Gefährliche Geliebte – Haruki Murakami

Haruki Murakamis Roman „Gefährliche Geliebte“ hat schon so manchen Streit in der Literaturwelt ausgelöst. Als bekanntestes Beispiel kann der Konflikt im „Literarischen Quartett“ zwischen Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler dienen, die sich über Form und Ästhetik des Buches nicht einigen konnten, was nebenbei der Auslöser wurde für Löfflers Austritt aus dem Quartett. Diese Rezension möchte nicht in diese eher subjektive Diskussion einsteigen, die möglicherweise durch die Neuübersetzung von Ursula Gräfe direkt vom Japanischen ins Deutsche obsolet wurde. Diese Rezension möchte sich hingegen ein Thema des Werkes genauer ansehen: die sich in seiner Subjektivität vergrabende und isolierende Figur Hajime und ihr daraus resultierendes lebenslanges Bestreben sich in Gemeinschaft verstanden zu fühlen.

Darin ähnelt dieser Roman Murakamis sehr stark seinem vorausgegangenen Werk „Naokos Lächeln“. Ein männlicher, aus mittelständisch bürgerlichem Hause stammender Protagonist als in sich gekehrter Einzelgänger, der zur Generation der japanischen Studentenbewegung in den 60er Jahren gehört und Literatur studiert. Auch der japanische Titel des Buches „Gefährliche Geliebte“ lehnt sich, wie schon bei „Naokos Lächeln“, an einen den Protagonisten prägenden Song an. Der japanische Titel „okkyō no minami, taiyō no nishi“ bedeutet übersetzt „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ und entspricht dem englischen Titel „south of the border, west of the sun“ des Songs von Nat King Cole. Ein Lied, das für Hajime eine besondere Bedeutung hat, steht es doch für eine kurze, glückliche Zeit seines Lebens: eine Zeit, die geprägt war von dem Gefühl, verstanden zu. Es dient ihm fortlaufend als Erinnerungspunkt, der ihn in nostalgischer Sehnsucht gedankenverloren in sich zurückziehen lässt.

Hajimes Leben wird von seiner frühen Kindheit an bis zum Ende seiner 30er Jahre begleitet. Der zurückgelegte Weg gleicht im Grunde einer stetigen Suche im Kreis, die irgendwann zurück zu ihrem Ausgangspunkt führt, um von dort an eine neue Richtung einzuschlagen. Dieser Ausgangspunkt ist die Begegnung des 12-Jährigen Hajime mit seiner gleichaltrigen Nachbarin Shimamoto, die beide als Einzelkinder und Einzelgänger eine besondere Gemeinsamkeit entdecken und sich anfreunden. Sie spekulieren ausgiebig über das Leben oder lauschen einfach klassischer Musik und Jazz-Interpreten, wie eben verschiedene Stücke von Nat King Cole. Diese für beide besondere Bindung findet ein plötzliches Ende, da Hajimes Familie umzieht; die entgangene Freundschaft stellt für beide einen unermesslichen Verlust dar, da sie sich erneut gezwungen fühlen, in Vereinsamung ihr zurückgezogenes Leben zu führen.

Hajime arbeitet zunächst als Lektor für Schulbücher und wechselt später, unzufrieden über sein Leben, seinen Bürojob gegen die Aufgabe eines Jazzclub-Besitzers ein – ein Wechsel, der ihm von seinen reichen Schwiegervater aus seiner kurz zuvor geschlossenen Ehe ermöglicht wird. Doch auch sein Lebenswandel durch Ehe und Berufswechsel lassen ihn in steter Isolation erscheinen; seinem Umfeld bleibt er fremd, genau wie sein Umfeld ihm. Hajime sehnt sich zunehmend nach dem, was ihm fehlt. Einen Menschen, der ihn versteht, auf ihn eingeht und dadurch Selbsterkenntnis schenkt; kurzum, all das was Shimamoto in seiner Erinnerung verkörpert.

„Indem ich ein anderer würde, könnte ich mich von allem befreien. Ich glaubte ernsthaft, ich könnte mir selbst entkommen – wenn ich mir nur genug Mühe gäbe. Aber jedes Mal bin ich in einer Sackgasse gelandet. Wohin ich mich auch wende, immer bleibe ich derselbe. Das, was fehlt, ändert sich nie. Die Kulisse ändert sich vielleicht, aber ich bin immer noch derselbe unvollständige Mensch. Dieselben fehlenden Dinge quälen mich, und nie kann ich diesen Hunger stillen. Ich glaube sogar, gerade dieser Mangel definiert mich – genauer kann ich mich nicht beschreiben.“

Der Kreis schließt sich, Hajime und Shimamoto begegnen sich erneut. In der harmonischen Kulisse eines Jazz-Clubs, in dem Duke Ellingtons „The Star-Crossed Lovers“ gespielt wird, schafft Murakami eine Atmosphäre, die trotz amerikanischer Kultureinflüsse nicht japanischer hätte sein können. Eine Atmosphäre der besinnlichen Ruhe, in der wenige Gesten und einfache Worte richtig akzentuiert eine Zweisamkeit des tiefen Verständnisses schaffen. Langsam kommen sich die beiden Kindheitsfreunde näher, beide genießen sie die Wiedergeburt ihrer Kindheitsträume, um nach ihrer endgültigen Erfüllung doch getrennte Wege zu gehen – Shimamoto ist vermutlich todkrank und verlässt Hajime, möglicherweise aus Rücksicht. Murakami hinterlässt den Leser wie so oft in Vermutungen.

Neben der Liebesgeschichte der beiden deutet Murakami eine ganze Reihe hochinteressanter Nebenstränge an, ohne diese weiter auszuführen. Hajimes Involvierung in die japanische Studentenbewegung der 60er Jahre bleibt fragmentarisch, da dieser sich nur mit Geringschätzung daran erinnern möchte. Des Weiteren ist der Vater Shimamotos ein überzeugter Marxist, der unergründlich reich ist und sich aus Vorsicht zunehmend in den Untergrund zurückzieht. Auf der anderen Seite ist der Hajimes Schwiegervater ein skrupelloser Geschäftsmann, dem es einzig um seine Kapitalinteressen– sprich einen maximalen Profit – geht, für die er natürlich nicht vor Korruption oder Briefkastenunternehmen zurückschreckt. Diese beiden hochinteressanten und gegensätzlichen Positionen, die einen hohen Einfluss in der japanischen Nachkriegsgesellschaft besaßen, werden zwar interessant aufbereitet, doch dann nicht weiter ausgeführt. Dabei gab es zu jener Zeit in Japan eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten, da sich einerseits viele Intellektuelle als Anhänger des Marxismus wägten, andererseits ein sich zunehmend monopolisierendes Unternehmertum bildete, das sich über Recht und Ordnung stellte bzw. es in seinem Interesse formte, um das bekannte japanische Wirtschaftswunder zu leiten und abzuschöpfen.

Einzig ein kurzes Streitgespräch zwischen Hajime und seiner Frau deuten das Potenzial dieser Thematik an: „Wenn du das wirklich willst, frag deinen Vater. Aber so viel kann ich dir sagen: hinter Aktien, die garantiert nicht fallen, können nur illegale Absprachen stecken. Mein Vater hat vierzig Jahre lang in einer Investment-Firma gearbeitet. Er hat von morgens bis in die Nacht geschuftet. Aber hinterlassen hat er nur ein schäbiges kleines Häuschen. Vielleicht war er einfach nicht gut in dem Metier. Jeden Abend saß meine Mutter über ihren Haushaltsbüchern und grämte sich wegen hundert oder zweihundert Yen, die fehlten. In so einer Familie bin ich aufgewachsen. […] Die meisten Leute fahren jeden Morgen zur Arbeit, in überfüllten Zügen zusammengequetscht, machen Überstunden, rackern sich ab, und trotzdem können sie in einem Jahr nicht annähernd so viel zusammenbringen. Ich habe acht Jahre lang so gelebt, ich weiß also, wovon ich rede. Und ich hätte nie, nicht ums Verrecken, acht Millionen Yen zusammenkratzen können. […] Du kannst unbesorgt sagen, dass sich das Geld, das wir investieren, in zwei Wochen verdoppeln würde. Aus acht Millionen Yen werden sechzehn Millionen. Aber etwas an dieser Denkweise ist ganz und gar nicht in Ordnung. Ohne es zu merken, habe ich mich in diese Geisteshaltung hineinziehen lassen, und das gibt mir ein Gefühl von Leere. […] Ich will kein Geld an der Börse verdienen. Ich will durch meiner Hände Arbeit Geld verdienen.“

Doch auch diese Anklage gegen Kursmanipulationen im Rahmen des japanischen Finanzkapitalismus bleibt unfundiert. Der Eindruck einer unauthentischen Kritik vom Protagonisten entsteht. Diese Fehlplatzierung und spontane Positionierung Hajimes lässt hingegen vermuten, dass der Streit von Hajime instrumentalisiert wird, um seine Frau moralisch anzugreifen und das zuvor erwähnte, kurzlebige Abenteuer mit seiner Kindheitsliebe einzugehen.

Abschließend lässt sich sagen, dass die Liebesgeschichte der beiden Kindheitsfreunde einen interessanten Rahmen für die Bedeutung von Gemeinschaft herstellt, der allerdings weitestgehend unerschöpft bleibt. Murakami wollte offenbar nicht, wie in seinem späteren Werk „Kafka am Strand“, von den Einzelfiguren auf ihre gesellschaftliche Rolle schließen lassen und ein ähnliches Resümee zulassen, wie die Verantwortung vor dem eigenen und gerade deshalb kollektiven Schicksal. Die Möglichkeit für ähnlich vorstellungsstarke Bilder, wie einem Bezug zu möglichen gemeinschaftsbildenden Anknüpfungspunkten, hätte dieses Buch durch eine damit miteinhergehenden Tiefe aufgewertet. Als Beispiel hätte das im Streitgespräch angedeutete gemeinsame Schicksal als Arbeitnehmer weiter ausgeführt werden können, da es ein Gemeinschaftspotenzial darstellt, welches offenen Austausch und Gemeinschaft begünstigt – das, wonach sich Hajime in seinem Kreisgang stets sehnt. Ohne diesen Tiefgang bleibt es mehr im Tenor schwärmerische Nostalgie, die einmal überwunden zur Befreiung und begonnenen Selbstfindung Hajimes führt. Das ist schade, da das Werk viel Potenzial für eine tiefgreifendere psychologische und gesellschaftliche Analyse bietet.

 Von Andreas Bill, 19. April 2017

gefährliche Gelibte Murakami