Diskriminierung aus Mangel an Verständnis

Diskriminierung, ein Phänomen mit vielfältigem Ausdruck, ist der Ausgang eines von Angst vor dem Fremden herrührenden Vorurteils, das irrational, widersprüchlich und falsch ist.

Diskriminierung ist ein reflexartiger Abwehrmechanismus, der auf Angriff schaltet, sobald etwas naht, was man nicht kennt und als parasitär aburteilt. Sie kommt immer wieder zum Vorschein – auch heute, auch in der Bundesrepublik – und zeichnet sich mit Verachtung, Schikane und Diskreditierung aus.

Was ist das Motiv desjenigen, der Menschen aufgrund bestimmter Merkmale ausgrenzt und welche Beweggründe treiben ihn an? Die ‚Stigmatisierten‘ nehmen Arbeitsplätze weg, unterminieren die soziale Sicherheit, gefährden den Wohlstand, untergraben die Tradition, verfremden die Kultur, verschmähen den Glauben und beschränken das Kontingent potenzieller Partner. Quasi bedeutet deren Dasein die Entfremdung der existentiellen Identität – heißt es! Solcherlei Beweggründe mögen geringfügige Rollen spielen, aber wären zu einfältig, um sie als sachliche Gründe zu akzeptieren. Solche Polemik dient im sozialen Leben wie im politischen Jargon stets dazu, sie voranzuschieben, um das tatsächliche Motiv unbehelligt zu lassen. Das Motiv der Diskriminierung sitzt tiefer. Seine Befindlichkeit liegt nicht auf der Oberfläche, auch nicht zwingend im täglichen Bewusstsein. Es ist substanzieller Natur und grundlegend im kollektiven Unterbewusstsein verankert. Um sie kurz zu lokalisieren: in jedem steckt, wenn auch tendenziös in unterschiedlicher Prägung, die Diskriminierung.

Sie beginnt bereits in Kinderschuhen im Spielkasten ihr Antlitz zu zeigen, wenn es aus erzieherischer Überlieferung heißt: „Spiel nicht mit ihm. Das sind Ausländer. Die sind asozial!“ Eltern, wie diese, beschleicht womöglich die Überzeugung pädagogischer Sinnhaftigkeit solcher Verbote, solcher „Präventivmaßnahmen“. Auch in der Schule überkommt es uns aus inbrünstigem Wohlwollen: „Er ist ein Versager. Der kifft doch bestimmt und verbaut sich seine Zukunft. Außerdem ist er faul.“ Ein Verhaltensmuster lässt sich natürlich leicht kategorisieren. Fällt jemand in ein Raster, so wird er abgestempelt; gebrandmarkt. Mitunter ist es bei der Wahl z.B. weiterführender Schulen durch die gesetzlichen Vertreter des Kindes, die Eltern, ein elementares Auswahlkriterium, ob jene Schule sich im sozialen Brennpunkt befindet und wie groß der Ausländeranteil ist – bemessen am Migrationshintergrund und nicht der Staatsangehörigkeit, denn formell sind ja alle gewiss deutsch. In erster Linie ist die Ausbildung der eigenen Kinder, um ihnen das Gelbe vom Ei anbieten zu können, ja am Wichtigsten. Alles bestimme sich schließlich ohnehin nach Leistung und Konkurrenz. Hintenan stehen die anderen. Welch‘ wunderbares Sozialgefüge mit ausgeprägtem Verantwortungssinn. Auch umgekehrt, in Richtung Inländer, findet Diskriminierung statt. In Ballungsräumen, in denen sich Gruppen zusammenraufen, weil sie dieselbe nationale oder kulturelle Identität teilen, dauert es nicht lange bis man in Zorn oder Selbstmitleid einen Schuldigen für den persönlichen Missstand gefunden hat. Der „Deutsche“, der in allem einen Vorzug zu genießen scheint, eben weil er deutsch ist, sei das eigene Verderben. Man überzeugt untereinander: „Des Deutschen Vorteil ist mein Nachteil.“ Wohlwissend, dass man in einem Land, in einer Stadt oder in einer Straße lebt, die Früchte gemeinsamer Arbeit erntet, würdigt man sich keiner Achtung, um nicht zu sagen keines Blickes. Man verdrängt, was Kinder haben, die Neugierde, die zur Kommunikation verführt, und ersetzt dessen Stelle mit giftiger Saat: Misstrauen.

Auch im Beruf gibt es Diskriminierung. Sie ist sehr vielschichtig. Beginnend unter Arbeitern im Betriebsleben und Angestellten im Geschäftsverkehr erstreckt sie sich bis hin zu den Chef-Etagen großer Unternehmen. Zum Beispiel sind von 192 zu besetzenden Vorstandsposten in DAX-Unternehmen 14 Positionen mit Frauen besetzt. Dies entspricht einem Anteil von 7,29 Prozent. In den Aufsichtsräten ist es nicht wesentlich besser. Da liegt der Verdacht nicht weit, dass die Arbeitswelt von einem Patriarchat durchdrungen ist, das sehr zäh ihr archaisches Weltbild verteidigt. Oder die Homosexuellen: Spätestens nach dem jeweiligen „Outing“ haben sie sich Unterstellungen, Beleidigungen und Widrigkeiten auszusetzen, denen sie sich als Mensch, wie jeder sonst auch, zu verwahren wünschen. Um jene nicht zu vergessen: die sektiererischen „Brainwasher“ vollausgerüstet mit westlicher Ideologie, die sich der Befreiung Aller verschrieben haben. Sie wollen nur universelle Werte (, die sie definieren); Die Anspruchsgrundlage ist klar! Schließlich sei man die Speerspitze der Menschheit, die Hochzivilisierten, die Modernen, die Neoliberalen. Das Selbstbestimmungsrecht wird gerne übertüncht, denn wer sonst solle wissen, was gut, was förderlich und konstruktiv für alle sei. Sehen sie eine junge hübsche Frau, die mit einem Kopftuch bekleidet ist, so horchen sie umgehend auf: „Oh Gott! Sie wird unterdrückt! Unterdrückung!!“. Alsbald rumort es unter ihnen: „Sie braucht uns! Wir sind aufgerufen sie aus den Fesseln der Unterdrückung – ihres Kopftuchs! – zu emanzipieren und gegen diese Tyrannei zu kämpfen!“ Es lebe der Freiheitskampf. Das man mit vorschnellen Ableitungen und ungebetener Bevormundung Intoleranz unterfüttert, indem man mit dem Finger auf Personen zeigt, ohne mit ihnen gesprochen zu haben, wird im Wahn nicht berücksichtigt – der Beginn der Klischeeergüsse.

Dieser Alltagskatalog der Diskriminierung ist gänzlich lange weiterzuführen – man denke an die Sinti und Roma. Mangelnde Kommunikation schürt Misstrauen. Misstrauen schafft Entfremdung. Entfremdungen zeugen Vorurteile. Fest steht, dass Diskriminierung unterschiedlichste Formen annimmt, die mit Ausgrenzung beginnen, über Mobbing verlaufen und schließlich, im Extremfall, im gewalttätigen Fanatismus münden, in Hass. Gemein ist ihr in allen Fällen eines: man trifft eine Aussage über jemanden, den man weder kennt, noch versteht, noch nicht einmal seinen Namen weiß. Das ist die Logik der Angst vor dem Unbekannten – das Motiv. Wenn ein Jäger etwas in einem Busch sich Bewegen hört, dann schießt er zunächst und schaut anschließend, worauf er geschossen hat. Er wird sagen, er habe keine Berührungsängste. Doch wir sehen, er hat sein Gewehr.

Die Ursache der Diskriminierung ist Befremdlichkeit, ihre Ressource ist Dummheit und ihr Mittel heißt Stigmatisierung. Die Diskriminierung lebt von Vorurteilen. Sie sind, mehr oder weniger, unser täglicher Begleiter. Der braunen Paraliturgie, die sich in eine Gesellschaft einschleicht und die Köpfe infiltriert, muss in Obacht und Aufklärung Einhalt geboten werden.

Wie entstehen Vorurteile und wie bezwingt man sie?

In erster Linie ist es die Bequemlichkeit! Wozu Zeit und Arbeit investieren, um sich ein eigenes Bild, ein eigenes Urteil zu schaffen, wenn die Allgemeinheit bereits eins hat? Lieber entscheidet man sich leichtfertig für den einfachen Weg. Man überlässt das Denken den sog. „Experten“ und lehnt sich selbstzufrieden zurück. Vorurteile sind nichts Anderes als die im urteilsunreifen Vorfeld abschließend getroffenen Bewertungen über Menschen oder Sachverhalte. Sie bilden den Motor der Diskriminierung. Denn fremd sind nur die Dinge, die man nicht versteht. Das klare Bild der Realität strengt zu sehr an und so nimmt man kurzerhand den verzerrten Blick durch ein milchiges Glas hin; ja man schätzt ihn gar und macht es sich, losgelöst von der Wirklichkeit, bequem in seiner kleinen heilen Welt.

Eines der bahnbrechendsten Errungenschaften in der Geschichte der Menschheit sind die in der Zeit der Aufklärung entstandenen Enzyklopädien; eine revolutionäre Reihe an Büchern, die das privilegierte Gut des Wissens allen zugänglich machte. Der Wunsch dieser Verfasser war es den Menschen eine Teilnahme und Mitgestaltung am täglichen Leben zu ermöglichen – mit fundiertem Wissen. Ein neues Zeitalter brach an, welches bis zum jetzigen Zeitpunkt unsere Vorstellungen von Welt und Gesellschaft prägt. Heute ist dieses damals hart umkämpfte Gut frei zugänglich. Informationen zu jedem Thema stehen entweder im Internet oder in öffentlichen Bibliotheken zur Verfügung. Wer sich also ein Urteil erlaubt, darf sich nicht mit Unwissenheit rechtfertigen.

Obwohl die Früchte unserer Anstrengungen zu saftigen Köstlichkeiten gereift sind, scheint sich kaum jemand die Mühe machen zu wollen, sie zu pflücken. Diese Haltung ist nicht nur eine Beleidigung gegenüber unseren Vorfahren, die ihr Leben der Gesellschaft gewidmet haben, sondern auch eine Gefahr für das Beisammensein in der heutigen Welt. Menschen urteilen übereinander, ohne sich zu vergewissern, ob ihr Ergebnis überhaupt die gesamte Wahrheit beinhaltet, oder lediglich wenige Facetten dieser aufzeigt. Dies sind die bedrohlichsten Vorurteile: jene die wir gar nicht erst als solche anerkennen, sondern als absolute Gültigkeiten. Rücksichtslos ergeben wir uns dem leichten Weg und diskriminieren lieber andere, als uns selbst in Verantwortung zu ziehen.

Ein jeder von uns muss sich seiner eigenen Fehlbarkeit stellen und sich der Pflichten, die das Leben in einer Gesellschaft mit sich bringt, bewusst werden. Geht man diesen ersten Schritt und überwindet die innere Hürde, die jegliche Selbstkritik versagt, erkennt man den unschätzbaren Wert mentaler Emanzipation. Denn jeder Bissen dieser saftigen Frucht nutzt nicht nur der Allgemeinheit, sondern auch dem Einzelnen selbst. Wege und Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung offenbaren sich dem eigenen Lebenslauf und konstruierte Feindbilder, welche uns trügerisch von unserer eigenen Schuld entlasten, zerfallen. Mit jeder gewonnen und verstandenen Information wächst schließlich auch das Verständnis selbst. Hat man begriffen, dass sich hinter jedem Fremden auch ein Mensch aus Fleisch und Blut mit eigenem Leidensweg verbirgt, schwindet die Angst und das Misstrauen. Man versteht Leid und Trauer, Hoffnung und Angst, Kultur und Sitte des zuvor Unbekannten.
Verständnis entsteht erst mit dem Willen zu verstehen.

Wir rufen auf zu mehr Verständnis und mehr Zivilcourage – Eine freiheitliche Gesellschaft lebt von der Bereicherung kultureller wie individueller und sexueller Vielfalt!

 

Von Mesut Bayraktar und Kamil Tybel

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