Leben des Galilei – Bertold Brecht

Der 1564 in Pisa geborene Galileo Galilei zählt zu den Menschen der Weltgeschichte, die ihrer Zeit voraus waren. Mit seinem heliozentrischen Weltmodell stellte er sein Forschungsergebnis vor, welches besagt, dass die Planeten um die Sonne kreisen und die Sonne Mittelpunkt eines Sonnensystems sei. Galileis Theorie stützte sich auf die Annahme von Nikolaus Kopernikus, welcher  seine Ansichten niemals belegen konnte. Galilei hingegen, der mittels eines Fernrohres die richtigen Stellen am Himmel beobachtete, konnte seine Theorie dadurch beweisen und das herrschende Weltsystem fundamental in Frage stellen. Denn seine Erkenntnis widerspricht der Bibel und griff somit die im Zeitkontext des 17. Jahrhunderts in Europa vorherrschende, römisch-katholische Kirche und ihre Legitimation an. Dieser historische Kontext bildet den Stoff für Bertold Brechts, in den 1930ern verfasstes und 1956/57 erstmals aufgeführten Dramas, „Leben des Galilei“.

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Galilei stellte also die Lehre der Obrigkeit in Frage und setzt bei Verkündung seiner Theorie auf die Kraft der Vernunft der Menschen. Umsonst, wie sich herausstellte, denn seine Lehren wurden in der Öffentlichkeit erst über ein Jahrhundert später – nach zunehmendem Machtverfall der römisch-katholischen Kirche – anerkannt. Brecht betrachtete bei Behandlung dieses Stoffes primär das Verhältnis Galileis zur Kirche und ihrer Exekutive, der kirchlichen Inquisition und lässt durchblicken: was als wahr akzeptiert ist, entscheidet die Obrigkeit; was die Obrigkeit akzeptiert, entscheidet ihr Interesse; was ihr Interesse ist, entscheiden Mittel und Wege zu ihrem Machterhalt.

Bliebe es bei dieser eindimensionalen Bestimmung des Geschichtsverlaufes, blieben die Machtstrukturen auf ewig gleich, die Herrscher stets herrschend, die Beherrschten für immer beherrscht. Doch der Dialektiker Brecht versteht die Welt ewig jung und offen, denn werdend. Er versteht die Welt im Wandel nicht aus einer einzigen Kraft heraus geleitet, sondern aus einer Vielzahl von Gegensätzen verharrend und sich verformend, aufgeladen und sich in Sprüngen entladend.

„Auf stund der Doktor Galilei
Und sprach zur Sonn: Bleib stehn!
Es soll jetzt die creatio dei
Mal andersrum sich drehn.
Jetzt soll sich mal die Herrin, he!
Um ihre Dienstmagd drehn.

Das ist doch allerhand? Ihr Leut, das ist kein Scherz!
Die Dienstleut werden sowieso täglich dreister!
Denn eins ist wahr:
Spaß ist doch rar.
Und Hand aufs Herz:
Wer wär nicht auch mal gern sein eigner Herr und Meister?“

Brecht zeigt, wie die Dynamik einer fortschrittlichen Lehre die Gesellschaft und die in ihr konstituierte Herrschaft im Konflikt verändert. Und zwar konfliktreich, weil Fortschritt auf Konservierung trifft. Dazu muss zunächst eine Lehre im Raum stehen, um überhaupt zu wirken. Erst dann, wenn sie dargeboten und andere sie überzeugend wahrnehmen und verstehen, kann sie sich im Bewusstsein festsetzen. Galilei richtet dazu sein Schaurohr auf die richtigen Stellen. Nicht die „Schiffe, die Kirchenglocken oder Frauenzimmer“, sondern die Stellen, die dem Menschen verborgen und doch zu seiner weiteren Menschwerdung entscheidend sind. Galilei sah zum Himmel auf und brachte den Menschen sich selbst näher. Denn er trug ihn aus dem Himmelreich runter auf die Erde. Wohin müssten wir heute sehen, um den Menschen den Menschen näher zu bringen?

Bertold Brecht bewies durch weitere Werke, wie DreigroschenromanDer gute Mensch von Sezuan oder Die Geschäfte des Julius Cäsar, dass sein Blick ebenfalls stets nach oben ging. Doch nicht in das Himmelreich, denn das wäre seiner Zeit nicht gemäß, sondern auf die Herrschenden seiner Epoche: in die oberen Sphären der Gesellschaftsstruktur. Und es entlädt sich mit zunehmendem Fortgang des Stückes der Eindruck, dass Brecht mit seiner Darstellung des Galileo Galilei und seiner Ideen, eine Parallele zu anderen Denken und ihren Ideen aufzeigen möchte.

Zur Einbettung in die heutige Zeit, könnte folgendes Gleichnis Aufschluss geben: Galileis Sonnensystem oder seine Untersuchungen über Mondflecken ausgetauscht mit dem bahnbrechenden Neuen in der Erkenntnis des Mehrwertes, in der ökonomisch-dialektischen Geschichtsauffassung, in der Theorie-Praxis Beziehung ist eine spannende Interpretation, die natürlich aus einem Lehrstück Brechts einige Aufklärung mit sich bringen könnte: Die Unterdrückung fortschrittlicher Ideen seitens konservativer Mächte, die Notwendigkeit der Präsenz einer fortschrittlichen Theorie in der Öffentlichkeit, die Bewegung einer Gesellschaft im Zuge der Präsenz einer fortschrittlichen Theorie, wenn diese durch konkrete Beweise, durch den aufklärenden Blick, durch ein Schaurohr, belegt ist. Woher dieser Eindruck?

Dazu in den Worten Brechts Galilei: „Ich halte dafür, dass das einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern. Wenn Wissenschaftler, eingeschüchtert durch selbstsüchtige Machthaber, sich damit begnügen, Wissen um des Wissens willen aufzuhäufen, kann die Wissenschaft zum Krüppel gemacht werden. Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschreiten wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein.“

Galileo Bild

Von Andreas Bill, 07 Juni ’17