Eine Reise mit Vor(ur)teilen

Es war heiß und ich hatte Angst. Meine Mutter und ich standen an der türkischen Grenze zum Iran. Es war ungewohnt ein Kopftuch und einen langen und weiten Kittel zu tragen. Ich wollte es nicht tragen, schon gar nicht als pubertierende 14 Jährige bei über 40 Grad. Meine Mutter und ich warteten auf meinen Vater, der die Formalitäten im Grenzgebäude regelte und die unheimlichen Blicke der LKW-Fahrer machten mir nicht gerade Mut, in dieser Reise etwas Positives zu sehen. Bevor meine Eltern und ich mit unserem Motorradgespann auf unsere Seidenstraßentour aufbrachen, machten mir viele Leute Angst vor diesem Land. Ich solle mich vor den „ganzen“ Terroristen in Acht nehmen und nicht einer Autobombe zum Opfer fallen. Im Iran herrscht Kopftuchpflicht und im Reiseführer stand, dass man als Frau Männern nicht in die Augen sehen oder mit ihnen sprechen dürfe. So hatte ich mir meinen Urlaub nicht vorgestellt.

Nachdem wir die Grenze passiert hatten, wurde es eines der wichtigsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe. Entgegen jeder Erwartung waren die Menschen offen und gastfreundlich. Es verging fast kein Tag, an dem wir nicht zu einem Tee eingeladen wurden. Mit einem Motorrad war es für uns verboten auf der Autobahn zu fahren. Doch jedes Mal, wenn wir eine Mautstelle erreichten und der Aufseher bemerkte, dass wir aus Deutschland kamen, wurde uns enthusiastisch klargemacht, dass er Michael Ballack beim Namen kenne. Wir erwiderten darauf den iranischen Fußballspieler Vahid Hashemian. Daraufhin war der Aufseher so glücklich, dass er uns die Mautgebühren erließ und wir auf die Autobahn fahren konnten.

Die Menschen freuten sich, dass wir als Europäer Interesse an ihrem Land zeigten. Touristen waren sie nicht gewohnt, schon gar nicht Motorradreisende. Wir waren eine Attraktion.
Als wir in Mashad ankamen, suchte meine Mutter ein Hotel, während mein Vater und ich am Straßenrand warteten. Plötzlich drängten sich immer mehr Leute um uns. Wir wurden überschwänglich begrüßt und fotografiert. Mein Vater wurde sogar von ein paar Männern auf die Wange geküsst. Ein großes Spektakel für beide Seiten. Als wir in einem Restaurant Essen gingen, sprang sogar ein Mann auf und rief: „Welcome to Iran!“. Ich habe noch nie von einem Land gehört, in dem man so herzlich begrüßt wird. Wir sprachen mit vielen Leuten und auf einmal war gar keine Rede mehr davon, ob man Männern in die Augen sehen dürfe oder nicht. An das Kopftuch gewöhnten wir uns auch sehr schnell. Ich merkte, dass das Kopftuch nur begrenzt die Reize einer Frau verdecken kann. Denn unter den langen schwarzen Kleidern lugten oft rote Pumps und knallbunte Fingernägel hervor. An den Straßenständen wurden paillettenbesetzte Kleider angeboten, die sich von Partykleidern bei uns in Deutschland nicht unterscheiden ließen. Meine Mutter sprach mit einem Mann, der sehr betrübt darüber war, welches Bild die meisten Europäer von den Iranern haben. Er war kein Terrorist, doch viele würden ihn bei uns auf der Straße für einen halten. Er wollte nicht nach der Politik des Landes beurteilt werden. Ich begriff durch dieses Treffen den Unterschied zwischen der herrschenden Macht und den lebenden Menschen im Land.

Von solchen Eindrücken und Begegnungen hat mir natürlich vorher keiner erzählt, weil keiner sich ein eigenes Bild gemacht hatte.

Vorurteile sind falsch und trotzdem können wir uns nur schlecht vor ihnen schützen. Es gilt, sich seinen Vorurteilen bewusst zu werden und diesen dann mit Wissen und Erfahrungen entgegenzuwirken. Nur so kann man für sich entscheiden, ob diese Vorurteile gerechtfertigt sind oder nicht.

Auf dieser Reise habe ich die Iraner und ihre Kultur besser kennengelernt und ich denke, dass sich Deutschland eine ordentliche Portion von der Gastfreundlichkeit der Iraner abschneiden kann. Nach dieser Erfahrung schäme ich mich mehr denn je für die Diskriminierung des Islams in Deutschland. Ist es wirklich noch zeitgemäß, dass Frauen mit einem Kopftuch noch immer in Deutschland diskriminiert werden? Trotz einer guten Ausbildung ist es weiterhin für viele dieser Frauen schwierig eine angemessene Arbeit zu finden. Fällt der Glaube nicht unter das Persönlichkeitsrecht? Ist das Kopftuch nicht auch nur ein Glaubenssymbol wie das Kruzifix? Wo ist der Unterschied?

Die Iraner waren so offen gegenüber uns Reisenden. Wir sollten uns auch mehr dem Fremden öffnen, um es kennenzulernen und zu respektieren. Dies ist eine wichtige Grundlage für ein friedvolles Miteinander – Von Mensch zu Mensch. Vorurteile gehen immer einer Diskriminierung voraus, deswegen sollte man sie nie unterschätzen.

Als ich an der Grenze stand, hatte ich Angst; Angst vor dem Ungewissen und vor den Vorurteilen. Es war eine wichtige Erkenntnis, dass es sich lohnt, sich den Ängsten der Ungewissheit und dem Unbekannten zu stellen. Denn diese Reise ist nur eins von vielen Beispielen, bei dem sich Vorurteile als etwas Falsches herausstellten. Wie Mark Twain schon sagte: „Reisen ist tödlich für Vorurteile“.

Von Mia Kruska

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s