffe loszuwerden. Sinkende Rohstoffpreise, die nicht einer erhöhten Produktion folgen, resultieren also aus einer schwächelnden Nachfrage seitens Unternehmen, da diese beginnen weniger zu produzieren, da die Märkte gesättigt sind oder plötzlich nur noch weniger nachfragen können.

Beispielsweise sind Industriemetalle wie Kupfer, Zinn, Aluminium, Nickel oder Blei deutlich innerhalb des vergangenen Monats gesunken. Ebenso Agrarstoffe, wie Weizen, Holz, Raps, Lebendschwein oder Sojabohnen.

Wir stellen fest: die Wirtschaft kühlt ab, man produziert weniger und fragt weniger nach. Überproduktion im Rohstoff- und Warenmarkt ist eingetroffen, die Mutter aller Krisen. Betrachten wir nun die soziale Dimension, kann ein böses Erwachen – auch für wirtschaftsfremde Denker – den Seelenfrieden stören. Denn die logische Konsequenz aus alle dem ist eine geringere Nachfrage nach Arbeitskraft. Käme es nun tatsächlich zum deutlichen weltweiten Abschwung, stiegen Arbeitslosenzahlen und somit die Belastung durch Sozialleistungen vieler sowieso hoch verschuldeter Staaten. Bevölkerungen würden weltweit zu mehr „Flexibilisierung“ gezwungen werden, was so viel bedeutet wie Lohnsenkung, Leiharbeit, Zeitarbeit, Werkverträge, etc. Man denke an Italien oder Spanien in Europa, Brasilien in Südamerika oder Südafrika in Afrika. Es käme einem Erdbeben gleich. Die nächste Lawine könnte uns und unseren sozialen Wettbewerb samt seiner permanenten Konkurrenz in allen Lebenssphären weiter verschärfen. Wer weiß, vielleicht rollt sie schon an in gemachem Tempo. Doch mal ehrlich, wen wunderts?

Um Heuchelei entgegenzuwirken, versuchen wir es mit ein wenig Humor: die Reaktion einiger Staatschefs auf die derzeitigen Turbulenzen. So gaben Hollande und Merkel ein ungewöhnlich deutliches Statement und sagten, sie vertrauten (ihr Schicksal) vollkommen der chinesischen Regierung:

„Ich bin der Überzeugung, dass China alles in seinen Möglichkeiten stehende tun wird, um die wirtschaftliche Situation zu stabilisieren“ Merkel, 24.08.2015 in Berlin

Man möchte sich das auf dem Gemüt zergehen lassen. Die Regierungschefs der wirtschaftsstärksten Staaten der EU, die immerhin das größte BIP weltweit herstellt, predigen für gewöhnlich den kapitalistischen Neoliberalismus und die Kräfte freier Märkte, vertrauen und zählen aber gleichzeitig auf die staatsmonopolistisch kapitalistische, d.h. staatlich-autoritär dirigiert kapitalistische Regierung Chinas, welche durch staatliche, zentral geplante Maßnahmen und Verordnungen die Stabilisierung der Weltwirtschaft erreichen soll. Ein verwirrtes Grinsen ist wohl angebracht.

Soll uns unsere Verwirrung zu unserer letzten Frage bringen, wie es immer wieder zu solchen Krisen kommt. Die Entstehungsgeschichte derartigen sich aufbäumenden und wuchtig niederschlagenden Wellen liegt in dem kollektiven Bewusstsein des kapitalistischen Systems primär Profit zu erwirtschaften, was vor allem durch mehr Absatz, also mehr Warenproduktion erreicht werden kann (neben Effizienz, Innovationen, etc.). Kurzum: es sollen nicht Bedürfnisse befriedigt, sondern Waren abgesetzt werden. Es sollen nicht einfach Nachfrager bedient, sondern Absatzmärkte geschaffen und mit Waren überladen werden. Dieser Wunsch immer mehr abzusetzen folgt zwingend in Überproduktion. Sie gleicht wuchtigen Windstößen und Erdbeben bei der Entstehung ebenso wuchtiger Wellenbewegungen. Wer das nächste Mal Meldungen zu Rekordgewinnen von Apple, Bayer, Toyota oder BMW, historisch niedrigen Arbeitslosenquoten in Amerika und China, Rekordkursen am Dow Jones oder Dax hört, sollte sich der leise aufbäumenden Welle sicher sein. Doch statt das unruhige Meer zu hören, dominieren Rufe „wir brauchen ein Maskottchen!“. Ähnlich dem Murmeltier der Meteorologen, soll auch die Ökonomie bei Gewitterwarnungen das ihrige erhalten: Es grüßt täglich die allgegenwärtige Werbeindustrie selbst.

Von Andreas Bill