Rapport – Über die Vergessenen.

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Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.
Bertolt Brecht

Vorbemerkung:  Der Begriff ‚Rapport‘ mag befremdlich klingen, da man doch auch ‚Report‘ sagen könnte, doch er bezeichnet präzise das, was diese Schrift zu beabsichtigen versucht. In dieser Schrift handelt es sich nicht um einen objektiven Bericht oder, im Gegenteil, um eine subjektive Anschauung eines Gegenstandes. Es ist vielmehr die Verschmelzung der beiden in der Beobachtung einer Wirklichkeit, so wie sie mir dargeboten wurde. Der Rapport erhebt keinen Anspruch auf Objektivität, er synthetisiert sie. Er gibt nicht die Wirklichkeit in seiner reinen Form wider, wie ein Spiegel das widergibt, was man ihm vorhält oder wie ein Protokoll das aufnimmt, was dem Protokollanten in die Feder diktiert wird. Er verarbeitet das Erfahrene in der Mündung des Bewusstseins zu einer Darstellung. Der Leser wird einen Mehrwert von dieser Schrift über den Ausschnitt einer Wirklichkeit mitnehmen können, sofern diese Schrift einen Mehrwert hat. Das muss nun der Leser beurteilen. [1]

Bremen. Dienstag, 26.08.2014. 8 Uhr morgens. Der Wecker klingelte. Ich wachte auf. Die Heizung pfiff latent. Das Zimmer war warm und von Wärme überdeckt lag viel Geborgenheit im Bett. Ich hatte ein unbestimmtes, unruhiges Gefühl. Ein Unbehagen machte sich breit. Endlich, sagte ich mir, ist es soweit. Tags zuvor hatte ich mir ins Tagebuch notiert, dass ich auf die Eindrücke gespannt sei und vor allem auf die Gespräche mit den am Boden Liegenden, mit den Obdachlosen, die sonst anonyme Statisten eines gewöhnlichen Bahnhofsdurchgangs zu sein scheinen – der Alltag halt. Heute, dachte ich mir, wird eben nichts gewöhnlich sein. Es wird nicht alltäglich. Es wird nichts zu lachen geben. Dazu bestehe kein Anlass. Freilich, das wird nicht leicht, nein, das wird hart.

Der Morgen begann still und schleichend. Ich war schweigsam. Meine Gedanken waren nüchtern und zurückhaltend. Wörter waren nicht vonnöten; gesprochen wird ohnehin genug. Ich wollte mein Befinden erfühlen.

Nachdem der Kaffee gekocht war, versuchte ich den letzten Rest an Schlaf, der sich in mir verkrochen hatte, abzuschütteln. Dann zog ich mir meine Jacke über und wir, mein Partner und ich, traten raus durch die Haustür auf die Straße. Das Wetter war mild und lau. Einige Wolken schlichen hinweg über unseren Köpfen und ließen in ihrer Fragmentierung die Sonne erhaschen, die im Begriff war, die Erde zu umarmen. Auf den Scheiben der Autos hatte die Nacht ihr Dasein hinterlassen. Der unscheinbare Tau, der auf ihnen lag, bewies es. Gut, dass es Heizungen gibt, dachte ich mir, denn nachts kann auch eine Wohnung spürbar kalt werden.

Um 9:30 Uhr gelangten wir endlich bei der Inneren Mission Bremen an. Die aus dickem Glas beschaffene Hauptpforte war zersprungen. Ich fragte mich, mit welcher Wucht man gegen das Glas geschlagen haben muss und welches Motiv man dabei haben könne, da hier ja Hilfe angeboten werde. Ich beschwichtigte mich mit der Vermutung, dass der- oder diejenige entweder stark betrunken war, oder schlichtweg keinen Schlafplatz erhielt. Wie dem auch sei, sicherlich ein Wutausbruch aus Affekt.

Wir betraten das Gebäude und erfuhren, dass uns Jonas Pot D’Or, den wir in seiner Arbeit als Streetworker begleiten durften, bereits erwartete. Der Wegbeschreibung folgend kamen wir nunmehr an seinem Büro an. Wir klopften an die Tür, welche auch aus Glas bestand, er sah uns hindurch und winkte uns rein. „Sie sind also die Studenten, die mich heute bei meiner Kaffeerundfahrt begleiten werden.“ Wir nickten und er bat uns Platz zu nehmen.

Ein kleines, bescheidenes Büro, das so unscheinbar war, dass man es leicht hätte übersehen können und trotzdem schien es wichtig zu sein, da immer wieder Menschen eintraten und Jonas in jedweder Sache um Abhilfe baten. Das Zimmer war leicht verqualmt und roch, vermengt mit dem Tabakqualm, der umherglitt, nach gekochtem, starkem Kaffee. Neben dem Arbeitstisch befanden sich zwei Holzstühle, solcher Art, die man für gewöhnlich aus einem Schulzimmer kennt, und ein weiterer Sitzplatz war direkt dem Tisch gegenüber in der Mitte des Zimmer platziert. Auf der Vorderseite eines schulterhohen Schranks, rechts neben der Eingangstür, der gegenüber vom Arbeitstisch lag, hingen mehrere Porträtfotos – darunter: Name, Beiname, Geburtstag, Todestag. Wenn man hinter dem Arbeitstisch saß und seinen Blick hebte, mussten die Fotos einem ins Auge springen. Ich dachte mir, Jonas weiß, warum er seine Arbeit seit 17 Jahren verrichtet und woher er seine Kraft schöpft. Man darf nicht vergessen.

Ferner befand sich eine weitere Person in seinem Büro, Jürgen, der Jonas bei seiner Arbeit behilflich ist und der vermutlich selbst mal obdachlos war. Zumindest ist er Jonas dankbar dafür, dass er ihm helfen dürfe, da es ihm Struktur gebe und er eben Struktur unbedingt im Alltag brauche. Ich fühlte mich von den unzähligen Augen beobachtet, die sich in diesem Raum befanden. Ich war gedankenversunken.

Wir stellten uns vor und begannen uns allmählich kennenzulernen. Er gab uns einen Umriss im Hinblick auf die kommunale Situation der Obdachlosigkeit in Bremen. Vor allem beschwerte er sich viel über die Behörden, die nur mit Geldleistungen helfen würden, sobald aber Verantwortlichkeiten relevant seien, wie z.B. vor Gericht, sich als teilnahmslos gäben. Nachdem Jonas erfuhr, dass ich Student der Rechte bin, erzählte er mir über die Unzulänglichkeit vor Gericht Recht geltend zu machen – gerade, wenn man juristischer Laie sei. Auch die Kriterien, die von Wissenschaftlern für die Höhe finanzieller Sozialleistungen konzipiert seien, entsprächen nicht der Realität. Ich wies ihn darauf hin, dass das Sozialgesetzbuch unheimlich kompliziert sei und einem Laien das nötige Verständnis für die Logik des Gesetzes fehle. Das Gesetz hat seine eigene Sprache. Es spricht nicht in der Sprache der Rechtsträger, auch wenn es ihnen zu dienen hat. Man müsse Rechtsanwälte beauftragen, die für das Recht einstehen, das in Gesetzen schlummert. Schließlich sind sie dafür da. Seine Antwort kam prompt. „Tja, so ein Rechtsanwalt will aber auch ein üppiges Honorar. Uns fehlt es an Geld. Die Obdachlosen haben sowieso kein Geld. Und eine Lobby besteht für sie ohnehin nicht. Warum auch? In die Obdachlosen zu investieren, rentiert sich nicht. Und in einem reichen Land ist Obdachlosigkeit nun mal kein beliebtes Thema.“ – Paradox, aber auch logisch. Ich sagte mir, selbst das Recht hat sein Preis – bedauerlicherweise. Wie soll man Gerechtigkeit gewähren, wenn sich Recht mit Geld behauptet und wie soll das Recht Schwachen helfen, wenn die Starken das Geld haben?

Nichtsdestotrotz beteuerte Jonas, dass ohne die finanzielle Stütze der öffentlichen Hand und ohne ziviles Engagement, vor allem durch ehrenamtliche Mitarbeit, Hilfe an Obdachlose unmöglich wäre. Dann beanstandete Jonas, dass Mietpreise zügellos in das Maß des Unbezahlbaren steigen würden, trotzdem in Bremen leere Wohnungen freistünden. Dies liege vor allem in der zunehmenden Privatisierung des Wohnbausektors. Und die Wohnungen, insbesondere in zentralen Ballungsräumen, seien einfach zu teuer. Der Staat, so Jonas, wolle sich seiner Verantwortung entziehen – auch hier. Mein Partner echauffierte sich, hackte nach und befragte ungläubig den ominösen Staat, der sich fühlbar auch in diesem kleinen, kärglichen Büro zu befinden schien: „Wo bleibt denn da die Menschlichkeit?“ Menschlichkeit … alles verstummte für einen Augenblick; selbst die diffusen, hintergründigen Geräusche schwiegen. Das Wort klirrte in der Luft. Es hallte im Zimmer. Alles schien aufzuhorchen. Menschlichkeit. Es schwebte und zerrann und im nächsten Augenblick verflüchtigte es. Jürgen, der bisher kein Wort gemeldet hatte, außer, dass er mich auf das gemeinsame Frühstücken mit den Obdachlosen am kommenden Sonntag aufmerksam gemacht hatte, seufzte spöttisch: „Menschlichkeit! … “ Dieses Wort war zu zart und zu zerbrechlich als das es länger als einen Augenblick, als einen Wimpernschalg lang an einem rauen, trostlosen Ort wie der Straße etwas bedeuten konnte. Ein zaghaftes, gleichsam zerbrechliches Wort.

Eine Stunde war vergangen. Wir hatten uns erwärmt und schienen uns zu verstehen. Nachdem wir Jonas um ein, zwei Ratschläge baten, wie wir die Obdachlosen ansprechen sollten und er uns antwortete, so wie wir sonst mit Menschen zu sprechen pflegten, fuhren wir los. Treffpunkt war der Elefantenpark, der auf der Hinterseite des Bremer Hauptbahnhofs liegt.

Am Elefantenpark angekommen, warteten wir einige Minuten auf Jonas und Jürgen und dann waren sie auch schon da. Beide mit Rucksäcken ausgerüstet, in denen sich Kaffee, Schwarztee, Milchpulver, Zucker und Süßstoff befanden, gingen wir los zur sogenannten Rentnerbank. Rentnerbank eben darum, weil sich dort meist ältere Obdachlose zusammentreffen, die Bank kleinlich wie ein Wohnzimmer sauber halten – sie kehren sogar den Boden von Zigarettenstummeln frei und ärgern sich, wenn Schalen von Sonnenblumenkernen auf dem Boden zerstreut liegen! –  und plaudern. Wir trafen dort Wolfgang an – 70 Jahre, graues Haar, rasiert, gepflegter Schnurrbart, gelernter Mechaniker(?), Nichtraucher und nicht Alkoholiker. Jonas und Jürgen waren vertraut mit Wolfgang; nicht nur im Umgang, sondern auch persönlich. Uns gegenüber war er scheu. Natürlich, wir waren Fremde und Fremden gegenüber ist man zurückhaltend – distanziert. Er vermied unseren Blick. Zuweilen hatte ich das Gefühl, dass er gar unsere Anwesenheit ignorierte. Ich fühlte mich ausgeladen. Wolfgang wurde aber dennoch sichtlich heiter als er mit Jonas und Jürgen zu plaudern begann. Er genoss den heißen Kaffee. Das konnte er nicht verbergen, denn seine Wangen begannen sich leicht zu erröten, nachdem er ein paar Schlücke zu sich genommen hatte. Nebenbei konnte ich einen Blick darauf erhaschen, dass jemand ein kleines Häufchen Kerne auf den Boden, rechts neben der Parkbank, gestreut hatte, an denen sich zwei Tauben freuten. Jürgen sagte mir, dass das Wolfgangs Machenschaft sei. Links neben der Bank war sein Fahrrad, bestückt mit zwei seitlich am Hinterrad befestigten Behältnissen, an einem Baum angelehnt. Am Lenkrad war auch ein kleiner Korb, aus dem eine Sonnenblume auslugte. Vermutlich trug das Fahrrad sein spärliches Hab und Gut. Vielleicht war er auch heiter, weil ihm zuvor ein Passant eine kleine Box geschenkt hatte, in dem sich ein Stück Kuchen befand. Er hatte uns davon angeboten. Wir hatten dankend abgelehnt.

Ich wollte irgendwie kommunizieren, so wie man das sonst handhabt, wenn man unbekannte Menschen kennenlernt. Man beginnt sich auf der Oberfläche allgemeiner Themen, wie Sport oder dergleichen, anzunähern. Es wollte mir nicht gelingen, weil mir die Worte gefehlt hatten. Die Wörter waren mir im Halse verstummt, ehe sie meine Mundhöhle erreichten. Meine Zunge erstarrte. Sie wurde regungslos. In Momenten, in denen die Sprache versagt, bleiben nur Gefühle. Diese erste Begegnung mit einer Realität, die mir bis dato so fremdartig schien, hatte mich erschüttert. Als ich diesen Mann beobachtete, der mit all seinen Gebärden zu unterdrücken versuchte, dass er sich im miserablen Zustand befand, war ich bestürzt. Und je bestürzter ich war, da ich erkannte, dass er sich seinen Stolz zu wahren bemühte, desto schmerzlicher berührte es mich. Diese schmerzliche Berührung lies mich nicht mehr los. Sie umschloss mich. Von jener Begegnung an entsprach meine Gemütsverfassung über den weiteren Verlauf des Tages hinweg dieser schmerzlichen Berührung. Jetzt war ich gewappnet – irgendwie.

Mein Partner, der durch eine Arbeit bei der Caritas mehr oder weniger erfahren im Umgang mit solchen Situation war, hatte eine gewisse Souveränität bewahrt. Er sprach Wolfgang auf die Sonnenblume an. Dann fragte er ihn, ob er mal gearbeitet habe und wie alt er denn sei. Nach und nach konnten wir uns zunehmend vertragen. Nachdem Wolfgang dann zuvor abgelehnt hatte, Fragen von uns zu beantworten – wir haben eigens Fragen für das Gespräch mit Obdachlosen konzipiert[2] –, hatte er sich schließlich, nach Zuspruch von Jonas, doch überwunden und sich darauf eingelassen. Doch bestand er darauf, dass seine Antworten nicht aufgezeichnet werden sollten.

Er war in gewisser Weise ängstlich. Ihm und seinen Wörtern war anzumerken, dass er das Leben nicht mehr vor sich hatte, um es betrachten und anschauen zu können, wie etwas, was man Perspektive nennt, sondern, dass er es bereits hinter sich brachte und nunmehr als Ballast mit sich trug; ohne einen flüchtigen, verheißungsvollen Fixpunkt, ohne einer Hoffnung entgegenstrebend, die das Gewicht des Lebens Schritt für Schritt zu erleichtern vermag. Es schien, als werde dieser Mann von einer unanfechtbaren Vergangenheit verfolgt, die weder Erbarmen noch Güte kennt – die ausschließlich verurteilt. Er will lediglich über die Runden kommen; möglichst friedlich, möglichst einsam.

Wir zogen weiter. Unsere Schritte wirbelten auf dem sandigen Parkweg absatzhohen Staub in die Luft. Wir schwiegen. Zwischendurch sagte Jonas etwas, doch ich hörte nicht hin. Ehe wir zu sprechen begonnen, sahen wir Jakob auf einer Parkbank sitzen. Er schien recht alt, aber noch bei Kräften zu sein. Das Gesicht ein wenig von der Sonne verbrannt und umwickelt von einem grauen, durchwachsenen Bart, hatte Jakob eine korpulente wie kräftige Statur. Sein Körper machte den Anschein einer stämmigen und unumstößlichen Anatomie. Seine großen, zerfurchten Hände zeugten von Rüstigkeit. Jedoch war dies nur ein Zeugnis vergangener Tatkraft. Indes lag Erschöpfung auf ihnen. Sie waren müde. Auch seine Füße – er hatte Sandalen an – zeugten von gewisser Festigkeit. Sie sahen nicht schwach aus, waren auch nicht dürr, ganz im Gegenteil, schienen sie dazu erschaffen zu sein, lange Wanderungen auf sich nehmen und schweres Gepäck mit sich tragen zu können. Und trotzdem fehlte ihnen die Leichtigkeit des Wanderers. Die Hornhaut umschloss seine Füße und machte sie schwer. Außerdem trug Jakob eine Mütze, aus deren Rändern seine grau-schwarzen Locken quollen. Die Schirmmütze selbst, ein Elbsegler, stand im Zeichen hanseatischer Seemanns-Tradition. Wiewohl er zu Lächeln begann – und er frohlockte mit seinem Lächeln ausgiebig –, seine Wangen sich ballten, um seine zusammenkneifenden Augen über die Wangenknochen hinweg zu rollen und dann sein ganzer Gesichtsausdruck eine ganze Rundung schuf, sah er aus wie ein Matrose, der nicht in der endlosen Tiefe der stillen Meere, sondern in der endlosen Verirrung der wütenden Städte gekentert war. Er hatte viele Berufsbilder bekleidet, und zuvorderst war ihm eine Zufriedenheit anzusehen, als er uns mitteilte, dass er auch mal Bildhauer gewesen war. Jonas bot ihm Kaffee an, doch er wollte nicht. Als wir darauf zu sprechen kamen, was er im Allgemeinen von der Gesellschaft erwarte, stoß er einen Seufzer aus, ehe er antwortete. Im Grunde genommen wäre es leicht. Er erwarte Genügsamkeit. Wenn man die Schwelle zur Maßlosigkeit erreiche, würde das Maß-Halten mehr Glück bereiten als das Maß-Überschreiten; eine richtige wie nichtige Forderung in Zeiten zügelloser Raserei. Wir überließen ihn seiner Ruhe, die ihm als das einzige Gut blieb, was seiner täglichen Einsamkeit Süße verlieh.

Wir gingen weiter. Auf der anderen Seite des Parks fuhr ein Polizeiwagen im Schritttempo den Gehweg ab. Sie observierten vermutlich den Park –  aber weshalb? Sie passten nicht ins Bild.

Jürgen war verwundert, dass bei diesem Rundgang so wenig Obdachlose anzutreffen waren, die sich doch sonst gerne zum Elefantenpark zurückziehen würden. Hier wären sie zumindest abseits des öffentlichen Krawalls. Wie dem auch sei, nachdem uns jemand, den Jonas zu kennen schien, mitteilte, dass die „Anderen“ sich hinter dem Bahnhof an den an der Verkehrsstraße befindlichen Steinblöcken befänden, gingen wir dorthin. Die Auskunft war korrekt. Einige saßen auf den Steinblöcken, hinter denen sich der weitläufige Parkplatz der Bremer Messehallen befand. Zielgerichtet gingen wir auf die kleine Gruppe zu. Mein Partner und ich, die wir mit geringem Abstand hinter Jonas und Jürgen hergingen, folgten ihnen in aller Diskretion. Ich hatte das Gefühl, mich hinter dem Rücken unserer Vorhut zu verstecken. Vielleicht wollte ich mich schützen, ohne zu wissen wovor. Vielleicht wollte ich mich auch davor verwahren, in eine Gruppensphäre einzudringen, in der ich berechtigterweise als Fremdkörper gelten könnte. Man kann zwar bewusst handeln, und das tut man in den überwiegenden Fällen einer Handlung, aber man kann sich nicht bewusst Verhalten. Man verhält sich immer unbewusst. Das Verhalten entspringt oftmals einer Intuition, entweder der Art einer trainierten Selbstbeherrschung oder der schlichten Unbeholfenheit. Bei mir war es Zweiteres. Ich war verhalten.

Sie hatten sich sichtlich gefreut, als sie Jonas entgegenkommend sahen. Die Rucksäcke wurden abgelegt. Kaffee wurde verteilt; „Mit Zucker und Milch?“ Jonas stellte uns vor. Sodann plauderten sie mit Jonas und Jürgen. Ich wurde auf einen jungen Mann aufmerksam, der nicht älter als ich sein konnte. Er war schlank und jugendlich. Sein Gesicht war knabenhaft. Seine Haare waren kurz geschoren. Er hatte eine dünne, schwarze Regenjacke an und angesichts seiner eng an den Beinen liegenden, sandfarbenen Cordhose fielen seine großen Stiefel auf. Er beobachtete uns, oder mich, argwöhnisch, nicht feindlich, sondern so, als wolle sein Blick sagen: „Was wollen die hier?! Die gehören nicht hierin.“ Er saß neben einem ziemlich alten, fast schon zerbrechlichen Mann, dessen Augen durch sein faltenreiches Gesicht überlappt waren. Wenn dieser sprach, dann so, als würde er jauchzen und stöhnen. Ich konnte ihn nicht verstehen, wusste aber, dass er leidet. Neben ihm waren Krücken. Um ihn verstehen zu können, musste man sein Ohr in kleiner Distanz an das von ihm Gesprochene anlegen. Der junge Mann schien ihn zu verstehen. Er hatte ihm ein Baguette gebracht. Scheinbar kümmerte er sich um ihn, wie ein Enkel sich um seinen Großvater kümmert. Dann trat der junge Mann uns näher und fragte Jonas in einem zittrigen, leisen Ton, dem eine große Demut inne zu wohnen schien, um einen Kaffee für den alten Herren. Als Jonas den gefüllten Becher dem jungen Mann überreichte und dieser den Becher mit seiner rechten Hand umfasste, stach mir eine tiefe, bereits vernarbte Schnittwunde ins Auge, die sich über die Mitte seiner Handoberfläche zog. Dann schaute ich, nachdem er sich umgedreht hatte, auf seine rechte Hand. Auch sie, dieselbe Narbe. Die Schnittwunden waren sehr akkurat und gleichläufig. Ein Schauder, der mir auf der Brust zerrann, flüsterte mir, er hat sich umzubringen versucht. Er überbrachte dem Herren sein Kaffee und nahm neben ihm Platz. Dann schaute er geradeaus ins Leere, andächtig, als ob er, in der Leere versunken, Gedanken formte, die nur ihm gehörten. Dabei war er schweigsam; irgendwie losgelöst vom Jetzt. Seine Haltung nahm die eines Gläubigen ein, der zu seinem Gott betet, weil er niemanden mehr als diesen hat, der ihn anzuhören und zu verstehen weiß.

Unterdessen kam mein Partner mit Michael ins Gespräch. Er war schmächtig und trug eine schwarze Kappe. Michael erzählte uns, dass er seit einigen Monaten eine Wohnung habe. Er besuchte zurzeit ein Entzugsprogramm – Drogentherapie. Doch trotzdem kommt er ab und an auf die Straße, um seine ehemaligen Leidensgenossen zu besuchen und mit ihnen zu plaudern. Schließlich hatte man nicht nur dasselbe Leid geteilt. Mit der Zeit hatte man auch Freundschaften geschlossen. Er sprach leise und zaghaft. Er war schüchtern. Sein Anspruch an seine Mitmenschen war ebenso bescheiden wie elementar. Er wolle, dass die Gesellschaft ihm auf gleicher Augenhöhe begegne und er auf gleicher Augenhöhe mit ihnen sprechen könne. Das soll nicht missverständlich sein. Er meinte nicht Trost. Nicht die Gesellschaft hat sich ihm gegenüber zu beugen, auch nicht er hat sich der Gesellschaft gegenüber aufzurichten; sich auf gleicher Augenhöhe begegnen bedeutet einander Respekt zu zollen.

Anschließend sprachen wir mit Klaus. Er war Anfang vierzig und ehemals der Drogensucht verfallen. Nachdem die Mauer gefallen war, ist er in den 90er Jahren nach Bremen umgesiedelt, dem Wohlstandsversprechen der Bundesrepublik entgegen, um einen neuen Job zu finden. Klaus war Vater von vier Kindern, die in einem Kinderpflegeheim in Bochum erzogen werden. Es sei besser, sagte er, dass sie in einem Kinderpflegeheim seien, da es ihm dann leichter möglich war, sie regelmäßig zu besuchen – was er tun würde. Bei Pflegeeltern sei das weitaus schwieriger, da zum einen die den Kindern aufgebaute Verbindung der Pflegeeltern eine Zusammenkunft erschwere und zum anderen, da die Kinder selbst sich ihm gegenüber dann entfremden würden. Nach dem Umzug nach Bremen und in Ermangelung an Arbeit war die Straße der einzige Ort, der ihm einen Schlafplatz darbot. In der DDR war nicht alles gut, doch er habe zumindest Arbeit und soziale Sicherheit gehabt. Er wollte die Einheit. Er fühlte sich nur betrogen. Statt Ostdeutschland zu „annektieren“, habe er sich vielmehr gewünscht, dass man „das Beste von beidem in einem einheitlichen Deutschland vereinigte.“ Jetzt suche er nach Arbeit und vor allem nach einem Obdach, wobei die Mietpreise unmöglich zu bezahlen seien. Er kämpfe sich durch. Man kann nur kämpfen, wenn man keine Wahl hat. Aufgabe hieße Tod.

Die Zeit verflog. Jonas schlug vor, auf die Hauptseite des Bahnhofes zu gehen, da sich auf der Wiese vor dem Übersee-Museum auch einige Obdachlose befänden. Gesagt, getan! Wir verabschiedeten uns und die Obdachlosen trugen uns zu, dass man unser Unternehmen wohlwollend bewerte.

Wir gingen quer durch den langen Bahnhofsgang. Alles um uns herum hatte die ihm anhaftende Eile, die alles in ein monotones Tempo versetzte – Beschleunigung. Passanten, Durchreisende, Pendler, Bäcker, Einzelhändler, Bahnmitarbeiter, Sicherheitskräfte, Polizeibeamte und Durchsagen, Züge, Gleise, Nummern, Preise, Zahlen, Uhren, Werbetafeln, Bücher, Zeitschriften, Verkaufsprodukte, Vitrinen, kurz, Alles unterlag dem Diktat des Fort-Schreitens, des Fortschritts. Vom dunklen, einsamen Boden des gesellschaftlichen Abgrundes zur leuchtenden, glitzernden Spitze gesellschaftlichen Treibens kommend, schien mir dieses Schauspiel eine Verfolgungsjagd zu sein. Doch wer war der Verfolger? Alles schien den Platz des Hermes einnehmen zu wollen, der als Götterbote, so sagen es die griechischen Mythen, schneller als das Licht gewesen die Beschlüsse der Götter, vornehmlich des Zeus, verkündete und die Seelen der Verstorbenen zum Hades führte. Doch wer waren die Götter und was waren ihre Beschlüsse? An einer Ecke sah ich einen Obdachlosen, äußerlich verwahrlost, um Almosen betteln und die Beschleunigung erlahmte in ein Erstarren – eine Atempause lang. Ich dachte mir, welch‘ kollektiver Wahn.

Am Übersee-Museum angekommen stießen wir auch zu der nächsten Gruppe. Alle begrüßten sie Jonas. Beim Verteilen des Kaffees sprachen wir Christian an. Er war recht freundlich, aber nur deswegen, wie er sagte, weil wir zu Jonas gehörten. Er war klein, leicht pummelig und vermutlich Mittdreißiger. Er hatte lichtes Haar und verhaspelte sich hier und da beim Sprechen, weil er rasch sprach und die Wörter sich deswegen nicht aneinander reihten, sondern ineinander griffen. Nichtsdestotrotz konnte man ihn leicht verstehen. Er hatte eine hektische Gestikulation, was man sonst auch vom Umkreis seiner Mitmenschen kennt, die zu sprechen beginnen ehe sie fertig gedacht haben. Mittlerweile hatte Christian wieder eine Wohnung. Doch zur Zeit seiner Obdachlosigkeit zog er das Straßenleben einem Obdach in öffentlichen Wohnheimen vor, da, erzählte er uns, „in öffentlichen Heimen systematisch geballert werde.“; also Drogen konsumiert werden. Das wollte er nicht, zumindest, wenn er wieder zur Normalität zurückkehren wollte. Er erwartete von der Gesellschaft nicht viel. Da Jeder auf sich bedacht sei, bliebe ihm nichts Anderes übrig als auch auf sich bedacht zu sein. Erwarten könne er von einer unpersönlichen Gesellschaft, in der jeder selbstsüchtig agiere, ohnehin nichts, doch wenn er sich etwas wünschen könnte, so wäre es gegenseitige Hilfe. Ausreichend wäre es auch, wenn man sich einfach mal die Zeit nehmen könnte, zuzuhören. Und da kam auch schon seine Freundin mit einem Kinderwagen. Das Kind war vermutlich nicht einmal ein Jahr alt. Man sah Christian den Glanz seiner Augen an, die verrieten, dass seine kleine Familie und das ihm begnadete Familienglück ihm alles bedeutete.

Anschließend trafen wir zwei an einem Durchweg sitzende, ehemalige Schauspieler, Lisa und Johann. Sie waren recht munter und haben sich, mehr oder weniger, ihren Witz bewahrt. Sie erzählten uns, dass sie nach wie vor auf der Bühne darstellten. Ich war verblüfft. Sie organisierten sogar Vorstellungen, in denen sie u.a. vor Obdachlosen inszenierten. Das Ganze nennt sich Bremer Strassenoper und ist selbst auf YouTube abrufbar.  Finanziell werde es durch Spenden ermöglicht. Die ganze Ironie der Darbietung liegt im Titel des Stückes: „The Art of make Money.“ Johann versicherte uns, dass trotz ihrer Bemühungen die Menschen sich schlichtweg nicht sensibilisieren lassen würden. Daher helfe man sich untereinander. Der Hilfsbedürftige hilft dem Hilfsbedürftigen. Paradox, aber das ist die Solidarität der Unsichtbaren. Schließlich beteuert ein Dritter, auch Obdachloser, der unserem Gespräch lauschte, abschließend: „Man sollte uns nicht akzeptieren, man sollte uns respektieren.“

15:15 Uhr. Wir schwenkten in Richtung Jonas’ Kleinbus. Die Scheiben, sowohl nach innen als auch nach außen, waren bedeckt mit weiteren Porträtfotos, wie jene, die sich im Büro von Jonas befanden. Wir setzten uns rein, umschlossen und beobachtet von den Augen der Toten. Wir resümierten gemeinsam den Tag und tauschten unsere Eindrücke aus. Dann ließen wir ein gemeinsames Foto von uns schießen. Wir dankten Jonas für seine Offenheit und seine Bemühungen. Ich drückte ihm die Hand und sagte ihm, dass Menschen wie er, uns den Glauben an den Bestand von Menschlichkeit und an die Notwendigkeit gegenseitiger Hilfe in einer gesunden Gesellschaft bewahren. Er winkte schnippisch mit den Worten ab, dass man ihm nicht für etwas danken oder ihn besonders würdigen solle, wofür er ohnehin Geld verdiene. Das sei sein Job. Er tue, was getan werden muss.

23:30 Uhr. Als ich Zuhause war und endlich wohlgeborgen im Bett lag, flimmerte mir, die Zimmerdecke anstarrend, nur noch ein Gedanke im Kopf, der mich ebenso betrübte wie er mich angesichts unseres üppigen Reichtums entrüstete: ‚Wo mögen in diesem Augenblick Wolfgang, Jakob, Michael, Klaus, Christian, Lisa, Johann und die Anderen sein, denen es nicht vergönnt ist, eine kahle Decke anzustarren, sondern denen es auferlegt ist, die eisige Kälte der finsteren Nacht zu verfluchen?‘

 


 

[1] Im Übrigen: Die Namen der Obdachlosen sind zur Wahrung ihrer Anonymität fiktiv.

[2] „1. Warum sind sie in die Obdachlosigkeit geraten; 2. Was erwarten sie von der Gesellschaft?; 3. Was, denken sie, erwartet die Gesellschaft von ihnen?; 4. Was verstehen sie unter Menschlichkeit?“

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