Mister Aufziehvogel – Haruki Murakami

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Bekannte Vertreter der existentialistischen Literatur, Albert Camus, Simone de Beauvoir oder Jean-Paul Sartre, zeichnet unter anderem ihr Merkmal, sich der Phänomenologie zu bedienen, aus.  Sie betrachten etwas Konkretes: eine Kaffeetasse, den Kellner, der sie serviert oder eine tägliche Tortur, wie die in zyklischer Unendlichkeit vollzogene Arbeit eines Sisyphos. Auch eine Tendenz besagter Existentialisten, ist die Vorliebe, nicht nur essayistisch, sondern literarisch durch Phänomene hindurch die Existenz des Menschen und der Dinge zu durchleuchten.

Haruki Murakami’s Werk „Mister Aufziehvogel“ hat vordergründlich ebensolche Charakteristiken in sich, bearbeitet ähnliche Thematiken, wie die  Sinnfrage des Lebens, die Wurzel des Seins, die Grenze des Realen und Surrealen, ohne dass man den Autor eindeutig zu einem ausgewiesenen Philosophen, geschweige denn Existentialisten zählen würde. Dafür sind seine Ausführungen zu oberflächlich, umschreibend, ausschweifend und vor allem, sich ins Fantastische zuspitzend, surreal. Und dennoch, seine Literatur kann ähnliches Bewirken, wie die eines Camus oder Sartre.

Anders als diese beiden Autoren, die komplizierte Gedankengänge zumeist mit schlichter Prägnanz und einfachen dünnen Strichen zeichnen, die eine Flut von Reflexionen auslösen können, beschreibt Murakami langatmig vereinzelte Situationen und den Alltag seines Protagonisten, um gelegentlich einen Gedanken anzudeuten, wie es in der Manier eines guten Freundes,  der seine Hand auf die Schulter seines Gegenübers legt, passiert.

Man stößt in diesem 1995 erschienen Werk auf den 30-jährigen, arbeitslosen Toru Okada, der  Mitte der 1980er Jahre bewusst aus dem täglichen Berufstrott austritt. Er entfliegt aus dem täglichen Treiben, sich morgens zur Arbeit gleich einem Uhrwerk aufzuziehen, woraufhin ihn seine Frau verlässt. Losgelöst von allen gesellschaftlichen Bindungen, beginnt Toru auf den Straßen Tokios, wie Nihonbashi und Shinjuku gleich einem Observator Menschen in ihrem geschäftigen Treiben zu beobachten. Ihn beginnen die „einfachen Fragen des Lebens“ zu beschäftigen und er versucht, zurückgezogen auf dem Grund eines trockenen Brunnens, sein bisheriges Leben zu hinterfragen, um sich selbst neu zu ergründen:

„Hoch oben über mir schwebt eine runde Scheibe Licht: der Abendhimmel. Während ich zu ihm aufschaue, denke ich an die oktoberabendliche Welt, in der ‚die Leute‘ wohl gerade den Geschäften ihres Lebens nachgehen. In diesem blassen Herbstlicht hasten sie Straßen entlang, kaufen ein, bereiten das Abendessen vor, besteigen Pendlerzüge, die sie nach Haus bringen sollen. Und sie denken (wenn sie überhaupt denken), diese Dinge seien zu selbstverständlich, als dass es sich lohnt, darüber nachzudenken – genau wie ich früher dachte (beziehungsweise nicht dachte).“

Durch seine teilnahmslosen Beobachtungen, die nie zu einem Entschluss oder universaler Erkenntnis führen, sondert er sich zunehmend von der ihn umgebenden Gesellschaft ab: „Sie werden unter dem vagen Begriff ‚Leute‘ zusammengefasst, und auch ich habe früher zu diesen Namenlosen gehört. Geduldig und geduldet leben sie miteinander unter diesem Licht, und solange sie vom Licht umhüllt sind, muss eine Art von Nähe entstehen, ob nun für immer oder nur für einen Augenblick. Ich allerdings bin keiner mehr von ihnen. Sie sind da oben auf dem Antlitz der Erde, ich bin hier unten, auf dem Grund eines Brunnens. Ihnen gehört das Licht, während ich dabei bin, es zu verlieren.“

Toru’s  regelmäßiger Rückzug auf den Grund eines Brunnens hilft ihm, um in Abgeschiedenheit mehrere Meter unter der Erde konzentrierte Gedanken zu fassen, ohne irgendwelchen visuellen Reizen ausgesetzt zu sein, außer dem sich in hell und dunkel abwechselnden Kreisausschnitt des Himmels. Eine Szenerie des Nichts, der teils vollkommenen Dunkelheit, in der selbst der eigene Körper nur noch empfunden werden kann. Aus diesem Nichts heraus beginnt Murakami seine Fantasieträume zu entfalten. Er reißt die Figur Toru und mit ihr den Leser aus der sich zuspitzenden, absurden Realität heraus, um in einem surrealen Fantasiegebilde eine Welt von Möglichkeiten zu konstruieren. Diese Verknüpfung von der Absurdität des Lebens mit einer unerschöpflichen Fantasie setzt Räume frei zur Reflexion über das Sein und das Nichts, den Menschen und die Dinge, über seelische Abgründe, oder das Sisyphosdasein der Milliarden von lohnabhängigen Werktätigen. Sie vermögen es durch die schleichende Verschmelzung von Realität und Surrealität, festgefahrene Gedanken loszulösen. Murakami schafft es also eine den französischen Existentialisten ähnelnde Thematik vorzuführen, ohne eine Richtung vorzugeben, sondern lediglich um ihr zu begegnen. Er ist kein Autor der klaren Analysen, sondern der verheißungsvollen Begegnungen. Hierin gleicht er sicherlich mehr einem Camus als einem Sartre.

Doch auch andere Lebensrealitäten, wie die des Karrieristen Noboru Wataya, werden durchleuchtet. Eine Realität, welche in der Motivation des Handelnden die Wurzel und Sinnhaftigkeit seines Seins erfährt, um so die „komplizierte Oberfläche der Wirklichkeit zu durchstoßen“. Sei nun die Motivation Macht, Geld oder Gerechtigkeit; es ließe sich mittels dieser Lebenswurzel die Welt einordnen. Noboru, der sich für die Macht entschied, unterscheidet sich von Toru insofern, dass er sich frühzeitig bewusst für eine Wurzel entschlossen hat. Noboru hat sich für einen Standpunkt und Ziel entschieden, dem er alles unterwirft, während Toru noch an der Komplexität der Welt scheitert.

Eine weitere interessante Figur ist die der 16-jährigen May Kasahara, die, im Gegensatz zu Toru, anstatt zur Schule zu erscheinen und dem üblichen gesellschaftlichen Treiben der Menschen nachzugehen, sich mit Gedanken über das Leben den Kopf zerbricht. Denn sie erkennt für sich: „Man glaubt vielleicht, dass man sich eine neue Welt oder ein neues Ich geschaffen hat, aber das alte Ich ist die ganze Zeit weiter da, direkt unter der Oberfläche, und da braucht nur irgendwas zu passieren, und schwupp, steckt es den Kopf raus und sagt: ‚Hallo‘.“ Im Bewusstsein der täglichen Einflussnahme des Seins auf eben dieses Bewusstsein des Menschen, traut sie sich zunächst nicht in dieses Sein hinaus und versucht sich die Welt im Bewusstsein zu ergründen. Doch dieser Versuch misslingt und treibt sie aus ihrer physischen Passivität heraus stets in Gedanken über den plötzlichen Tod und langsamen Prozess des Sterbens.

Ihr Lösungsansatz liegt schließlich entgegen dem Toru’s nicht im Reflektieren, sondern im Schaffen und beginnt damit, in einer Fabrik zu arbeiten. Ihr behagt es, sich vollkommen als Teil der Arbeit zu fühlen, welche ihr eigene Gedanken kaum zulässt.  „Ich fühle mich nicht im Mindesten meinem Leben entfremdet. Wenn überhaupt, dann hab ich manchmal sogar das Gefühl, dass ich dadurch, dass ich mich so auf meine Arbeit konzentriere, mich mit der geistlosen Entschlossenheit einer Ameise konzentriere, Schritt für Schritt näher an mein ‚wirkliches Ich‘ herankomme. Ich weiß nicht, wie ich‘s sagen soll, aber es ist, als käme ich durch diese nicht-über-mich-selbst-Nachdenken näher an den Kern meines Ichs heran.“ Schaffend sich schaffen, lautet ihre Leitsatz.

Alle drei Herangehensweisen zur Erkenntnis der persönlichen Identität für sich und an sich (in der Welt, bzw. Gesellschaft), geben in ihrer Ausschweifung auf über 760 Seiten genügend Assoziationsspielraum. Und dennoch schafft es Murakami, dass ein jeder dieser Lebenswege durchdrungen ist von vollkommener Willkür. Er deutet die Größe vom Absolutem an und hinterlässt den Eindruck von Chaos. Eine wirre Unordnung, die zum Versuch, eine entwirrende Ordnung zu konstruieren, animieren kann.

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 Von Andreas Bill, 16. Juni ’17