„Roßhalde“ – Hermann Hesse

10636763_259140974209708_6450222832123969447_oAuch hier beweist Hesse, dass er die Fähigkeit schriftstellerischer Virtuose besitzt, mit der er die Wörter singen lässt.

Roßhalde ist ein in der Idylle der Natur eingebettetes, von der Schlichtheit desselben begünstigtes, aber zugleich trügerisches Heim. Der Roman beschreibt die Tragik einer sich entfremdenden Künstlerehe, in der Johann Veraguth (ein geschätzter Maler) seine in der Vereinsamung gefundene Sehnsucht nährt, die die schöpferische Quelle seines Schaffens begründet. Vielleicht ist gerade dies das charakteristische Merkmal, was einen überragenden Künstler von einem gewöhnlichen unterscheidet: der seelische Schmerz, der die Brust zu zerreißen vermag, weil er sich nach Liebe sehnt. Der Maler verkörpert diese Gattung Künstler, die inmitten ihrer Qual ihre Kraft beweisen.

Heißt das, dass Künstler den Schmerz brauchen, um große Werke zu schaffen? Oder, dass überragende Künstler nur solche sind, die leiden (können)? Muss einem großen Kunstwerk ein großes Leid vorausgehen? Dieser Standpunkt käme einer Kasteiung gleich und ist sicherlich streitbar – Leiden, um der höheren Schöpfung willen. Doch kann man nicht zugestehen, dass große Künstler in ihrer tiefsten Selbstzerstörung ihre größte Selbstverwirklichung erleben? (Mit Selbstzerstörung sind nicht zwingend physische Schmerzen gemeint.)

Wie dem auch sei, fest steht, und darüber lässt sich zweifelsfrei nicht streiten, dass Künstler eine ausgesprochen intensive Feinfühligkeit ihrer Umgebung gegenüber haben. Eben dieser hohe Empfindungsgrad für alles Leben, diese Sensibilität, macht sie besonders empfänglich für Freud und Leid, für Schönheit und Hässlichkeit, für Liebe und Hass. Johann bewegt sich auf solchen Empfindungshöhen.

„Roßahlde“ erschöpft sich jedoch nicht bei Johann Veraguth; nur verdienen die Passagen, in denen Hesse die Malerei in Wörter kleidet, also verbalisiert, besondere Würdigung und Aufmerksamkeit. Sie sind wahrhaft schön!

Neben Johann wird Pierre eine besondere Rolle zuteil. Pierre, Sohn von Johann und Adele (eine Pianistin), ist das letzte, fadenscheinige Bindemittel, das die Ehe zusammenhält. Pierres muntere Lebenslust und sein jäher, qualvoller Tod – ein Kontrast – erwecken beim Leser eine Ungerechtigkeit, die zum Protest bewegt. Doch auch dieser mit sich selbst kämpfende Knabe verdeutlicht „nur“ den mit sich selbst ringenden Künstler. Der Knabe findet seinen Tod. Der Künstler findet ein neues Leben. Und beide finden ihre Erlösung. Jeder Abschied ist auch ein Aufbruch. Manchmal muss man etwas sterben lassen, um leben zu können.

Nichtsdestotrotz hinterlässt das Buch ein schmerzliches Gefühl.

Von Mesut Bayraktar

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