„Krieg und Frieden“ – Leo Tolstoi

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Kolossal. Was für eine bis in jedes Detail umschmückende, farbenreiche Sprache; diese Genauigkeit malt klare, atmende, lebhafte Bilder im Panorama-Maß. Sie erheben sich vor dem Auge, als würde man im Bilderbuch blättern, gleichwohl mit dem Unterschied, dass es die angeregte Einbildungskraft ist, die den Blättern Bilder aufdrückt. Die Sprache Tolstoi’s ist die eines solchen Pinsels, der in meisterlichen Schwüngen glanzvolle Farben auf eine Leinwand aufträgt, kontrastreich wie das Leben selbst, und so die ganze Pracht eines Gemäldes höchst-künstlerischer Schöpfung gebärt, in dessen Dynamik man sich als Leser hemmungslos versinken lassen kann. Einerseits werden Intrigen, Rivalitäten, die Liebe, aber auch tiefe Freundschaften gesponnen, wiederum werden andererseits ganze Menschenmassen und Völker durch die Weltgeschichte bewegt und trotzdem wird endlich das Private und das Gesellschaftliche miteinander zur Einheit verwoben. Da bleibt einem nur übrig zu resümieren: so ist das Leben.

Die geistige Kapazität des Autors ist beeindruckend. Weder spürt man Ehrfurcht noch Überforderung noch Verlorenheit. Vielmehr wird der Leser „erzählerisch“ ins Zeitgeschehen „hineingelegt“. Die Wörter sind präzise, die Sätze eingängig, die Absätze klangvoll und das Werk episch. Um keine Verzerrung zu suggerieren: er ist alles andere als schwärmerisch oder romantisch. Tolstoi brilliert gerade mit der demütigen Bescheidenheit, die er dem Wesen dieses epochalen Werks eingeflößt hat. Je enger die Wechselseitigkeit zwischen bildnerischer Sprache und demütiger Bescheidenheit gespannt wird, desto klarer tritt jener Kontrast zum Vorschein, der, wie mir scheint, die Sentenz seines Werks zu begreifen erlaubt: nämlich,

dass der Gang der Menschheit durch die Geschichte von (scheinbar) unbegreiflichen, historischen Gesetzen bewegt und von der Ausweglosig- wie Unvermeidlichkeit des Geschehenen beherrscht wird, inmitten das Subjekt, umringt von unfassbaren Kräften, nicht weniger als eine Laune des Zufalls und nicht mehr als eine Nichtigkeit des Augenblicks ist. (, sich aber doch als zu wichtig versteht.)

Von Mesut Bayraktar

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