„Wem die Stunde schlägt“ – Ernest Hemingway

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Wofür lohnt es sich zu leben?

Dieser so großen Frage ist Hemingway in seinen frühen Werken eher mit Gegenargumenten begegnet. Seine Charaktere tranken mehr als ein Durchschnittsmensch vertragen sollte, lenkten sich mit Jagen und Stierkämpfen ab oder haben etwas anderes getan, was sie aber offensichtlich nicht erfüllt hat. Es war die Beschreibung des Lebens in seiner deprimierenden Banalität, seiner scheinbar offenkundigen Bedeutungslosigkeit.

Dabei ging es nicht nur um alltägliche Geschehnisse oder typische Freizeitaktivitäten, nein die Protagonisten befanden sich teilweise in den außergewöhnlichsten Situationen, fast immer auf der Suche nach Abenteuern. Doch anstatt an der Bedeutungslosigkeit etwas zu verändern, schienen die Erlebnisse, desto besonderer sie waren, nur umso deutlicher und erschütternder die ihnen innewohnende Sinnlosigkeit aufzuzeigen.

Es ist schwer zu sagen, ob Hemingway, dessen Werke zum großen Teil auf eigenen Erfahrungen beruhen, dieses geradezu Absurde des Lebens anklagte oder einfach feststellte. „Wem die Stunde schlägt“ ist zumindest der Beweis dafür, dass er es nicht akzeptierte. Authentisch und ehrlich wie nie, wollte der vielleicht berühmteste amerikanische Autor des 21. Jahrhunderts in diesem Buch endlich die Frage beantworten, wofür es sich zu leben lohnt.

Schauplatz ist der von 1936 bis 1939 andauernde Spanische Bürgerkrieg zwischen den Republikanern auf der einen Seite und den Putschisten, befehligt vom späteren Diktator Franco, auf der anderen. Als Teil der internationalen Brigaden gegen den Faschismus kämpfend, erlebt der amerikanische Sprengstoffexperte Robert Jordan die schonungslose Brutalität des Bürgerkrieges hautnah mit. Die während dieser Zeit so schmale Linie zwischen Notwendigkeit und Willkür, Gerechtigkeit und übertriebener Härte – Gut und Böse verwischt ein ums andere mal. Erst der Sieger bestimmt, was Heldentat und was Verbrechen ist.

Dieses Buch ist genauso wenig eine erneute Anklage der Bedeutungslosigkeit des Lebens wie eine romantische Hymne auf dieses. Es ist eher eine nahezu verzweifelte Suche nach Sinn, dabei stets der Gefahr der Sinnlosigkeit ausgesetzt. Wie auf einem schmalen Drahtseil über eine Schlucht balancierend lässt Hemingway nichts unversucht, ihr zu entrinnen und die Suche fortzusetzen. Von leidenschaftlichem Kampf und Aufopferung, über Gemeinschaftsgefühl und Kameradschaft, Liebe und Freundschaft, bis hin zum letzten großen Akt, dem keiner von uns entrinnen kann.

Hat er sein Ziel erreicht? Hat es letztlich einen Sinn gehabt?

Die Beantwortung dieser Fragen legt Hemingway schließlich in die Hände des Lesers, er selbst liefert nur die Mittel dazu.

Den vielleicht größten Hinweis gibt der Autor dabei paradoxerweise schon im Titel, der sich auf ein Zitat John Donne’s bezieht, welches besagt, dass kein Mensch eine Insel ist, sondern wir alle Teil eines großen Kontinents sind. Jedes Mal wenn von diesem ein Stück abbricht – und sei es noch so klein – dann bricht auch etwas von uns selbst ab.

Von Daniel Polzin

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