Ende einer Dienstfahrt – Heinrich Böll

Subversive Absichten in liebenswürdiger Umsetzung. Protest ohne Geschrei, höchstens ein wenig Krawall, aber bestimmt mit künstlerischer Finesse. Etwas das als Aufruhr gemeint ist, bekommt Züge der Idylle, etwas wird in soziale Formen wie einen liebenswürdig humanen Kleinstadtprozess gebannt, das gerade die gesellschaftlichen Formen sprengen möchte. Dieser Widerspruch ist Hauptthema der Erzählung „Ende einer Dienstfahrt“ von Heinrich Böll.

Als Leser findet man sich Anfang der 1960er Jahre in einem kleinen Dorf namens Bierlach wieder, welches den Gerichtsprozess gegen Vater und Sohn Gruhl erwartet, die sich dem Vorwurf der Sabotage stellen müssen. Ein Militärfahrzeug wurde auf kunstgerechte Art und Weise in Brand gesetzt, die Täter – also die beiden Gruhls – noch am Tatort gefasst und ein verhältnismäßig großer Skandal für das kleine Bierlach entstand; Feuerwehreinsatz, Straßensperrung und Tatortsicherung.

Böll zeichnet dabei – in den Zeitrahmen eines Tages gepackt – das Bild einer Dorfgemeinschaft, die einander gut kennt und den Tag des Geschehens rekapituliert. Die Gemeinde führt ihre Diskussionen in einer unverblümt offenen und dadurch häufig überraschend radikalen Art und Weise durch. Seien es Themengebiete aus Wirtschaft, Rechtsstaatlichkeit, Sittlichkeit oder Institutionen wie dem Militär oder der Kirche. Sie alle bleiben von Böll unverschont, der mittels Bericht eines wohlinformierten Erzählers stets mit amüsantem Unterton verschiedene, teils verborgene Reibungspunkte des alltäglichen Lebens aufzeigt und beleuchtet.

Ein Wortgefecht zweier Personen, die im Zuge der Straßensperrung einen Verkehrsunfall verursachten, wobei Person A als Mercedesfahrer vom „Kaninchenzüchterauto“ der Person B (ein Kleinwagenfahrer) redet, welcher mit  „Leute-Bescheißer-Auto“ pariert; die Erörterung eines vor Gericht geladenen Finanzwissenschaftlers über die Moral oder besser Moralfreiheit der Wirtschaft, denn „es gäbe keine moralischen Aspekte in der modernen Wirtschaft, was bedeutet: es sei eine Kampfsituation“. Oder die Feststellung des als Zeugen geladenen örtlichen Pfarrers über den Sinn eines Militärdienstes: „nichts sei verderblicher für einen jungen Menschen als die Einsicht in und die Erfahrung mit einer solch riesigen Organisation, deren Sinn in der Produktion absurder Nichtigkeiten, fast des totalen Nichts, also der Sinnlosigkeit, bestünde“. Mit seinen Figuren und ihren dargestellten Ansichten deutet Böll eine ganze Reihe fundamentaler Kritiken an gesellschaftlichen Strukturen der frühen 60er Jahre an, leider ohne dabei weiter ins Detail zu gehen.

Daneben bleibt es nicht nur bei den großen Fragen einer Gesellschaft. Der Leser wird durch ein Spektrum von hochphilosophischen bis kleinstkarierten Auseinandersetzungen der Bürger Bierlachs geführt. Die Bandbreite ist erneut enorm: Kontroversen über die Zweitrangigkeit des Gewissens unter der Vernunft und Phantasie, die Zulässigkeit von irgendwelchen Beschreibungen wie „prägnante Lässigkeit“, oder dem richtigen Maß leichtfertiger Sinnlichkeit werden mittels des Erzählers rekapituliert.

Zum Schluss bleibt die Frage, ob der Protest in seiner Radikalität den Leser erreicht oder ihn durch harmonische Träumereien verliert, denn dieses Bierlach lädt durch die vertraute Originalität in seiner ganzen Form und Fülle zu allerlei Assoziationen ein. Wie liebenswürdig kann ein die gesellschaftlichen Formen sprengender Protest sein? Und hält die Liebenswürdigkeit auch im Detail? Böll gibt keine Antwort, deutet allenfalls an und erreicht dadurch höchstens für den wach gebliebenen Leser einen leicht verlockenden Einstieg in Reflexionen über Machtverhältnisse, Staatsversagen, Konformität und Rebellion.

Rezension von Andreas Bill, Zeichnungen von Lukas Schepers, 19. Februar’17


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