Filmkritik: Nocturnal Animals

Die Darstellung gesellschaftlicher Zusammenhänge spielt in den meisten amerikanischen Filmen, die dem Genre des Thrillers zugerechnet werden können, eine eher untergeordnete Rolle. Es wird auf den Reiz mehr oder weniger kurzweiliger Spannungsmomente gesetzt – der Zuschauer soll unterhalten bzw. abgelenkt, aber nicht zum Nachdenken und Reflektieren angeregt werden. Für sich betrachtet bildet „Nocturnal Animals“ (dt.: „Nachtaktive Tiere“) hier keine Ausnahme. Es ist ein düsterer, bisweilen verstörender Thriller, der die Handelnden kaum in einen gesellschaftlichen Kontext zu stellen versucht. Der Clou ist allerdings, dass „Nocturnal Animals“ den Titel eines Buches darstellt, dessen Handlung in den vorliegenden, überraschend gesellschaftskritischen Film integriert ist und der Protagonistin metaphorisch einen längst vergessen geglaubten Fehler vor Augen führen soll. Das klingt komplizierter, als es tatsächlich ist und bildet letztlich das Fundament einer ungewöhnlichen, aber dramaturgisch gelungenen Erzählstruktur.

Wer es schafft, sich gedanklich von einer der bizarrsten Vorspannsequenzen jüngerer Hollywoodgeschichte alsbald zu lösen, taucht im Folgenden ein in die Welt einer gutsituierten Mitvierzigerin, die scheinbar alles hat: Geld, ein großes Haus, einen attraktiven Mann, Erfolg im Beruf. Doch schon die ersten Minuten des Films lassen wenig Zweifel daran aufkommen, dass es hier nicht um die Darstellung einer heilen Welt geht. Die melancholisch-düstere Violinenmusik im Hintergrund mag vielleicht schon wieder etwas zu viel des Guten sein, nichtsdestotrotz sorgt sie zusammen mit dem gekonnten Schnitt dafür, dass die Bilder des außerordentlich luxuriösen Anwesens der Protagonistin ein gewisses Gefühl der Leere beim Zuschauer aufkommen lassen. Nein, Susan lebt kein glückliches Leben. Ihr Job als Galeriebesitzerin interessiert sie, gelinde gesagt, kaum, ihr oberflächlich-abgestumpfter Ehemann betrügt sie und die Vorzüge materiellen Reichtums scheinen längst an Anziehungskraft verloren zu haben. Es ist im Grunde die nur allzu bekannte Geschichte einer, von der bürgerlichen Gesellschaft einst „Midlife-Crisis“ getauften Lebensphase, in der das bisherige Leben, all die über Jahre antrainierten und daher selbstverständlich scheinenden Denkmuster plötzlich hinterfragt werden und im eigenen Dasein zumindest ein gewisser Sinn gesucht wird. Erfreulicherweise geht es Regisseur und Drehbuchautor Tom Ford vorliegend nicht um das Wiederkäuen gängiger Klischees oder bürgerlich-verblendender „Heilvorschläge“, vielmehr wird dem Zuschauer anhand weniger Szenen die (nicht nur eingebildete) Oberflächlichkeit von Susan Morrows aktuellem Leben nachvollziehbar aufgezeigt. Als Höhepunkt hierbei kann wohl der Besuch einer Party von Freunden gesehen werden, die sich mit ihrem wenig sinnstiftenden Leben in der Blase der höheren Gesellschaft im Gegensatz zu Susan ganz gut arrangiert haben. „Unsere Welt ist bei Weitem weniger schmerzvoll als die echte Welt“, lautet die simple, aber geistreiche Antwort eines Freundes auf Susans Unzufriedenheit. Da ihre „Schmerzen“ aber gerade nicht materiellen Ursprungs sind, nützt auch die Erinnerung daran, der privilegierten Oberschicht anzugehören, nicht viel. Oder besteht da etwa ein Zusammenhang?

An dieser Stelle des Films wird in die Grundgeschichte eine zweite fiktive Handlung eingeflochten – „Nocturnal Animals“ – ein Romanmanuskript von Susans Ex-Mann Edward, welches dieser ihr nach fast zwanzig Jahren Kontaktlosigkeit zukommen ließ. Während für die schlaflose Susan das geschriebene Wort als Vermittler zwischen Romanhandlung und Vorstellung dient, bekommt der Zuschauer die Bilder direkt auf die große Leinwand projiziert. Nicht wenige werden ob des drastischen Inhalts die lesende Susan wahrscheinlich bald um die Möglichkeit das Buch beiseitelegen zu können, beneiden.

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Komplettiert wird die Geschichte schließlich durch eine dritte Ebene, welche die Vergangenheit von Susan beleuchtet, so z.B. Gespräche mit ihrer Mutter oder Begegnungen mit Edward. Zusammengenommen soll dieses Konstrukt letztlich die Frage beantworten, wie Susans Leben den Gang in die nunmehr drückende Sinnkrise nehmen konnte. Welche(n) Fehler hat sie begangen?

Gewollt oder ungewollt, wird dadurch im Grunde die viel tiefere, philosophische Frage aufgeworfen, wie frei Susan überhaupt bei ihren Entscheidungen war bzw. noch einen Schritt weitergehend, wie frei der Mensch im Allgemeinen seine Entscheidungen trifft. Ohne in dieses genauso weite wie interessante Thema tiefer einzudringen, kann zumindest festgehalten werden, dass der Mensch Entschlüsse trifft auf der Basis eines bestimmten Wertesystems, welches wiederum ein Produkt der gesellschaftlichen Einflüsse dieser Person darstellt. Dies abzustreiten hieße entweder der Meinung zu sein, der Mensch treffe Entscheidungen „frei“ in dem Sinne, dass es unabhängig von seinem (bewussten) Denken geschieht oder aber ihm wäre ein „inneres“ Wertesystem eigen, das schon vor seiner Geburt bzw. außerhalb von ihm existiert. Diese Gedanken verwerfend, stellt sich im vorliegenden Fall die Frage, wie sich Susans Wertesystem entwickelt hat. Diesbezüglich wird im Film nicht nur ihre gutbürgerliche Herkunft thematisiert, auch werden die damit verbundenen Anschauungen dem Zuschauer in Form der erzkonservativen, lediglich an materiellem Wohlstand orientierten Mutter plastisch verdeutlicht. Es ist nicht schwer, sich angesichts dessen den Charakter ihrer Erziehung vorzustellen.

Den Gegenpart hierzu repräsentiert schließlich Edward, ein mittelloser Schriftsteller, mit dem die damals junge Studentin Susan eine Beziehung eingeht. Der Kontrast zu der Welt, in der sie aufgewachsen ist, verleiht ihm die Aura eines Rebellen, obwohl sich seine Rebellion im Grunde genommen in der Weigerung erschöpft, für finanzielle Sicherheit sein Lebensziel, das Schreiben, aufzugeben. Doch für jene Kreise, aus denen Susan stammt, ist das Streben nach materiellem Reichtum eine Selbstverständlichkeit und Edwards laxe Lebenseinstellung daher inakzeptabel. Es ist dieses Aufeinanderprallen gegensätzlicher Anschauungen, welches die junge Frau kontinuierlich zu einer Entscheidung drängt: Entweder die Änderung ihres (trotz fortschrittlicher Tendenzen weiterhin) konservativen, durch bürgerliche Erziehung bedingten Wertesystems oder aber das Anpassen ihrer Lebensumstände an dieses, sprich das Verlassen Edwards zugunsten eines Partners, dessen Denken dem ihrer Klasse besser entspricht. Bei diesem Konflikt kann es natürlich nicht darum gehen, wie sich Susan entscheidet, das ist dem Zuschauer schließlich von vornherein bekannt. Nein, die Frage ist vielmehr, warum sie jenen Entschluss fällte, dessen Tragweite ihr in Gestalt von Edwards Roman Jahre später auf so schockierende Weise vor Augen geführt wird. Und schließlich darauf aufbauend: Ist ihre damalige Entscheidung der Schlüssel zur Lösung ihrer jetzigen Lebenskrise?

Es scheint zwar bisweilen, als verliere der Drehbuchautor im Laufe der Zeit die gesellschaftlichen Zusammenhänge etwas aus dem Blickfeld und setze stattdessen auf klassische Dramaturgie- und Spannungsinstrumente. Auch bleibt die Zeichnung von Edwards Charakter hinter dem Potential zurück, das ihm beispielsweise eine klare Klassenzugehörigkeit verliehen hätte. Nichtsdestotrotz kann der Film als ansprechender Versuch gesehen werden, dem Zuschauer vor dem Hintergrund eines durchaus spannenden Thrillers die gesellschaftliche Bedingtheit unserer Entscheidungen und damit überhaupt unseres Lebensweges aufzuzeigen.

von Daniel Polzin, 16. März 2017


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