„Die Besiegten“ – Peter Weiss

Peter Weiss, Autor des fulminanten, dreibändigen Romans „Ästhetik des Widerstands“, suchte Zeit seines Lebens avantgardistische Kanäle im Bereich von Kunst, Literatur und Theater zu öffnen – oft mit Erfolg. Charakteristisch für seine Werke ist die politische Konfiguration als Unterbau engagierter Ästhetik. Auch der vorliegende, schmale Prosaband, der eine überraschende Verdichtung malerischer Poesie in sich vereint, ist in dieser Linie zu betrachten. Jedoch steht das knapp hundertseitige Buch am Anfang dieser Linie und wurde 1947 als eines der ersten literarischen Werke von Weiss veröffentlicht, der einige Jahrzehnte zur Etablierung im literarischen Milieu brauchte. Die Besiegten lässt in sprachlicher Breite und emotionaler Tiefe erahnen, welche Werke von diesem unscheinbaren Autor noch entstehen sollten.
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Hintergrund dieses unter die Haut gehenden Buches mit romantischem Anstrich ist Weiss’ Korrespondenz für die seinerzeitige, auflagenstärkste Zeitung in Schweden. Als deutsch-schwedischer Journalist sandte ihn die Stockholms-Tidningen 1947 nach Deutschland. Er schrieb für die Zeitung sieben Reportagen aus dem zerstörten Berlin, wo er seine Kindheit verbracht hatte, einem Berlin, das noch nicht zerstört worden war. Die schwedische Staatsangehörigkeit erhielt Weiss als deutscher Emigrant, der nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus dem faschistischen Deutschland flüchtete. Er lernte die schwedische Sprache und wohnte bis zu seinem Tod in Schweden. Insofern war seine Rückkehr als Korrespondent im Jahr 1947 nicht nur eine berufliche Angelegenheit, sondern auch eine persönliche Auseinandersetzung mit seiner Kindheitsstadt und seiner Vergangenheit. Den Besiegten ist nicht ohne Grund das Vorwort beigefügt: Das Schicksal: das ist die Vergangenheit. Im Nachgang auf die wenig beachtete Reportagen für die Stockholms-Tidningen entstand der Prosaband. Er ist eine literarisch-subjektivistische Verarbeitung der Eindrücke aus den Trümmern Berlins. Daher lässt sich das Buch durchaus in die klagende wie aufschreiende Trümmerliteratur einreihen, die nach 1945 aus dem Ergebnis totaler, mechanischer Zerstörungskraft des Zweiten Weltkriegs entstand und dieses Ergebnis in Wort und Schrift verarbeitete. Insofern ist das Buch verwandt mit beispielsweise den Schriften Wolfgang Borcherts, dem es an poetischer Metaphorik und Energie nahe kommt. 

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Zu dem Buch Die Besiegten gibt es nicht viel zu sagen, außer, dass man es lesen sollte, will man einen subtilen Einblick in den vom Faschismus ausgebeutelten, ernsthaft verwundeten und verblutenden Geist der Kultur erfahren, der fassungslos mit sich und seinen Zeitverhältnissen verhandelt. Die Besiegten macht deutlich, dass nicht nur Städte wie Berlin in Trümmern lagen, sondern dass die Brutalität der Zeit auch den Geist der Kultur zertrümmert hatte. Mehr als dreißig Jahre nach der Veröffentlichung des Buches schreibt Weiss über seinen ersten Besuch in Deutschland nach dem Nationalsozialismus: „1947 – alles was seitdem geschah, ist Folge dieses grundlegenden Betrugs an den Erwartungen einer Erneuerung. (…) die Verwüstung, die mich umgab, erinnerte stetig an die unselige Politik des Faschismus. Die Menschen waren gezeichnet von einer gänzlich fehlgeschlagenen Geschichte.“ Die Erneuerung kam nicht, die fehlgeschlagene Geschichte blieb und, mit Blick auf über ein halbes Jahrhundert nach 1947, die Reaktion ist wieder an der Macht, so dass man in fatalistischer Umkehrung das Vorwort überhöhen könnte: Die Vergangenheit, das ist das Schicksal.
Gehen wir noch einen Schritt weiter, wozu das eindringliche Prosaband vorsichtig hinführt. Wer waren die Besiegten?
Die Besiegten, das waren nicht nur die Deutschen, sondern Die Besiegten, was Weiss deutlich macht, waren eine ganze Generation der Völker. Doch aus der Resignation der auf der qualmenden Erde liegenden Besiegten durch die imperiale und faschistische Verwüstung steigt mit dunklem, revoltierendem Unbehagen die Frage auf, sobald man das Buch schließt: Wer waren die Sieger?

Von Mesut Bayraktar 10’August 2017

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