Ein Geständnis – Ich verstehe das nicht!

Ich mache die Zeitung auf und sehe dramatische Überschriften, die Artikel selbst voller Zahlen und Quoten. Es scheint wichtig für mich zu sein. BIP, Arbeitslosenquote, DAX, Einkaufsmanager-Index und natürlich, das Wachstum. Es geht immer ums Wachstum, kleinste Prozentzahlen sollen mir sagen, wie gut es der Wirtschaft, der Gesellschaft, ja sogar mir geht. Toll. Jetzt hab ich ein Problem. Denn, ich verstehe das nicht. Mein Mund steht offen. Ich schließe ihn. Und es erinnert mich an etwas: meine Mündigkeit.

Also fange ich an zu überlegen. Was ist das also, die Wirtschaft? Was bringt sie? Was bringt sie mir? Was sollen diese ganzen Quoten und Zahlen, die mir sagen sollen, wie es ihr und mir geht? Sind wir so sehr miteinander verbunden, dass ihr Wohl gleich mein Wohl bedeutet? Ein Ehepaar, wobei ich die konventionelle Rolle der Ehefrau einnehme, die nicht ohne Ihren Versorger auskommt. Doch. Wirtschaft entsteht aus der Gesellschaft. Aus der Interaktion aller, die Wertgegenständen durch ihren gegenseitigen Austausch einen Wert geben. Also ist die Wirtschaft ein Mantel, den wir alle gemeinsam geschneidert haben und der uns warm hält. Bekommt er Löcher, müssen wir ihn flicken. Das erreichen wir also durch Wachstum. Oder?

Urteilt man nach den Gründern dessen, was wir heute Wirtschaftswissenschaften nennen, ist das höchste Ziel der Ökonomie die Wohlfahrt, den Wohlstand einer Nation zu fördern. Das sagte A.Smith vor fast 300 Jahren. Er lebte in einer Welt, in der Mobilität luxuriös, Weltbewusstsein einzigartig und ökonomische Grenzen undurchsichtige Mauern waren. Heute, in einer „globalisierten“ Welt, wo Mobilität allgegenwärtig, Weltbewusstsein im Internet allzugänglich und ökonomische Grenzen gläserne Linien sind; in so einer Welt sollte die Maxime wohl lauten: das höchste Ziel der Wirtschaft ist, den Wohlstand der Welt zu fördern. Beginnend mit der Grundversorgung aller Menschen. Auch in Afrika oder anderen Krisengebieten. Warum steht das nicht Tag für Tag fett in den Zeitungen?! Jeder profitiert mehr oder weniger von jedem, also sollte jedermann dieser großen Gesellschaft, der weltlichen Gesellschaft, der global vernetzten Weltwirtschaft, in der Berechnung des Wohlstandes berücksichtigt werden. Doch – was ist eigentlich Wohlstand?

Wohlstand ist materiell und seelisch. Ein Gefühl und Empfinden. Was sagt das BIP, die Summe aller hergestellter Waren und Dienstleistungen einer, „meiner“ Nation, über meinen Wohlstand aus? Was sagt mir sein Wachstum? 1% Wachstum von etwas Gigantischem ist immer noch gigantisch. Und ob die „Wirtschaft“ um -1,4% oder -1,6% sinkt kann mir persönlich doch total egal sein. Die Perioden der Wirtschaftskonjunktur sind fast schon ein Naturgesetz der Wirtschaft. Warum also so ein Lärm! Wir freuen uns, wenn das BIP um 2,46% wächst – und ignorieren dabei alles andere. Es ist wie ein allzu grelles Licht. Warum ist eine höhere Arbeitslosenquote in Folge von Mindestlöhnen so schrecklich, wenn sich Arbeiten dadurch endlich lohnt. Der Verdienst höher als der Hartz 4 – Satz ist. Man sich wertvoller fühlt, weil der eigenen Arbeitskraft von der Gesellschaft in Form des neuen Tauschverhältnisses mehr Wert beigemessen wird. Ist das nicht Wohlstand?!

Das Harte schlägt das Weiche. Die Harten Fakten in Form von Zahlen schlagen das Weiche, wie Zufriedenheit, Gesundheit, Anerkennung, Umwelt, die empfundene Akzeptanz in einer Gesellschaft. Warum schauen wir nur auf Technokraten-Kennzahlen wie Profit, Wachstum oder Reichtum, um den Wohlstand der Bevölkerung zu bestimmen? Ist das nicht gestört? Etwa gerechtfertigt durch unser gestörtes Verhältnis zum Geld? Wir vertrauen in der Finanzwirtschaft, welche die Realwirtschaft um mehr als das 100fache übersteigt, Modellen und ihren Wahrscheinlichkeiten, um Risiken einzuschätzen. Das Merkmal von Wahrscheinlichkeiten beinhaltet den Glauben, dass zu einer bestimmten %-Zahl etwas eintrifft. WIR GLAUBEN. WIR WISSEN NICHT. Und hier ist die Ironie. Darin stehen die „Akademiker“, welche diese Modelle an Aktienmärkten, Terminmärkten und an anderen gemeinsamen Tischen nutzen, dem religiösen Eifer nach: religiöse Menschen bekennen ihren Glauben; wir, die moderne Gesellschaft, die „Wissenschaftler“, wir verleugnen unseren Glauben an die Zahlen und schaffen dadurch eine Illusion von Sicherheit in der wir uns wägen. Im Konkreten glauben wir an sog. Blasen, im Abstrakten an das sog. Wachstum. Erinnerungen der letzten Finanzkrise kommen auf…

Das Harte schlägt das Weiche solange, bis die weiche Realität zur harten Wirklichkeit wird. Nur die Vernunft des Menschen kommt dem zuvor. Wie schon der Mathematiker Pascal feststellte: „Wir eilen sorglos in den Abgrund, nachdem wir etwas vor uns aufgebaut haben, das uns hindert ihn zu sehen.“ Dieses Hindernis ist unser Glaube an Modelle, Wahrscheinlichkeiten, an Zahlen. Es ist wie mit dem Mythos: Der Mythos ist etwas, was nie geschah und gleichwohl immer geschieht. Wir glauben unseren Modellen nicht, doch eigentlich, glauben wir an sie. Glauben versteht man nicht, Glauben bekennt man. Gestehen wir uns unseren Glauben, unser illusorisches Bild von Sicherheit, ein, so stehen wir im Dunkeln. Verhalten wir uns also so, wie sich jemand im Dunkeln fortbewegen sollte: vorsichtig mit langsamen, bedachten Schritten. Bewusst, begreifend, erleuchtend und dadurch transparent. Eine illusorische Gewissheit ist gefährlicher als die Einsicht des schlichten Nichtwissens. Wir wissen es, spätestens wenn wir wieder einmal den Lichtschalter suchen. Und doch, wissen wir es nicht

Von Andreas Bill

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