„Der Fremde“ – Albert Camus

1517917_255447807912358_2602160262462132052_o

Mittagsstunde. Jetzt ergebe ich mich der Stille des Mittags. Einer anhaltenden „melancholischen Atempause“ hat sich der Fremde Camus‘ ergeben, bis ihm, sobald er zum Atmen erpicht war, der Atem unter der Guillotine fortgerissen wurde und er sie, die Lebensluft, verlor – Mord: Todesstrafe.

Es handelt sich hierbei nicht um ein Buch, das mit den üblichen Kriterien von ’schön‘ und ‚hässlich’abgetan werden kann. Es ist ein Buch jenseits konventioneller Kriterien und lässt sich ausschließlich mit der Leere eines Menschen bemessen, der zuweilen nach einem diffusen Glück von Gelassenheit strebt, aber permanent mit der Einsicht umhergeistert, Sinnlosigkeit sei der Sinn des Lebens. So ergeht es in etwa dem Fremden. Sein Gemütszustand, der abseits aller Erregung, außer der der Erhitzung, schwebt, greift durch die Ich-Erzählung auf den Leser über. Es scheint, der Fremde spreche zu seinem Richter.

Camus vermag in seiner sprachlichen Brillanz viel mit wenig Worten auszudrücken – Ein Meister der Einfachheit, der mit nüchternem Ausdruck jeglichen Glanz vernichtend entzaubert, aber kein Künstler der sprachlichen Virtuose, der die Freuden wie Leiden der menschlichen Seele zu erquicken und bewegen vermag. Ich bin neugierig auf mehr.

Der Fremde ist eine im Inneren leere Silhouette, die den Anschein tiefer, seelischer Abgründe erzeugt. Dieser Fremde, der sein Glück in der Gleichgültigkeit der Dinge, so wie sie in der Natur zu erhaschen ist, sieht und findet, bis er kurzweilig durch den wissenden, herannahenden Tod zum Menschen auflebt, um sich dann mit aller Gewissheit der Nichtigkeit zu ergeben und abzudanken, ist der Mensch in seiner nackten Wahrheit, wie er demaskiert vorzufinden ist – ein Nichts. Jeder wisse ja, so der Fremde, dass das Leben nicht lebenswert sei. Eine Frage, die jeden umtreibt und auf die man eine Antwort zu finden gewillt ist; ein Auftrag der Hoffnung angesichts dessen, dass das Leben für viele Bewohner dieser Welt elendig zu verleiden ist. Der Fremde eben kennt keine Hoffnung.

Der Fremde zerrt uns in ein uns unbekanntes, doch stets unruhig erahntes, nebulöses Umfeld voller Fadheit und Tristesse. Weder Heiterkeit noch Resignation, weder Entzückung noch Tragik, weder Triumph noch Niederlage ist in und zwischen den Wörtern und Sätzen zu erblicken; Nur das Protokoll eines Fremdlings, der das Leben erwartet und den Tod wünscht.

Von Mesut Bayraktar

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s