„Arc de Triomphe“ – Erich Maria Remarque

Paris, 1939.
Nur etwas mehr als zwanzig Jahre nach all dem sinnlosen Töten und Leiden für die imperialistischen Interessen kapitalistischer Mächte, steht Europa nun erneut am Vorabend eines großen Krieges. Die aggressiven Ziele Nazideutschlands sind spätestens nach den jüngsten Ereignissen in Österreich und Tschechien kaum noch zu übersehen, doch allen Anzeichen zum Trotz, überwiegt in Frankreich die von jeder Menge Hoffnung genährte Überzeugung, dass sich die Dinge schon noch anders entwickeln werden, dass es unmöglich einen weiteren Weltkrieg geben kann. Sinnbildlich für diese Einstellung steht das von Remarque herrlich atmosphärisch und in all seiner Lasterhaftigkeit gezeichnete Paris. Inmitten einer zusammenbrechenden Welt bleibt Paris ein Ort der Ausschweifung und des Genusses, der kurzen Träume und der langen Nächte, der gefühlten Unendlichkeit und der endlichen Gefühle – ein Ort, an dem das unmöglich Geglaubte weiterhin unmöglich sein soll.

 „Die Welt fährt eifrig fort, ihren Selbstmord vorzubereiten und sich gleichzeitig darüber hinwegzutäuschen.“ – S.136

arcdetriompheMitten in dieser schillernden Metropole lebt der Flüchtling Ravic. Er wohnt illegal in einem billigen Hotel, arbeitet illegal in den Praxen zweier renommierter Chirurgen und heißt in Wirklichkeit gar nicht Ravic. Der Name, den er einmal hatte, starb viele Jahre zuvor in einem deutschen Konzentrationslager, zusammen mit seiner Hoffnung auf ein ruhiges Leben. Wie ein Stück Treibholz wurde er vom braunen Meer des Faschismus weitergetrieben – von Stadt zu Stadt, von Land zu Land – bis es ihn schließlich an den Strand des Hotel International in Frankreichs Hauptstadt spülte. So interessant sie sicher wäre, wird diese Reise dem Leser nur sporadisch geschildert. Im Mittelpunkt der Handlung steht das Leben in Paris. Ein Leben, dessen gegenwärtiger Sinn für Ravic lediglich im Warten besteht, im Ausharren, bis in einer unbestimmten Zeit ein unbestimmtes Ereignis geschieht, dass ihm vielleicht wieder ein Ziel gibt. Selber nicht ernsthaft an eine solche Zeit glaubend, verbringt Ravic seine Tage damit, die Bilder der Vergangenheit in Alkohol und die der Gegenwart im Zynismus zu ertränken.

1929 erlangte Erich Maria Remarque Weltruhm mit seinem Roman „Im Westen nichts Neues“, einer schonungslosen und eindringlichen Schilderung der Schrecken des 1. Weltkrieges. Daran anknüpfend wirft der Autor in dem vorliegenden Werk nun die Frage auf, was bleibt, wenn in einem unmenschlichen System Dinge wie Sicherheit, Pläne oder Hoffnung ihren Schein verlieren. Wenn die harte Realität von Krieg, Ausbeutung und Armut einem Menschen zwar nicht das Leben nimmt, aber seinen Glauben an die Menschlichkeit und an die Möglichkeit einer Veränderung. Der Autor betrachtet hierbei weniger die materiell Leidenden als die Desillusionierten, welche nicht Hunger oder Elend treibt, sondern die beißende Widersinnigkeit ihrer Umwelt.

Ravic ist ein ausgezeichneter Chirurg und lebt ohne materielle Nöte. Er macht seine Arbeit gern, genießt es, den kühlen Stahl des Skalpells durch die dünnen Gummihandschuhe zu spüren und präzise einen Schnitt nach dem anderen zu machen. Dennoch stellt die Tätigkeit letztlich nur eine Ablenkung für ihn dar und macht den Widerspruch, den er in der Welt sieht, nur umso deutlicher. Im OP-Saal ist Ravic mit Qual, Leid und Elend konfrontiert, doch es gibt stets eine wissenschaftliche Erklärung dafür und abhängig von seinem Wissen, kann er das Problem lösen. Demgegenüber scheint die Welt außerhalb vom Krankenhaus, scheinbar jeglicher Logik entbehrend, nach Gesetzen zu verlaufen, die der zur Illegalität gezwungene Arzt nicht versteht. Wo ist der Sinn in all dem Leid, wozu der Krieg, der Hass, die Ungleichheit?

Wie bei fast all seinen Romanen ist auch diese Hauptfigur Remarques kein politischer Mensch, sondern tut, was er aus moralischer Sicht für das Richtige hält. Nur ist es eben unmöglich, lediglich mit den Mitteln der Moral die Ursache für die gegebenen gesellschaftlichen Missstände und folglich auch die Möglichkeit ihrer Überwindung, zu erkennen. Das hierfür benötigte Werkzeug ist der wissenschaftliche Sozialismus, ohne den sich früher oder später immer das Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber anscheinend willkürlich ablaufenden Gesellschaftsprozessen einstellen wird. Dahingehend ist es logisch, dass der Weltkriegsveteran Ravic keinen Ausweg aus der katastrophalen Lage sieht und sich nicht für das Weiterkämpfen, sondern das Warten entscheidet. Interessanterweise schafft gerade dieser Aspekt eine Gemeinsamkeit zu unserer heutigen Zeit, die vor allem in Deutschland von einer relativen Stabilität des Kapitalismus geprägt ist und dadurch selbst jene, die kämpfen wollen, zwingt, sich in gewissem Maße anzupassen und das Kämpfen zumindest mit dem Warten zu verbinden. Doch wie lebt man in einer Gesellschaft, deren Verlogenheit und Ungerechtigkeit nicht länger hinter einem schützenden Schleier vor einem verborgen ist?

Ravic lebt rastlos. Er lässt sich treiben, von einer Ablenkung zur nächsten, von einem Rausch zum anderen. Es sind jene Momente des Rausches, in denen die Vergangenheit nicht existiert und es nichts als die unmittelbare Gegenwart gibt, an denen sich Ravic festhält, wie der Überlebende einer Schiffskatastrophe sich an etwas Treibgut klammert, um nicht zu ertrinken. Und wenn in dem Meer der Zeit schließlich doch mal ein Boot auftaucht, dass dauerhaften Halt zu bieten scheint, dann zeichnet sich am Horizont bereits der nächste Sturm ab.

Auf den ersten Blick mag es so wirken, als sei das Leben des Protagonisten ein persönliches Schicksal, eine Folge des Leids, welches ihm widerfahren ist. In Wirklichkeit aber gibt es unzählige Wege, auf denen ein Mensch im kapitalistischen Gesellschaftssystem an diesen Punkt gelangen kann. Manchmal reichen scheinbar unbedeutende, ja vielleicht sogar alltägliche Ereignisse aus, um den Aufbau eines bürgerlichen Lebens, eben noch Selbstverständlichkeit, als ein absurdes, sinnloses und zum Scheitern verurteiltes Unterfangen erscheinen zu lassen.

Mit „Arc de Triomphe“ schrieb Remarque einen Roman, in dem sich Menschen wiederfinden werden, solange sie in einer auf Ausbeutung und Konkurrenz beruhenden Gesellschaft leben, solange, wie die quälende Ungerechtigkeit ihrer Umwelt ihnen nur noch zwei Optionen übriglässt – zu warten oder zu kämpfen.

Von Daniel Polzin, 17. März 2016

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