„Homo Faber“ oder die maschinisierte Indifferenz – Max Frisch

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Der schaffende Mensch kehrt den traditionellen Religionen den Rücken zu und schafft eine neue Religiosität: den Szientismus.

Es heißt, dieser „Bericht“ gehört zu den meistgelesenen Büchern des 20 Jahrhunderts; möglich und nachvollziehbar. Wäre es heute publiziert, fände es selbige Resonanz. Mit der Technologisierung der Lebensrealität moderner Gesellschaften, sieht sich das Subjekt einer fortwährend neuen Situation ausgesetzt, die ihn in eine geistige Überlegenheit hebt und ebenso in eine emotionale Enge treibt, bis es sich schließlich in einem Identitätsdilemma wiederfindet: Ist man noch Mensch oder schon Roboter?

Für den Homo Faber ist die Welt eine durch präzise Kalkulation feststellbare und durch Formeln teilweise reproduzierbare Bewegung – eher der mechanischen als der organischen Dynamik entsprechend. Daher rührt seine zwischenmenschliche Begrenztheit, das Fehlen eines Feinsinns für Befindlichkeiten Anderer und sein Unverständnis im Hinblick auf Kunst und Kultur. Er verkennt die Unberechenbarkeit menschlicher Aktion und Interaktion. Das Unzulängliche lässt er nicht gelten, denn alles ist Mathematik, sodass sich alles mathematisch dekodieren und rational erkennen lässt.

Seine Kategorien sind Gewicht, Dichte, Beschaffenheit, Funktionalität. Doch lassen sich mit Antworten der Technik die letzten Fragen des Lebens beantworten – die nach dem Sinn der Dinge. Lässt sich mit der Reinheit von Zahlen die Fülle des Lebens erklären? Welche Bedeutung haben die Regungen des Herzens? Gibt es so etwas wie ein seelisches Ungleichgewicht? Welches Bedürfnis verlangt nach Ästhetik und dem Absoluten? Wie groß wiegt das Gewicht des Todes auf der Angst? Was ist es, wenn die Brust sich beim Verlust eines Menschen zusammendrückt und das Atmen erschwert? Vor allem und womöglich zuletzt, welche Tragweite hat die Liebe?

Diese Fragen weiß der Homo Faber nicht zu beantworten, obwohl er ihnen geradewegs zuläuft.

Homo Faber, einfältig, stumpfsinnig und selbstgerecht, ist Szientist. Er führt uns mögliche Auswüchse der Wissenschaftsgläubigkeit vor, die nicht zuletzt darin münden, dass jegliche Sensibilität aus den Sinnen getilgt und jegliche Emotionalität aus dem Gefühl verbannt wird; kurz, Entfremdung.

 

Von Mesut Bayraktar

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