„Für viele Leute ist es ein Riesen-Schritt auf die Klingel zu drücken“

Interview mit dem Leiter der Beratungsstelle für Wohnungslosenhilfe, Ralf Promper, beim Sozialdienst katholischer Männer in Köln (SKM e.V.)

Nous.: Vorab, was bedeutet Obdachlosigkeit und was Wohnungslosigkeit?
Promper: Wohnungslosigkeit ist die Problematik, wenn Leute keinen eigenen Mietvertrag haben. Viel mehr Leute sind wohnungslos als obdachlos. Die kommen bei Bekannten oder in der Familie unter. […] Die Obdachlosen, da ist es tatsächlich so, dass die auf der Straße leben. Die suchen sich abends dann in den Innenstädten irgendwelche Hauseingänge in denen sie dann halt schlafen können oder kampieren. […] Das ist so die Unterscheidung.

Nous.: Sehr gut. Nachdem das geklärt ist, was ist der SKM und welche Hilfsleistungen bietet er Obdachlosen an?
Promper: Der SKM ist ein Fachverband von der Caritas und kümmert sich um Menschen. Motto: „Der Mensch am Rande unserer Mitte.“ Mit ganz vielen Ausprägungen, soziale Brennpunkte, Schuldnerberatung, psychosozialer Dienst für Leute mit Suchtproblematik und ein großer Bereich ist halt auch die Wohnungslosenhilfe. Da bieten wir Kontaktstellenarbeit an. Da können sich Leute beraten lassen, können aber auch im Kontaktstellenbereich ein günstiges Mittagessen zu sich nehmen, können duschen, hier ihre Wäsche waschen lassen, die Einrichtung als Wohnzimmer nutzen, einfach mal bisschen zu Ruhe zu kommen. All das, was für einen der Wohnraum halt eigentlich selbstverständlich ist, versuchen wir zu ersetzen. Das ist die erste Stufe. […]
Wir gucken, was brauchen die Leute! Haben die vernünftige Ausweispapiere oder brauchen sie erstmal eine Postadresse – ganz wichtiges Thema, wenn sie was von den Ämtern wollen, dass sie dann angeschrieben werden können. […] Dann gibt’s noch verschiedene andere Angebote innerhalb des SKM‘s. […]
Wir haben die Möglichkeit von der ambulanten Begleitung. […] Wir begleiten die Leute dann, wenn es darum geht, irgendwo eine Wohnung zu finden. Vermieter sind gerade bei Wohnungslosen sehr, sehr skeptisch. Wenn sie mitkriegen, da hängt ein sozialer Verband hinter, der auch nach den Leuten guckt, gucken die da auch nochmal anders. Das ist so das Zweite.
Das dritte Thema: Wohnhilfe. Wenn man da sagen würde: „Gebt den doch einfach eine Wohnung, dann ist alles gut.“ Pustekuchen. Die würden nach kürzester Zeit wieder rausfliegen. Einige haben überhaupt keine Tagesstruktur mehr. Die hätten Schwierigkeiten mit der Nachbarschaft parat zu kommen. […] Das heißt, dann bietet der SKM Wohngruppen an, damit die Leute wieder das Wohnen lernen, auch dass sie Tagesstruktur kriegen. Das ist in der Regel auf ein bis drei Jahre angesetzt. In der Zeit wird geübt wieder vernünftig zu wohnen mit dem Ziel, dann in eine Wohnung unter zu kommen. Riesenproblem! Das muss ich gleich nochmal aufmachen mit dem Thema Wohnungsnot in Köln. Da hakt‘s im Moment. In Köln gibt es einfach keinen bezahlten Wohnraum.

Nous.: Apropos, wie sieht denn die Situation in Köln aus?
Promper: Beschissen, Ganz beschissen. Also, wenn mich Leute von außerhalb anrufen und sagen: „Ich möchte jetzt nach Köln. Da ich habe ich vielleicht die Möglichkeit Arbeit zu kriegen. Wie sieht das aus, können sie mich im Thema Wohnraum beraten?“ Dann antworte ich: „Leute vergesst es. Sucht euch irgendeine andere Stadt“. Vor Jahren hätte ich den Leuten gesagt: „Mit ganz viel Eigeninitiative ist hier noch was machbar.“ Sie sind ja meistens dann auch erstmal auf den Wohnraum angewiesen, den halt auch die Stadt zahlt. […]
Wir sind wirklich das letzte Rad am Wagen. Ganz, ganz, ganz, ganz schwierig und wenn hier einer hinkommt und sagt: „Hey Ralf, ich hab‘s geschafft, ich hab jetzt wieder ne Wohnung“, ist das die Ausnahme.
In den letzten Jahren ist es immer dramatischer geworden. Sozialer Wohnungsbau ist in den letzten Jahren immer weiter zurückgefahren worden. Jetzt erkennen die Verantwortlichen, dass es eine große Wohnraumproblematik gibt und kurbeln diese Projekte langsam wieder an, aber das wird noch dauern, bis da irgendwas passiert.

Nous.: Und wie viele Obdachlose gibt es zahlenmäßig in Köln?
Promper: Es gibt immer nur Schätzungen, weil die Leute halt auch sehr schwer aufzusuchen sind und nicht unbedingt erfasst werden. Obdachlose in Köln, im Innenstadtbereich, spricht man von mehreren Hundert.

Nous.: Und Anbetracht der mehreren Hundert, wie viele Unterkunftsmöglichkeiten werden über den SKM hinaus in Köln angeboten?
Promper: Der SKM hat für die reinen Wohnungslosen knapp 70 Plätze. Der SKM bietet aber auch noch was für Drogenabhängige an. Da gibt es noch weitere Wohnplätze.
Eine genauere Zahl kann ich ihnen nicht sagen. Es kommt im Winter wirklich zu der Situation, dass die Leute hier nach Wohnplatz anfragen und abgewiesen werden müssen, weil wirklich alles voll ist.

Nous.: Sie sagten ‚Schätzungen‘. Woher beziehen sie denn diese Schätzungen? Wir haben nämlich erfahren, dass das statistische Bundesamt dahingehend gar keine Statistiken erhebt. Gibt es staatliche Institutionen bei denen man das glaubwürdig erfahren kann?
Promper: Das wird immer wieder mal abgefragt. Das nennt sich dann Wohnungsnotfall-Berichterstattung. Ich habe gerade eine neue Anfrage hier. Die fragen die Kontaktstellen ab, also die in den Städten.

Nous.: Genau, in NRW ist das sogar eine Besonderheit.
Promper: Ja, da wird halt immer wieder geguckt, dass Zahlen erhoben werden. Was aber natürlich auch passieren kann: es gibt in Köln noch sieben weitere Kontaktberatungsstellen, sodass die Obdachlosen das Angebot auch da nutzen und dann ist der Abgleich unheimlich schwierig. Da kann es passieren, dass es dann doppelt und dreifach Zählungen gibt. Das ist das Problem an dieser Statistik. Es kann aber auch sein, dass Leute überhaupt nicht erfasst werden, weil sie beispielsweise Einrichtungen wie die unsere nicht nutzen. Oder weil sie Platzangst haben, weil sie in Einrichtungen schlechte Erfahrungen gemacht haben, z.B. mit Gewalt, oder sich einfach nicht hier hin trauen. Für viele Leute ist es ein Riesen-Schritt auf die Klingel zu drücken, dann deutlich zu machen, dass man wohnungslos ist und Hilfe braucht. Ich weiß von Leuten, die wirklich gesagt haben: „Ich hab fünf Mal bei euch vor der Tür gestanden und dann habe ich mich erst getraut, die Klingel zudrücken.“

Nous.: Und haben Sie eine Erklärung dafür, wieso, zumindest auf Bundesebene, das statistische Bundesamt, das ja gerade für empirische Forschung eingerichtet wurde, im Hinblick auf die Obdachlosigkeit so gut wie nichts betreibt?
Promper: Ich kann da nur Vermutungen anstellen. Jetzt haben wir so ein reiches Land wie die Bundesrepublik. Da ist das natürlich kein sehr attraktives Thema. […]
Ich denke, die Politik ist da sehr, sehr träge. Nehmen wir das Thema jetzt mit der EU-Erweiterung. Von den ganzen Leuten, die jetzt beispielsweise aus Osteuropa hier hinkommen, für die gibt’s keine Anlaufstellen. Da gibt es auch keine vernünftigen statistischen Erhebungen. Da werden die Behörden, in dem Fall auch einfach überrannt. Und häufig ist es so, dass man schon immer irgendwie zurechtgekommen ist. Das ist das typische Kölner Motto: „Wir haben die immer irgendwie versorgt. Das war nie das große Problem.“
Die Wohnungslosen haben natürlich keine entsprechende Lobby.

Nous.: Und was die Behörden angeht. Welche Leistungen werden denn von der öffentlichen Hand an die Obdachlosen angeboten? Gibt es da beispielsweise Geldleistungen oder dergleichen?
Promper: Also jeder, der leistungsberechtigt ist, dem steht die Grundsicherung des Unterhalts zu. Heißt: Egal, wo ich in Deutschland bei einer Behörde aufschlage, ich kann als Deutscher Arbeitslosengeld II beantragen. Natürlich immer unter dem Motto: „Fördern und Fordern.“ Heißt: Unter Umständen wird dann von den Leuten auch verlangt, dass die irgendwelche Arbeits- oder Weiterbildungsmaßnahmen oder schulische Maßnahmen machen.
Diese 391€ könnte ich überall in Deutschland kriegen, unabhängig davon ob ich eine Wohnung habe. In Köln ist das so, wenn ich diese Leistung haben will, muss ich nachweisen, dass ich Kölner bin. Wenn ich keine Wohnung hab, mach ich das indem ich mich OFW, „ohne festen Wohnsitz“ melde. Damit ist aber klar, ich bin Kölner und ich kann Leistungen beantragen. Das ist der eine Teil, der wird vom Jobcenter bezahlt.
Das Andere ist die Miete. Da ist es halt so, das wird von der Sozialverwaltung bezahlt. […]
Aber dann ist da die Ausdauer der Leute gefragt. Wohnungslose haben häufig nicht so die Ausdauer, weil sie eben schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht haben. Da setzt dann unsere Arbeit auch ein. […]

Nous.: Bietet die öffentliche Hand jenseits von finanzieller Hilfe auch konkrete Hilfe, bspw. mit Dienstleistungen oder den Betrieb eines Obdachlosenheims an? Oder wird das komplett abgetreten an private Träger, wie den SKM?
Promper: In Köln gibt es den speziellen Fall, dass das Arbeitsamt eine Abteilung für jene hat, die ohne festen Wohnsitz gemeldet sind. Das sind die sog. „Resodienste“. Das ist schon was Spezielles. […]
Ansonsten gilt auch in Köln das sog. Subsidiaritätsprinzip, sodass Aufgaben runterdelegiert werden – in dem Fall dann an die freien Träger, die dann von staatlicher Seite finanziert werden. Die Notübernachtungen, die werden von freien Trägern angeboten.
Der SKM macht jetzt seit zwei Jahren die sog. Winterhilfe. Die greift bei den Leuten, die in Deutschland keinen Leistungsanspruch haben. Die, die in Deutschland Leistungsanspruch haben, die können in die Notübernachtungen. Bspw. Ausländer, die sonst erfrieren würden. Für solche haben wir Häuser. Erstmal konzipiert für 50 Leute, haben dann immer 80 Leute dort gepennt. Letztes Jahr konzipiert für 100 Leute, nachher waren es 140. Und das sind dann halt auch Sachen, die dann entsprechend von der Stadt finanziert werden. Dahinter steckt die große Angst von schlechter Presse in einem wohlhabenden Land, in einer wohlhabenden Stadt wie Köln, wenn jemand auf der Straße erfroren ist. Da hat die Politik eine Riesen-Angst vor.

Nous.: Und nach ihren jahrelangen Erfahrung, was meinen ist die Ursache dieses Missstandes, der Obdachlosigkeit?
Promper: Es gibt viele Leute, die wirklich klassisch abrutschen. Die kommen aus Hartz IV Familien, irgendwann raus geflogen, schon in frühster Jugend, hatten keine Ausbildung und sind dann irgendwann auf der Straße gelandet.
Aber es gibt auch mehr und mehr Leute, die lange ganz normal hier in Deutschland gelebt haben. Durch die Hartz-IV Gesetzgebung ist es jedoch so, dass der früher bestehende größere Sicherheitsteppich weg ist. Die Leute wurden damals vielleicht mal arbeitslos, bekamen dann aber erstmal Arbeitslosengeld und eine Zeit lang Arbeitslosenhilfe. Irgendwann, nach einer relativ langen Zeit, sind die dann in Sozialhilfe abgeglitten.
Seit 2005 ist es halt so: ein Jahr kriegt man noch Arbeitslosengeld I, gut 60% von dem was man vorher verdient hat, und dann ist man Hartz-IV-Empfänger. Da setzt dann diese Spirale an. Normalerweise wird dann von den Ämtern gesagt: „Die Wohnung ist einfach zu groß, die ist zu teuer. Such dir was anderes.“ Man findet nicht schnell genug Arbeit, man ist noch irgendwo in einer Beziehung mit einer Frau oder einem Mann, wird unzufrieden und sagt: „So kann ich nicht weiter.“ Dann beginnt man jeden Abend sein zweites, drittes, viertes Bier zu trinken, kommt in die Spirale rein, oder man hat irgendwann so eine große Schuld und sagt: „Ich muss jetzt einfach abhauen“. Das sind die klassischen Gründe, wie man halt in die Wohnungslosigkeit reinkommt. Dann hat der Staat die große Frage, die er sich stellt, wenn die Leute in das Arbeitslosengeld II abgerutscht sind: „Was machen wir mit denen? Dann akzeptieren wir, dass wir einen Teil unserer Gesellschaft abkoppeln müssen. Vier, fünf Millionen Leute, die brauchen wir einfach nicht mehr. Die sind nicht produktiv. Denen geben wir geben ein bisschen Geld und dann ist es gut. Die anderen, die können weiter arbeiten und erwirtschaften dann auch das Geld für diese Leute. Das war vor zwei Jahren ein Riesen-Problem auch für die SKM, der auch ein Beschäftigungsprojekt anbietet bis die Frau Von der Leyen festgestellt hat: „Och, die Arbeitslosenzahlen, die sinken so schön. Uns geht es ja richtig gut. Dann werden wir jetzt auch die Beschäftigungsprojekte drastisch reduzieren“.
Die Beschäftigungsprojekte waren aber nicht unbedingt für den Arbeitslosengeld I-Bezieher, der gerade eine Arbeit verloren hat. Der kriegt in der Regel relativ schnell eine neue Arbeit. Die Beschäftigungsprojekte waren wirklich für die Leute, die sich im Arbeitslosengeld II-Bezug befanden und die zum Teil auf der Straße gelebt hatten, damit die wieder etwas Tagesstruktur kriegen. […]
Da macht die Politik so, dass sie sagt: „Ja ist schon wichtig, dass es so Maßnahmen gibt, aber 2 von 5“. Bedeutet: Innerhalb von fünf Jahren kann man zweimal so eine Maßnahme machen. Normalmensch wird dann sagen: „Ja, Ziel muss aber sein, diese Leute wieder in den ersten Arbeitsmarkt einzugliedern“. […]

Nous.: Also mit dem Arbeitsplatzverlust beginnt auch die Abkopplung vom gesellschaftlichen Verkehr?
Promper: Wenn es nicht gelingt, die schnellst möglich irgendwie wieder in Arbeit zu kriegen, ja. Gleiches Thema halt auch Wohnungsverlust: […] das Beste, was man für einen Wohnungslosen machen kann, ist, die Wohnungslosigkeit erst gar nicht entstehen zu lassen. Leider ist es aber so, dass die meisten Leute, die ihre Wohnung verlieren, hier aufschlagen, wenn es zu spät ist. Dann können wir in der Regel auch nicht mehr machen.

Nous.: Ist das auf das individuelle Versagen zurückzuführen oder ist das schon eine strukturelle Bedingtheit hier in Deutschland?
Promper: Sagen wir mal so, Wohnungslosigkeit bzw. der Umgang mit Krisen ist individuell. Der Eine krempelt die Arme hoch und guckt, dass er aus der Situation rauskommt und der Andere setzt sich erst mal hin und trinkt ein Bier. Wenn ich mir aber jetzt vorstelle, dass irgendwo eine große Firma schließt, die in der Stadt Hauptarbeitgeber war, da kommen dann viele Leute in solche Situation. Und da ist wirklich das Strukturelle ausschlaggebend, sodass den Leuten keine andere Arbeit vor Ort angeboten werden kann. Das ist halt das gesellschaftliche Übel.

Nous.: Ja und abschließend möchte ich fragen, welche Maßnahmen nach ihrer Einschätzung notwendig sind, um die Obdachlosigkeit im Keim ersticken zu lassen?
Promper: Obdachlosigkeit wird es immer geben, weil viele Leute auch die bewusste Entscheidung treffen, dass sie mit der Gesellschaft nichts zu tun haben wollen und sagen: „Ach, ich kann auch Flaschen sammeln. Ich komm zurecht.“
Ein Riesen-Thema ist das Thema mit dem Wohnraum. Da muss dringend was passieren. Zweites riesiges Thema: EU-Erweiterung, der Zuzug von außerhalb. Wir werden hier überlaufen, obwohl wir relativ wenig machen können. Für die Leute muss irgendwas passieren und das dritte Thema ist der Arbeitsmarkt. Aus meiner Sicht ist ganz wichtig, dass die Leute nach wie vor eine Aufgabe haben, nach wie vor in die Gesellschaft mit rein kommen und Erfolgserlebnisse haben. Sonst geht bei den Leuten die Abwärtsspirale noch weiter runter.

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