„Stiller“ oder Das gekränkte Bewusstsein – Max Frisch

Im historischen Kontext der Nachkriegszeit stellt Max Frisch einen epochalen Roman vor, der die geschichtliche Lava der 50er Jahre, die über Westeuropa rinnt,  in einer intersubjektiven Atmosphäre zusammenfasst und aus dem Standpunkt tieferschütternder Subjektivität wiedergibt. Im Gefolge einer totalen Materialschlacht im zweiten Weltkrieg, die jede Hoffnung auf Verbesserung und alle beharrlichen Werte, an die sich die bürgerlichen Zivilisationen orientierten, jeden Gott und jede universelle Erlösung zu Staub und zu Nichte machte, tritt Stiller auf – ein Antifaschist und sozialistischer Veteran des spanischen Bürgerkriegs im Kampf gegen den Generalissimus Francos. Stiller, eine personale Verdichtung allseitiger Abzüge aus den fortschrittlichen Akteuren der 30er und 40er Jahre, ist der Träger des Romans, wie unschwer aus dem Titel zu erkennen ist. Während eine ganze Generation, die das Elend des Nationalsozialismus erfahren und den Selbstzerstörungscharakter des Krieges durchgangen hat, in Resignation und Schweigen verfällt, ist – im Proust‘schen Sinne – Stiller auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Die Versinnbildlichung dieses verlorenen, einst am Horizont prophetisch leuchtenden Glücks ist Julika, Stillers Lebensliebe und unheilbare Seelenpein. Neben der vorgeschobenen Liebesgeschichte, die sich als solche allmählich kenntlich gibt, schildert Max Frisch subtil, aber immens räumlich-plastisch, die kapitalistischen Entfremdungsprozesse, in denen sich zwischen Individuen unüberbrückbare Klüfte aufreißen, die verhindern, dass man zueinander findet, sodass das Individuum mit seinem Sehnen und seinen Leiden fortwährend auf sich selbst zurückgeworfen wird – der Mensch wird im wechselseitigen Seelenmassaker hilflos verdammt zur Einsamkeit. Während erst mit den 50ern nach und nach zögerlich die Angriffe und Gräuel der Nazis gegen die Ursolidarität der Menschen in Sinne und Denken der Öffentlichkeit geraten, sehen wir in Stiller die Person, die nach und nach seiner Identität teilweise beraubt wurde und sie teilweise selbst verloren hat. Die Zeit hat die Identität des westeuropäischen Menschen zerstört, sodass aus den Annalen der menschlichen Barbarei das tief humane Echo mit den in der Selbstvernichtung abgestumpften Schwertern klirrt: Wer bin ich?

In eines der zahlreichen Interviews mit Max Frisch wurde er u.a. seinerzeit danach gefragt, warum er nicht auch als Soziologie schreibe, da er im Stiller das Identitätsproblem des neuzeitlichen Menschen klar und unbestechlich ausformuliere. Darauf gab Max Frisch die Antwort, dass für ihn von herausragendem Interesse sei, was übrig bleibe, wenn man die soziologische Struktur den Beziehungen unter Menschen entziehen würde. Das Übrig-Gebliebene, das Menschliche sei für ihn von besonderer Wichtigkeit. Dieses Menschliche – ich würde es Substanz nennen – könne er allerdings nur durch die Literatur darstellen, die Soziologie sei dazu ungeeignet. Diese Überlegung besticht im vorliegenden Werk.

9780394702193-us-300Das vielgenannte Identitätsproblem im Roman schreit dem Leser mit dem ersten Satz: Ich bin nicht Stiller! entgegen. Vor dem Hintergrund der oben skizzierten Situierung Stillers verläuft das Identitätsproblem wesentlich auf zwei Ebenen, die sich unheilbar miteinander verstricken. Auf der Sozialebene – wie kurz erwähnt – findet das Identitätsproblem seinen Ausdruck in der gesellschaftlichen Vereinnahmung des Menschen, d.h. dass in der Rückspiegelung der gesellschaftlichen Oberfläche nolens volens die Identität eines Individuums definiert wird. Die Identität ist das Opfer eines permanenten Belagerungszustandes durch die Gesellschaft, einer sich selbst entfremdeten Gesellschaft. Nicht der Träger einer Identität – das Individuum – bestimmt, was er ist, sondern die entfremdete Gesellschaft bestimmt, was die Identität des Trägers ist. Der Träger – das Individuum – wird so Opfer seiner notwendigen Interdependenz zum gesellschaftlichen Verkehr. Allerdings ist hierbei der spezifische Charakter kapitalistischer Entfremdungsprozesse zu berücksichtigen, in deren Geflecht – namentlich durch die in der Arbeitsteilung stattfindende Wertverwertung, kurz Ausbeutung, des Menschen durch den Menschen – das Individuum zerrissen wird. Dieser spezifisch bürgerliche Charakter macht die Aura der Identitätskrise im Roman aus. Sie ist das Wesen der intersubjektiven Sphäre, in der Stiller seine Selbstentfremdung in der Entfremdung zu Julika erzählt. Man wird möglicherweise aus liberal-idealistischer Verklärung einwenden, dass Identität eine urseelische, dem Individuum inhärente, reine Substanz sei, die ausschließlich aus der Disposition eines Individuums kraft eigenen Willens hervorgeht und sich entfaltet, sobald man ihr alle ihr entgegenstehenden Schranken wegräumt. Ohne diese leidige Verwirrung aufzumachen, möchte ich lediglich auf den Gesichtspunkt verweisen, dass Identität selbst Produkt menschlicher Interaktion, mithin gesellschaftlicher Verhältnisse ist, die die Menschen notwendig aus materiellem Bedürfnis heraus eingehen müssen. Wer das Identitätsproblem in Stiller als ein solches versteht, in dem Individualität gegen Sozialität protestiert, ein plumper Antagonismus sein Gefecht austrägt, hat weder Stiller verstanden noch die Beobachtungsräume, die Max Frisch mit dem Roman freigelegt hat, gesehen. Ein solcher Leser träumt vom Führer, einem Cäsaren.

Auf der Individualebene – wobei Subjektivität treffender die Momente der bezeichneten Ebene erfasst – handelt es sich bei dem Identitätsproblem um einen grundphilosophischen Komplex, der als Imperativ mit den Worten, die auf dem Tor zum Orakel von Delphi standen, gefasst werden kann: „Erkenne dich selbst.“ Kurz gefasst – unten komme ich nochmal darauf zurück – ist handelt der philosophische Komplex von der Undefinierbarkeit der Existenz als Seinswesen. Der Mensch will sein, obwohl er ein Werden aus einem Nichts ist. Diese Antinomie, die fortwährend eine zermürbende, aber auch herausfordernde Agonie im menschlichen Leben erzeugt, affiziert sich in der permanenten Entziehung der Freiheit im Moment einer Tat. Dialektisch gefasst, ist dieses permanente Flüchten der Freiheit im Moment einer Tat gleichzeitig der schmale, lichte Gang, in dem die permanente Tat den Moment der Freiheit – und mithin der Seinserfahrung – zurückholt. Existentialistisch gesprochen, resultiert aus der Undefinierbarkeit des Menschen und die mit ihr einhergehende Antinomie des Seins die praktische Folgerung, stündlich und täglich aufs Neue denselben Kampf aufnehmen, dieselbe Freiheit wieder und wieder erkämpfen, den permanenten Kampf um die Freiheit ausrufen zu müssen. Jean-Paul Sartre, die philosophische Koryphäe des Existentialismus, formulierte es seinerzeit in etwa mit den Worten: Der Mensch ist Nichts, will er sein, muss er sich erfinden, muss er handeln. Oder im ‚Das Sein und das Nichts‘: „Die Freiheit ist genau das Nichts, das im Kern des Menschen geseint wird und die menschliche-Realität zwingt, sich zu machen statt zu sein.“ Daher der weltberühmte Ausspruch aus demselben Werk, der nach dem zweiten Weltkrieg denkende Köpfe wie bewegte Körper eroberte: „Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein.“ Stiller hat diese philosophische Erfahrung gemacht, allerdings ohne sie angenommen zu haben. Nun, nicht ohne Grund ist der Existentialismus, der im Chaos der 30er seine Erfahrungen gemacht, im Massaker der 40er seine ausformulierten Beobachtungen und Synthesen auf Papier gebracht und in der intellektuellen Tristesse der 50er in der Praxis bewährt hatte, auch ein Kind seiner Zeit. Max Frisch, dem man keinesfalls Mangel an Wissen vorwerfen, im Gegenteil, Achtung vor überfülligem Wissen entgegenbringen wird, wusste selbstverständlich um das gesamte theoretische und praktische Leben seiner Zeit. Nicht zuletzt war das Werk Albert Camus, wie er selbst sagte, eine einschneidende Erfahrung, die offensichtlich Eingang in sein literarisches Schaffen gefunden hat. Stiller, aber auch „Homo Faber“ sind verstofflichte Beweise dafür. In diesem Zusammenhang ist die Individualebene des Identitätsproblems eine tief philosophisch, d.h. existentialistisch durchdrungene.

Stellt man nun die beiden Ebenen im Roman nebeneinander, eröffnet sich für den Leser ein tiefer Einblick in die Romanstruktur, die u.a. anderem eine gewisse Inspiration von einem weiteren Meister erfahren hat, auf den Sartre am meisten unter den Schriftstellern zurückkam und dessen Werke er dadurch charakterisierte, dass beispielsweise K., der Landvermesser im „Schloss“, oder Josef K., der Prokuristen im „Prozess“, ständig die Wahrheit ihrer Handlungen entgeht. Genau – in gewissem Sinn gleicht die strukturelle Aufmachung des Stiller den Werken Kafkas, Stiller entgeht permanent die Wahrheit seiner Handlungen.

Der Roman setzt sich aus zwei Teilen zusammen, der erste umfasst ¾ des Romans, der zweite, der das intersubjektive Element des Romans besonders hervorhebt, den Rest. Uns interessiert der erste, umfassendere Teil des Romans. Zwar ist – anders als in den Romanen Kafkas – Stiller in Ich-Erzählung verfasst. Allerdings ist die Eröffnung des Romans spezifisch kafkaesk, woraus sich wiederum eine spezifische Verklärung ergibt, die in den Zeitsprüngen nach vorne wie nach hinten und in den willkürlich erscheinenden Einschüben psychisch-philosophischer Art Niederschlag findet. Doch man täusche sich nicht: Nichts in Stiller, nicht ein Wort oder Abschnitt, ist das Produkt des Zufalls oder einer literarischen Laune. Alles in Stiller – das zeichnet Max Frisch aus – ist mit mehrmals abgewogenem Bedacht verfasst. Daher – ähnlich wie bei Kafka – reift die Geschlossenheit des Romans allmählich, aber zielsicher von Seite zu Seite. Verwirrungen werden zu Gewissheiten, Irrtümer zu Tatsachen. Werfen wir ferner einen Blick auf die rahmensetzende Eröffnung des Romans, das zur vorgenannten These erlaubt: Der Ich-Erzähler findet sich in Untersuchungshaft, d.h. in einer Zelle wieder, ohne zu wissen oder den Leser zu erklären, was der Schuldvorwurf ist – Josef K.! Der ganze erste Teil des Romans ist aus dieser hingeworfenen Situation heraus verfasst. Wir haben es mit einem Ich-Erzähler zu tun, der behördlich gefangen ist, alles Mögliche bis hin zum Mord begangen haben könnte, aber worüber wir aus der Klägerseite keinerlei Vorwurf oder delinquentes Verhalten erfahren oder antizipieren können. Dies konstruiert natürlich einen literarischen Spannungsbogen, den Friedrich Dürrenmatt zum Anlass nahm, Stiller als Kriminalroman verstanden zu wissen. In diesem Sinne sind auch Kafkas Werke Kriminalromane. Man denke an dieser Stelle nur an den epigrammatischen Eröffnungssatz aus dem Prozess: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“, der schlagartig eine innere Unruhe auslöst. Ähnlich ist es beim Stiller: Ich bin nicht Stiller! Hinzukommen die parabolischen Geschichten, die im Stiller zum Einsatz kommen. Erinnern sie nicht an die Parabeln des Parabelmeisters Kafka?

Wie dem auch sei, schließlich verdient ein stilistischer Hinweis besonderen Augenmerk: Warum verfasst der Ich-Erzähler die Aufzeichnungen? Max Frisch hilft sich – mal wieder durchaus klug durchdacht – damit ab, dass der Verteidiger dem Ich-Erzähler Hefte(!), Feder und Tinte auf Staatskosten, so viel er braucht, vorlegt und ihn zwecks der Verteidigung dazu auffordert, seine bisherige Lebensgeschichte zu verfassen. Insbesondere der subtile Hinweis auf die Hefte, neben den anderen kafkaesken Elementen, erinnert an die berühmten acht Oktavhefte Kafkas, in die er seinerzeit seine genialen Erzählungen und Kurzgeschichten verfasste und die größtenteils postum verlegt wurden. Im ersten Teil von Stiller handelt es sich um sieben „Hefte“, aber zieht man den einheitlichen zweiten Teil, das abbruchlose letzte Viertel heran, so liegen acht Hefte vor – möglicherweise acht Oktavhefte gleich der von Kafka.

7afc44d7558581d7225e8c1a4e934844Kommen wir nun kurz auf die strukturell-inhaltlichen Momente, die Max Frischs Durchdachtheit lehrhaft beweisen. Diese Durchdachtheit im Stoff bewährt sich auch im Stil. Ich kann im Rahmen einer Rezension nur Beispiele angeben.

Stiller, auf der Suche nach der verlorenen Identität und dem ebenso verlorenen Glück, ist beispielsweise Bildhauer. Warum? Der Bildhauer ist ein Künstler, der mit einem länger als gestaltlosem, weil dynamischen Menschenfleisch überdauernden Werkstoff einen spezifisch vollendeten Ausdruck im menschlichen Gestus festhalten will. Dieses Festhalten ist das Festhalten eines Wesenszuges aus der Mannigfaltigkeit der menschlichen Essenz. Es ist fast ironisch, dass Stiller in einem Roman, welches die existentielle Identitätsproblematik  zu einer Kluft aufreißt, Bildhauer ist, der eben mit dem künstlerischen Festhalten der Unfassbarkeit des menschlichen Wesens Identität stiftet – man denke an die identitätsstiftende Bildhauerei eines Rodins.

Außerdem, die Rede von einem sogenannten Mr. White: wieso White? Weiß ist die Farbe der Unschuld, der Reinheit, der weißen Weste – und im Roman spricht ein als schuldig uns vorgestellter Erzähler von einem Mr. White.

Oder, um auf den Stil überzugehen, die Gesamtaura der Ich-Erzählung: Der Roman, beginnt – wie erwähnt – mit den Worten: Ich bin nicht Stiller! Nun, aber alle im Roman vorgestellten Personen sagen: Du bist Stiller! Im Stil drückt sich das assoziativ so aus, als würden alle Personen mit dem Ich-Erzähler auf einen riesigen Spiegel schauen, der ein Abbild zurückwirft. Alle Personen, auf den Spiegel schauend, sagen: du bist Stiller! Sieh doch! Und der Ich-Erzähler, ebenso auf den Spiegel schauend, streckt seine Hand auf sein Abbild und insistiert: Ich bin nicht Stiller! Das bin ich nicht! Seht ihr’s nicht! Aus dieser spannungserzeugenden Dissonanz, die Stiller zum ungreifbaren Phantom vernebelt, geht der Stoff des Romans – das Identitätsproblem – auf die Form und den Stil über, was Max Frisch meisterhaft umzusetzen versteht. Die Formstruktur bildet sich aus dem Stoffkomplex, nicht umgekehrt.

Um abschließend ein weiteres Moment solcher Dialektik aufzugreifen: durch jene Dissonanz schafft es Max Frisch den Leser in eine Vakanz zu verlegen, indem er mit äußerster Subtilität den Leser den auftretenden Personen unterschiebt. Das schafft nicht nur im Brecht’schen Sinn eine verfremdende Distanzierung zum Ich-Erzähler, auf den man trotzdem angewiesen bleibt, sondern erzeugt eine Skepsis, ein Argwohn gegenüber der Richtigkeit der Erzählung. Diese Vakanz, aus dem der Argwohn hervorgeht, ist ein weiterer spannungserzeugender Parameter, der sich durch den Roman gerüstartig zieht. Man glaubt, was man liest, und stellt es zugleich in Frage, d.h.: das Selbstdenken und die intellektuelle Arbeit wird stimuliert und herausgefordert. Ein Beispiel aus dem Roman, das im Anschluss zu eines der parabolischen Geschichten des Ich-Erzählers steht:

„Und?“ fragte mein Verteidiger, nachdem ich es erzählt habe und endlich meine Zigarette anzünde, „was hat das wieder mit unserer Sache zu tun? Gegen Ende September steigt die große Verhandlung, und sie erzählen mir Märchen – Märchen! – und damit soll ich Sie verteidigen?“
„Womit denn sonst?“
„Märchen!“ klagt er, „satt dass sie mir ein einziges Mal eine klare und blanke und brauchbare Wahrheit erzählen!“
P.S. – Ich habe meinen Verteidiger um Lieferung eines neuen Heftes ersucht, da dieses bald vollgeschrieben sein wird. Mein Fleiß freut ihn. Noch habe ich ihn nicht darin lesen lassen, und seine ernsthafte Hoffnung, dass er mit diesem Heft sozusagen mein Leben in seine Aktenmappe stecken könne, macht mir langsam Sorge.“

An einer solchen Stelle wird der Leser nolens volens dem Verteidiger untergeschoben, so als müsste der Leser den Ich-Erzähler in der großen(!!) Verhandlung verteidigen oder rechtfertigen und so als ginge es um unsere Sache zwischen dem Leser und dem Ich-Erzähler. Und dann – so wie bei mitdenkenden Lesern so oft – beklagt der Leser sich im Gewand des Verteidigers über das Ausbleiben von einer klaren und blanken und brauchbaren Wahrheit, die der Ich-Erzähler mir … erzählen soll und die der Leser dann zwar nicht in die Aktentasche, aber in sein Bücherregal platzieren kann. Der Leser wird zur Verantwortung gezogen, ohne dass er gefragt wurde, sondern aufgrund der Tatsache, Leser zu sein; nämlich, weil er in der Rolle eines Lesers per se fragen muss. Seine ernsthafte Hoffnung, dass er [der Leser] mit diesem Heft sozusagen mein Leben in seine Aktenmappe stecken könne, wird entlarvend als Unmöglichkeit zurückgewiesen, so wie er eine Pseudowahrheit vorzugsweise zurechtgelegt in Bestseller-Schundromanen vorfindet. Die Erwartungshaltung des Lesers auf etwas Bombastisches wird durchbrochen. Der Leser wird hingegen als Aktivum in den Roman eingeführt, ohne ausgestoßen zu werden. Solche Beispiele gibt es zuhauf im Roman.

Stiller gehört zum Kanon der epochalen Literatur, wie auch ein „Väter und Söhne“ eines Turgenjew dazu gehört. Stiller ist gleichsam ein literarisches Experiment der existentialistischen Philosophie. Der Schlüssel zu den Tiefenstrukturen der in ihr manifestierten Subjektivität, wie ich oben erwähnt habe, liegt in der „phänomenologischen Ontologie des Seins und des Nichts“ von Sartre, um den wir nicht umhin kommen. Die Verstrickung Stillers in der existentialistischen Dialektik drückt sich am besten mit den Worten Sartres selbst aus, die eins zu eins auf Stillers Tragik bezogen werden können: „Der Mensch ist, was er nicht ist, und ist nicht, was er ist.“ In diesem weitumspannten Theorem bewegt sich Stiller. Teilweise hat er es verstanden, aber ihm fehlt der letzte Mut. Sein Irrtum ist darin begründet, dass er nicht die Konsequenzen seiner Taten annimmt, sondern zurückweist und dadurch versagt. Er erträgt den Druck seiner Existenz nicht. Die Halbheit seiner Taten verunmöglichen ihm, frei zu sein. Einfach gesagt: er bringt Entschiedenes nicht zu Ende, sodass die Konsequenzen seiner Taten gegen die Ursache derselben protestieren. Dieser Protest ist der Prostest gegen die Inkonsequenz, in dem er gefangen bleibt, aber sich trotzdem nach Freiheit sehnt. Daher seine maßlose Reue, daher sein so menschlich empfundenes Selbstmitleid. Aber Reuen und Selbstbemitleiden kann nur jener, der weiß, warum er reut und selbstbemitleidet, der sich seiner Schuld bewusst ist, kurz: sein Wissen darüber macht, dass er reut, seine Taten nicht vollendet zu haben, und dass er sich selbst bemitleidet, seine Freiheit verraten zu haben.

Nichtdestotrotz ist Kierkegaard der von Max Frisch auserwählte Philosoph des Existentialismus, der im Vorwort, im Roman und im Schluss steht. Mit Kierkegaard eröffnet Max Frisch auch einen – inkonsequenten – Ausweg in Gott, oder einem Gott geneigten Agnostizismus. An einer Stelle heißt es nämlich, dass der Mensch nur wahrhaft frei sein könne, wenn er eine höhere Instanz, eine höhere Autorität annimmt. Später wird diese Instanz und Autorität Gott bezeichnet. Doch kommen wir langsam zum Abschluss.

41exalmlh0l-_sx304_bo1204203200_Diese Rezension – nicht zuletzt, da ein solcher Roman sichtbare Spuren in der Seele des Lesers hinterlässt – möchte ich mit einem ehrlichen Block aus dem Roman selbst abschließen, in dem – Stiller durchdringend – die Epoche der westeuropäischen Intellektuellen, Künstler und praktischen Denker charakterisiert wird, die in den 20ern mit Kassandrarufen vor der Barbarei der Nazis gewarnt haben, die in den 30ern auf der Seite der Revolutionäre in Spanien standen, die in den 40ern gegen den Faschismus Nazi-Deutschlands und Italiens gekämpft haben und die in den 50ern im Zeichen des kalten Krieges mit ihren unheilbaren Wunden sich nach Sozialismus und Demokratie sehnten, gleichsam keinen Einblick in den osteuropäischen Sowjetkommunismus kraft des eisernen Vorhang hatten:

Ich sehe jetzt ihren verschollenen Stiller schon ziemlich genau: – er ist wohl sehr feminin. Er hat das Gefühl, keinen Willen zu besitzen, und besitzt in einem gewissen Sinn viel zu viel, nämlich so wie er ihn einsetzt; er will nicht er selbst sein. Seine Persönlichkeit ist vage; daher ein Hang zu Radikalismen. Seine Intelligenz ist durchschnittlich, aber keineswegs geschult; er verlässt sich lieber auf Einfälle und vernachlässigt die Intelligenz; denn Intelligenz stellt vor Entscheidungen. Zuweilen macht er sich Vorwürfe, feige zu sein, dann fällt er Entscheidungen, die später nicht zu halten sind. Er ist ein Moralist wie fast alle Leute, die sich selbst nicht annehmen. Manchmal stellt er sich in unnötige Gefahren oder mitten in eine Todesgefahr, um sich zu zeigen, dass er ein Kämpfer sei. Er hat viel Phantasie. Er leidet an der klassischen Minderwertigkeitsangst aus übertriebener Anforderung an sich selbst, und sein Grundgefühl, etwas schuldig zu bleiben, hält er für seine Tiefe, mag sein, sogar für Religiosität. Er ist ein angenehmer Mensch, hat Charme und streitet nicht. Wenn es mit Charme nicht zu machen ist, zieht er sich zurück in seine Schwermut. Er möchte wahrhaftig sein. Das unstillbare Verlangen, wahrhaftig zu sein, kommt auch bei ihm aus einer besonderen Art von Verlogenheit; man ist dann mitunter wahrhaftig bis zum Exhibitionismus, um einen einzigen Punkt, den wundern, übergehen zu können mit dem Bewusstsein, besonders wahrhaftig zu sein, wahrhaftiger als andere Leute. Er weiß nicht, wo genau dieser Punkt liegt, dieses schwarze Loch, das dann immer wieder da ist, und hat Angst, auch wenn es nicht da ist. Er lebt stets in Erwartungen. Er liebt es, alles in der Schwebe zu lassen. Er gehört zu den Menschen, denen überall, wo sie sich befinden, zwanghaft einfällt, wie schön es jetzt auch anderswo sein möchte. Er flieht das Hier-und-Jetzt zumindest innerlich. Er mag den Sommer nicht, überhaupt keinen Zustand der Gegenwärtigkeit, liebt den Herbst, die Dämmerung, die Melancholie, Vergänglichkeit ist sein Element. Frauen haben bei ihm leicht das Gefühl, verstanden zu werden. Er hat wenig Freunde unter Männern. Unter Männern kommt er sich nicht als Mann vor. Aber in seiner Grundangst, nicht zu genügen, hat er eigentlich auch Angst vor den Frauen. Er erobert mehr, als er zu halten vermag, und wenn die Partnerin einmal seine Grenze erspürt hat, verliert er jeden Mut; er ist nicht bereit, nicht imstande, geliebt zu werden als der Mensch, der er ist, und daher vernachlässigt er unwillkürlich jede Frau, die ihn wahrhaft liebt, denn nähme er ihre Liebe wirklich ernst, so wäre er ja genötigt, infolgedessen sich selbst anzunehmen – davon ist er weit entfernt!

Von Mesut Bayraktar 29.Jan’17 / Titelbild illustriert von Lukas Schepers

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