Meine Begegnung mit einem Obdachlosen

 

“Hast du vielleicht mal `nen Euro?“ Der Blick fällt und die Gier versucht zu verstecken. Aber warum?
Einer der Gründe ist sicherlich Missgunst. Etwas zu bekommen, ohne etwas dafür getan zu haben. Ein anderer Grund ist möglicherweise Misstrauen. “Der kauft sich mit dem Geld doch eh nur Alkohol!“
Der schnorrende Penner, der viel lieber auf der Straße hockt, als arbeiten zu gehen und sich mit dem Bisschen, was er bekommt, Drogen kauft, passt immer weniger mit dem zusammen, was ich tagtäglich sehe. Vor allem jedoch, brachte mich eine ganz besondere Begegnung mit einem Obdachlosen zu diesem Text.
Ich stand im Supermarkt an der Kasse und schaute mich gelangweilt um, bis mich plötzlich das Bild eines traurig dreinblickenden Mannes festhielt. Es war ein Blick der Verzweiflung. Der Blick eines Bettlers, der zurückgewiesen wurde. Ich mochte mir gar nicht vorstellen, wie oft ich ihm zuvor diesen Blick verpasst hatte…
Plötzlich fiel mir der Schweiß auf, der von seiner Stirn herunterlief. Nicht ungewöhnlich, wenn man mehrere Stunden in der prallen Sonne steht. Seine Hände, die nicht nur durch ihre Größe, sondern leider auch durch ihre Ermüdung auffielen, vermischten sich mit seiner Standhaftigkeit und ergaben die Erkenntnis, dass dieser Mann möglicherweise kein Schmarotzer ist, der ja selber schuld sei, sondern einfach ein Mann der Hilfe braucht und sogar noch dafür ARBEITET, da er sich mit seiner Situation nicht einverstanden gibt.
Als ich hinausging und ihm etwas Kleingeld und eine Kleinigkeit zu essen gab, machten sich Tränen in seinem von Dankbarkeit erfüllten Gesicht bemerkbar. Er erzählte mir von seiner Familie im Ausland und das er sich nichts sehnlicher wünsche, als ihnen zu helfen, geschweige denn, sie wiederzusehen.
Wenn man jemandem hilft, gibt es Stimmen, die behaupten, dass man all das eigentlich nur aus Eigeninteresse macht. Um ehrlich zu sein, habe ich mich nach diesem Gespräch alles andere als gut gefühlt.
Vielmehr empfand ich Wut! Wut darüber, dass ich all die Jahre so festgefahren war, in dem Glauben, dass alle Obdachlosen doch selber schuld seien und einfach keine Lust hätten zu arbeiten. Schwachsinn!
Das Schicksal meint es leider nicht mit jedem gut. So gibt es Leute, die jährlich in den Urlaub fliegen und wieder andere, die für etwas Essen oder um ihrer Familie willen, betteln müssen. Nicht immer heißt das jedoch, dass die Person selber daran schuld sei.
Tagtäglich steht dieser Mann felsenfest vor dem Supermarkt und fragt nach etwas Kleingeld – und schafft es dabei sogar, noch ein Lächeln hervorzubringen.

Von Oualid Lkhouni

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