Die Magier unserer Zeit

„Alternativlos. Es geht nicht anders! Heximus! Plopp.“ Da platzt die Blase, schon wieder. Aber naja.

Befinden wir uns auf einer ewigen Odyssee? Eigentlich nicht. Denn wer nicht weiß wo er ist, kann sich auch nicht verlaufen. Bewusstsein, Begreifen, Be-; zu viel verlangt. Bequemen, Bestellen, Besteuern, Bedanken. Das fühlt sich gut an. Kostenloses Geld mit Leitzins von 0,05%, die billige Geldpolitik in Europa, Geld im Überfluss für Banken und von Banken; kauft man kein Haus, so fühlt man es kaum – also egal.

In einer durch Worthülsen verzauberten, unpolitischen Gesellschaft, ist das Gefühl der erste Berater. Und spürt man auch ein kurz loderndes Unbehagen, eine Ahnung, verwischt eine Sintflut hundert anderer Reize die Sinne. Tschüss? Halt, ein Geländer! Auch verpasst. Ein neuer Versuch.

Vor nicht langer Zeit sank der Leitzins in der EU auf 0,05% und folgt damit dem weltweiten Trend der Niedrigzinspolitik sämtlicher Zentralbanken. Führende Industrienationen, wie Japan oder Amerika schritten voran und verliehen Gelder fast kostenlos an Banken.

Der Rest der Welt folgte diesem Beispiel – ein internationaler Währungskrieg entfachte. Doch, weiß man eigentlich, was man da tut? Gibt es alternative, etablierte Strategien? Und gibt es so etwas überhaupt? Wie kann man makroökonomische Versuche und Studien durchführen, die als Empirie gelten? Wie aus der Geschichte lernen, wenn die Bedingungen andere sind? Oder folgt man nur einem faulen Zaubertrick? Schlafwandelnd.

Der aktuelle Fokus auf das Geld an sich ist beispiellos; daher ein Definitionsversuch: Geld ist Wertäquivalent und Zirkulationsmittel, also Vermittler. Es spricht Waren Wertegrößen zu und schafft Maßstäbe für Warenaustausch. Wenn man so will, ist Geld wie Wasser; es ist wie ein Fluss, der Waren von einer Hand in die Andere führt. Auch kann man Unternehmen wie Blumen mit Geld begießen, damit sie aufblühen. Dem Menschen ist es in seiner gesellschaftlichen Aktivität überlebensnotwendig.

Geld ist also wichtig, doch warum gleich so viel? Etwa weil wir mehr Geld brauchen? Man könnte meinen, es herrsche eine Dürre. Nun, wäre dem so, würden die Gelder primär in die Realwirtschaft fließen, was aber der Realität widerspricht. Die geschaffenen Gelder der Zentralbanken kommen nur in geringen Mengen der Realwirtschaft zugute.

Die Blüte der Unternehmen scheint auf Ihrem natürlichen, naturgewaltigem Höhepunkt, den es aktuell erreichen kann. Sprechen für die ungenügende Kreditvergabe seitens der Banken nicht unzureichend profitable Unternehmen trotz niedriger Zinsen? Wenn Aktienkurse wie aktuell in Deutschland astronomische Kurse erreichen, spiegelt das weniger die Stärke der eigenen Wirtschaft, als vielmehr den Überfluss an Geld kombiniert mit Mangel an Investitionsalternativen wieder.

Laut europäischer Zentralbankenrhetorik kommt es zur Zinssenkung, um primär Investitionen in die Realwirtschaft südeuropäischer Länder für Banken attraktiver zu gestalten – mit mäßigem Erfolg. Geldverleihverfahren der EZB verknüpft an Bedingungen für Banken sollen folgen (Banken müssten nachweislich einen Mindestprozentanteil ihrer Kredite an die Realwirtschaft weitergeben, um günstige Kredite zu erhalten).

Das Lineal expansiver Herstellung von Zirkulationskrediten (Zentralbankgeldern, denen kein Konsumverzicht seitens der Sparer vorausging) schreibt sich aufsteigend: niedrige Zinsen – leicht erschwingliche Kredite für Unternehmen – mehr Beschäftigung – mehr Produktion. Zudem steigende Vermögenspreise und sinkende Wechselkurse. Solche Lineale sind ausschließlich für rosarote Stifte geeignet. Den alt bekannten Preis der Inflation nimmt man gerne in Kauf. Kontrolliert versteht sich. Denn man kennt seine Entstehungsgeschichte und vermeintliche Endgestalt; Hyperinflation!!!

Nicht einmal 1 Prozent – die Konsumgüterinflation Europas. Und alle wundern sich, wo denn die verdammte Inflation bleibt. Wann kommt die Flut? Dabei können Banken Geld zum Nulltarif herstellen und gegen Zins verleihen. Eine ewige Quelle des Einkommens – Zauberei! Seltsam ist nur, warum Banken es, gemessen an der Inflation, dann scheinbar nicht tun. Oder tun sie es doch? Magier offenbaren nie gerne ihre Kunststücke, heute ist es nicht anders.

Schätzungen, wie das Ausbleiben der Inflation sei Nachwirkung der Finanzkrise, die Billigproduktion aus dem Ausland treibe die Preise runter, oder die große Inflation komme noch, sind unbefriedigende Worthülsen. Es ist, als ob jegliche Transmissionsmechanismen der Geldpolitik eintreffen (niedriger Zins, steigende Vermögenspreise, hohes Kreditangebot, sinkender Währungskurs), aber die logischer Konsequenz ausbleibt – die Inflation. Selbst Bundesbanker Weidemann fordert höhere Löhne für Beschäftigte. Man könnte meinen, es sei eine Art innovatives Instrument zur Preisstabilität.

Wo landet also das ganze Geld, wenn nicht in unseren Händen? In den Finanzmärkten. Aktienkurse der großen Börsen stehen auf Rekordniveaus. Der DAX übertraf zeitweise die 10.000 Punkte-Marke. Die Geldflutung, die Inflation auf den Finanzmärkten, ist kaum zu übersehen. Für hohe Renditen wird sich hemmungslos in hochriskante Gefilde gewagt. Geldverwalter finden sich ein, die aussehen wie Hausmeister.

Ausgerüstet mit Schaufel und Karren scheffeln sie Gelder in hochriskante Anleihen. Geld, das an Finanzmärkten rein spekulativ in Anleihen investiert wird, hinter denen kein reeller Gegenstand steht, sondern lediglich ein Zertifikat, ist nicht Wasser – es ist Sand. Forwards, Futures, Swaps, synthetische Funds. Traumschlösser aus Sand, beschworen von Mathemagiern, die bei riskanter Verwertung keinen Windsturm überstehen.

Um den Finanzsektor und unsere Wohlfahrt zu sichern, sprich den rosaroten Strich so lang wie möglich zu ziehen, müssen Finanzdienstleister ihre riskanten Anlagevermögen besichern, wozu sich vor allem Staatsanleihen eignen. Dies führte temporär sogar dazu, dass dem deutschen Staat von Finanzdienstleistern Geld dafür bezahlt wurde, um ihnen Geld leihen zu dürfen. Es erscheint eigentlich unwirklich und doch ist es wirklich. Ich gebe dir Geld, damit ich dir Geld leihen darf.

Welch‘ Wagemut zu riskanten Spekulationen wird hier deutlich. Hochriskant Geschäfte geschehen Tag für Tag in einem Umfang, der die Realwirtschaft um ein Mehrfaches übersteigt. Es ist, als ob weniger Blumen gegossen als viel mehr Traumblasen in Baumkronen gefüllt werden, die allen Bürgern und ja sogar Aufsichtsbeamten durch Modellverzweigungen verborgen bleiben. Finanzmärkte erscheinen wie ein Universum, in dem die Erde der Realwirtschaft entspricht. Platzt die Traumblase, regnet es Sand anstatt Wasser. Es folgt Dürre.
Die amerikanische Notenbankchefin Janet Yellen sagte kürzlich, Bewegungen auf High-Yield Anleihenmärkten bereiten ihr Sorgen. Riskante Anleihen der Kategorie Wasser, sogenannte High-Yield Anleihen von US-Unternehmen mit geringer Bonität (CCC) wurden nie zuvor in einem höheren Umfang (Neuemission 2013: 70 Mrd€) bei niedrigeren Zinsen (4,9%) gehandelt, natürlich wegen der hohen Nachfrage. Riskante Anleihen der Kategorie Sand sind hingegen komplizierter zu erfassen.

Sie hüllen sich ein, verbrieft und verschachtelt verstecken sie sich in Bilanzen, keiner kennt die genauen Umfänge des OTC-Handels. Erst zu Beginn dieses Jahres herrscht Offenlegungspflicht beim OTC-Handel in Europa.

Nach Angaben der BIZ (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich) betrug der Nominalwert aller weltweit ausstehenden OTC-Derivatekontrakte im 2. Halbjahr 2010 bereits 601 Billionen US-Dollar. Auch Bankenaufsichten schaffen es nicht Licht ins Dunkle zu bringen – ein fundiertes Statement zu diesen Märkten kann schlichtweg nicht abgegeben werden. Draghis „unsere Geldpolitik bleibt so lange wie nötig konjunkturstimulierend“, klingt fast schon wie ein Eingeständnis. Den Rosastrich halten, bis endlich eine neue umwälzende Innovation stattfindet. Kann das gut gehen?

Man wird sich erinnern. An Magier und ihr gleichgültiges Publikum. Es fragt nicht „wie kann das sein?“. Demut wäre notwendig, um späterem Unmut zuvorzukommen; wer den Mut dazu hat. Doch die Politik, bezaubert durch Lobbyisten (Zauberer, die das Kunststück vollbringen, Dingen, die keine Warenform besitzen – wie Ehre und Gewissen – in die Warenform zu verwandeln und zu verkaufen), sowie Notenbanken versuchen weiter die Konjunktur zu befeuern.

Es schleicht sich eine Ahnung ein: im erhofften Aufschwung steckt bereits der Keim der darauffolgenden Krise. Ihr Ausmaß ist ungewiss, die Vorzeichen verheerend. Gibt es Alternativen? Oder rekonstruiert sich alles schon bei den nächsten Zerfallserscheinungen von selbst? Doch da vibriert auch schon das kabellose Fernfunkgerät, jetzt sogar mit Uhr. Man wird sich erinnern. An die Magier unserer Zeit. Und niemanden interessierts.

Von Andreas Bill

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s