„Hundert Jahre Einsamkeit“ oder Magie der Freiheit – Gabriel García Márquez

Auf das vorliegende Buch, das einen epischen Titel trägt, ist die Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Literatur zurückzuführen, den der 1928 in Aracataca geborene und 2014 in Mexiko-Stadt verstorbene, kolumbianische Schriftsteller, Gabriel García Márquez, 1982 erhalten hat. 1967 in Buenos Aires erstmalig erschienen, wurden seitdem bis zu 30 Millionen Exemplare verkauft. Der Roman genießt weltweit Anerkennung und ist in nahezu 35 Sprachen übersetzt. Noch dieses Jahr ist im deutschen Buchhandel eine Neuübersetzung im Kiepenheuer & Witsch Verlag erschienen. Das nennt man Welterfolg, das Vorstadium für die legitime Zugehörigkeit zum Kanon der Weltliteratur. Hundert Jahre Einsamkeit ist zwischenzeitlich Kulturerbe Kolumbiens geworden, darüber hinaus auch eine literarische Chiffre für das kämpferische und tragische Schicksal Lateinamerikas im Schatten der imperialistischen Barbarei vor allem aus Nordamerika. Weltweit sind Hundert Jahre Einsamkeit ein geflügeltes Wort für die Spirale von Aufstieg und Fall der Generationen in Lateinamerika geworden, in dessen Kaskaden der Einzelne schließlich ins trübe Gewässer der Einsamkeit gespült wird. Der Roman steht für die Träume, für koloniale Gewalt wie für das koloniale Erbe und schließlich für die politische Tragik ebenso, wie die politische Hoffnung der lateinamerikanischen Völker. Nicht zuletzt ist das Buch ein Schlüsselwerk des phantastischen Realismus, dessen wesentliche Merkmale unübersehbar in Struktur und Technik des Romans zu erkennen sind.

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Worum geht es? Am Ufer eines Flusses mit kristallklarem Wasser, das dahineilt durch ein Bett aus geschliffenen Steinen, weiß und riesig wie prähistorische Eier, befindet sich das imaginäre Dorf Macondo. Es wird gegründet und beherrscht von der Familie Buendía. Diese Familie begleitet der epische und durchaus mit Humor wie Witz ausgestatte Erzähler, der gleichsam eine unerbittliche Unruhe subtil zu erzeugen vermag, über Generationen im Familienkontext und Kontext der Einzelschicksale hinweg. Es gibt keine linear-stringente Geschichte. Vielmehr – manchmal in Absätzen, manchmal mitten in einem Satz – hüpft der Erzähler von einer Person zur anderen oder springt in der Zeit nach vorne und nach hinten, wie es ihm gerade passt und macht darin die Erzählung zum Ganzen passend. Er komplettiert die Erzählung nach und nach mit einer genialen Bildpotenz, die in unscheinbare Details eintaucht und in großartigen Kompositionen aufgeht. Dabei geht es um Höhepunkte und Katastrophen, um Aberglauben und Liberalismus, um Liebschaften und Missgunst, um goldene Fische und Emigrationsträume in Brüssel und schließlich auch um brutal ermordete Arbeiter im Streik und Nationallegenden. Beeindruckend ist, wie es Márquez gelingt, ganze Epochen charakteristisch durch das Buendía-Kaleidoskop in einem imaginären Raum zu betrachten und zu verdichten, der Raum und Zeit erhellt, indem er sie verengt. Dadurch lässt sich der Roman wie eine Geschichte en miniature zur Geschichte Lateinamerikas lesen. Mithin ist die Romanstruktur in einem geschichtlichen Stufenverhältnis aufgebaut. Insofern lässt sie sich mit dem Literaturtheoretiker Mechthild Strausfeld in vier Epochen einteilen:

  1. Entdeckung, Eroberung, Kolonialzeit (1492 – 1830)
  2. Republik: Beginn der Bürgerkriege (1830 – 1902)
  3. Beginn des Imperialismus: Bananen etc. (1899 – 1930)
  4. Aktualität – Neoimperialismus (1930 – Gegenwart)

Die Parallelverweise zum Roman:

  1. Gründung Macondos durch die Familie Buendía
  2. Auftauchen des Landrichters und Verlauf der Bürgerkriege
  3. Die Bananenfabrik und die blutige Niederschlagung eines Streiks
  4. Agonie, Verfall und Zerstörung des Dorfes

Das Phantastische am Realismus in diesem Roman zeichnet sich vor allem in der Einheit des Widerspruchs aus, dass es zum einen der Mechanik der Realität ihre Zwangsläufigkeit nimmt, wodurch Räume und Perspektiven entstehen, die zeigen: nichts muss, es kann anders sein. Zum anderen, wenn das Phantastische Sand ins Getriebe des Realen wirft, macht es das Umgreifende des Realen und damit das Reale als apriorische Größe im Verhältnis zum machenden und wirkenden Subjekt deutlich, sodass der Roman nicht in einen idealistischen Subjektivismus abgleitet. Das heißt aber auch nicht, dass das Reale nicht geschichtlich fließt. Durchaus fließt das Reale im historischem Zusammenhang. Doch die Herausforderungen, die es existentiell dem Einzelnen stellt, erscheinen für diesen Betroffenen apriorisch, unausweichlich, aus dem Dunkeln kommend. Der Realismus ist somit die geschichtliche und gesellschaftlich-politische Substanz, die wie eine Determinante ihren starrköpfigen Weg geht. Doch der Mensch, den die Geschichte in ihre Bewegung reißt, ist das Subjekt, das umlenkenden Einfluss auf diese umgreifende Determinante ausüben kann, wenn er sich seiner selbst im Kontext seines gesellschaftlichen Seins bewusst ist. Der Mensch wird damit das Phantastische im Realismus von Márquez. Er ist die Magie, die wir Freiheit nennen. Diese dialektische Spannung ist im epischen Stil des Romans nahezu vollkommen beherrscht. Das ist die Meisterschaft von Márquez. Daher versteht man zweifelsohne, dass Márquez in einem Interview mal äußerte, dass Franz Kafkas „Verwandlung“, die er in seiner Studienzeit gelesen hatte, ihn am stärksten geprägt hatte. Gerade Franz Kafkas Werk ist der Vorläufer oder die Avantgarde des phantastischen Realismus.
1396551081_198117_1396551390_noticia_normalSchließlich ermöglicht diese Technik, die durch den Realismus als das Tagebuchführens über die Wirklichkeit lebensbezogene Sprengkraft besitzt, einen utopischen Ausblick. Das heißt, sie verhilft dazu, das Bewusstsein des Lesers mit der nötigen Phantasie zu versorgen, die ihm den Mut verleiht, das grau in grau Bestehende negierend, einem Kommenden entgegen zu laufen, kurz: die Vorläufigkeit alles Gegenwärtigen, auch der eigenen Person, zu erkennen. Dieses Aufatmen, als sei man aus dem Wasser aufgetaucht, verleiht Unabhängigkeit und Freiheit. Beides braucht der Mensch im globalisierten Chaos des 21. Jahrhunderts mehr denn je.

Nicht grundlos war Gabriel García Márquez, der als junger Mann die Sowjetunion, Osteuropa, die DDR und Kuba als Reporter bereiste – wo im Übrigen eine Freundschaft mit Fidel Castro entstehen sollte – bis zum Schluss seines Lebens dem Sozialismus zugewandt. In der verborgenen Unruhe von Hundert Jahre Einsamkeit, der nach Überwindung des Einsamen schielt, spürt man das.

Von Mesut Bayraktar, 27.Aug’17


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