Wie schön, dass es dich gibt

Tief hängt die Sonne zwischen den Hausdächern, letzte Strahlen tropfen sanft auf meine Haut und Wärme durchfließt meinen Körper. Ich sitze auf dem winzigen Balkon, neben mir plätschert eine Melodie aus den Lautsprechern, ich lasse Rauch meine Kehle herunterrieseln und denke an dich. Ich denke an dich, meine Liebste.
Wegen dir werde ich mich heute noch einmal aufraffen um mich von diesem friedlichen Ort zu lösen. Wegen dir gehe ich heute in diesen Club am Ostkreuz. Wie du es nur immer wieder schaffst, mich von meiner Couch zu holen! Ich weiß sicher, wiege ich mich zu lange in Behagen und Zufriedenheit, klopfst du wieder an. Ich kann niemals vorher sagen, ob es eine gute Idee ist, dich hereinzulassen. Entweder bringst du mich in verdammte Schwierigkeiten oder aber du lässt mich über mich selbst hinauswachsen. Eine Bereicherung bist du in jedem Falle, manchmal negativ und manchmal positiv, daher lasse ich dich wohl immer herein. Und zwar jedes Mal aufs Neue falle ich auf dich herein, deine frechen Bemerkungen, deine lockenden Versprechen, dein unbändiger Tatendrang.
Du bist wie eine Sucht für mich geworden, ohne dich würde ich doch immer nur in den lauen Wogen des Alltags baden, Tag für Tag durch dieselben Augen sehen, Tag für Tag dieselben Eindrücke. Ich gehe joggen, koche, putze, dusche, kaufe ein, gehe arbeiten mit Feierabendbier in der Stammkneipe, treffe alte Bekannte, treibe eben so durch die Wochen. Aber du hast nie genug gesehen und du bist die Kraft, die mich immer wieder aufstehen und eintauchen lässt, mitten hinein in unentdeckte Tiefen!
So lange kennen wir uns nun und doch wirst du mir niemals langweilig. Du hast mich damals in der zweiten Klasse mit meinem besten Freund bekannt gemacht. Du bist mit mir auf das Dach geklettert und wir haben die Sterne betrachtet. Du hast mich zum ersten Bier überredet. Wir haben den ersten Kuss geteilt. Du hast mir gezeigt wie schön doch Haut und Haar, Duft und Wärme eines anderen sein können. Du bringst die besten Fragen in mir hervor. Du geleitest mich an Orte zum Staunen wie der Sonnenaufgang vor Jahren am Meer: Wir hatten die ganze Nacht gekämpft wach zu bleiben. Selbst diese versoffene Hausparty letzte Woche geht auf dein Konto!
Wenn du mich doch immer überredest irgendwelche Dummheiten anzustellen, du weist mir Wege, meine Hoffnung Realität werden zu lassen, meine Hoffnung auf eine schöne Welt. Man dürfte meinen, die meisten haben diese vergessen: Wenn sie in ihren Bürostühlen kauern und ihren Kram verrichten, weils der Chef so möchte; wenn sie so tun, als würden sie essen und sich dabei die einheitlich portionierten Vitamin-, Kohlenhydrat- und Eiweißrationen in Form von Gemüse, Nudeln und Hackbällchen von ihrem Kantinentablett in ihren Organismus befördern, weil die Mittagspause zu kurz ist, um woanders hinzugehen; die morgens aufstehen und Radio hören und abends vor dem Fernseher einschlafen, weil sich die Nachrichten ohnehin wiederholen und das doch alles keinen Unterschied mache; die vielleicht mal wieder ins Theater gehen oder ins Kino, weil man das eben so macht; die dem Flaschensammler eine halbvolle Flasche Wasser in die Hand drücken und meinen, dass es davon besser wird; die den U-Bahn Musikern bösartige Blicke zuwerfen oder weiterlaufen wenn ein Fremder sie anspricht, weil die doch alle nur Geld wollen. Nein, du und ich, wir brechen die Dämme ihrer Vernunft!
Du lässt mich Misstrauen vergessen,
du zeigst mir Zuversicht am Menschen.
Du lässt mich Angst überwinden,
du gibst mir Hoffnung auf Gutes.
Du zeigst mir die Großartigkeit dieser Welt!
Du hast mich damals in den See geschubst, dabei konnte ich noch gar nicht richtig schwimmen! Du Wahnsinnige. Wir haben zusammen in dem Schrank meiner Mutter nach meinen Geburtstagsgeschenken gesucht. Du hast den Hund von Oma so lange aggressiv gemacht, bis er zubiss. Du hast mich von zuhause weggeschickt woraufhin ich in einer WG landete. Da war dann diese bekackte Sache mit der Freundin meines Mitbewohners. Der anschließende Rausschmiss geht wohl auch auf deine Kappe. Du hast mich in die Schlägerei geschubst, da habe ich dick aufs Maul bekommen. Hat mehr wehgetan als ich dachte. Du hast mir die Stelle in der Verwaltung madig gemacht, hast mir so lange zugesprochen bis ich tatsächlich an den vertraulichen Aktenschrank meines damaligen Chefs gegangen bin. Und du hattest Recht, tatsächlich waren da faulige Papiere. Steuerhinterziehung. Gefeuert wurde ich dafür, aber das gesamte Unternehmen wurde überholt. Und ich arbeite nun in einem kleinen Vertrieb, habe wieder mehr Zeit für mich und somit auch für dich.
Wie töricht, dir immer und immer wieder auf dein Flüstern hin zu folgen.
Aber wer weghört, hat Furcht.
Wie töricht, dir immer und immer wieder auf deinen Fingerzeig zu folgen.
Aber wer wegschaut, hat Furcht.
Und ich fürchte nichts, das hast du mich gelehrt.
Nur in der Trauer, da bist du mir fern. In der Trauer schwimme ich in Kreisen, werde in einem Strudel immer weiter hinabgesogen. Dass du kein Mitleid kennst, dass du mir dorthin nicht folgen kannst, nun, das kann ich dir nicht verübeln, denn du kennst bloß den Aufbruch und das ist es auch, was ich so sehr an dir liebe. Und bin ich dort auf dem Grund meiner selbst, allein, dann höre ich zart wie du mich von weit herlockst und egal wie tief ich weiter hinabgesogen werde, immer wieder leuchtest du irgendwo kurz auf in meinen Gedanken. Und spüre ich erneut festen Boden unter den Füßen, klopfst du wieder an.
Du bist mir ein Kompass,
der mir stets den Weg weist, Schranken zu überwinden.
Du bist das Strahlen,
das mir den Nebel licht macht.
Meine Liebschaft, du lässt mich leidenschaftlich werden, du bedeutest mir die Wahrheit, du Trügerische, machst mich zum leichtsinnigen Entdecker, du Hure und bezahlen muss ich mit meinem Mut! Wie könnte ich nur ohne dich. Deine zweite Silbe weckt in mir unkontrollierbare Lust. Du bist die einzige Gier, der ich erliegen möchte! Einmal von dir gekostet, verlange ich nur mehr und mehr deiner so vielseitigen Regungen. Deine Ideenvielfalt und Kreativität macht mich ganz aufgeregt. Du machst mir die Welt zum Spielplatz!
So sitze ich hier, bereit für den heutigen Abend. Ich male mir schon aus, wo wir wohl morgen früh landen werden.
Liebste, du Neugier, wie trüb doch die Welt wäre ohne dich.


Gastbeitrag von Claudia Kuhn 02.März’17 / Illustration von Lukas Schepers

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