Über Bücher: Epilog zum Herrn Keuner

Eines milden Maitages trat ein junger Mann in K.‘s Wohnung und bestaunte die reihenweisen Bücherregale, die bis in den letzten Winkel belegt waren.
„So viel Wissen ist hier zusammengedrängt. Herr K., ich bewundere Ihre Sammlung.“, sprach der junge Mann sichtlich beeindruckt.
Herr K. zog die Augenbrauen an, sodass seine hohe, glatte Stirn in Falten überging: „Daran gibt’s nichts zu bewundern; man muss die Bücher auch lesen.“
Der junge Mann entdeckte peinlich berührt seinen ordinären Fehler und korrigierte umgehend: „Richtig, genau – ich bewundere Ihre Belesenheit.“
Herr K. musterte den jungen Mann unzufrieden und sprach sodann: „Daran gibt’s nichts zu bewundern; man muss das Gelesene auch verstehen.“
Der junge Mann zeigte sich einsichtig und ergänzte: „Richtig; also bewundere ich Ihren Verstand Herr K.!“
Herr K. schränkte die Arme zusammen: „Daran gibt’s nichts zu bewundern; man muss das Verstandene auch anwenden.“
Der junge Mann kam etwas ins Schwitzen, errötete und war verwirrt. Seine  Verwirrung stupste ihn in Verlegenheit. Dann fragte er zögerlich: „Wie – meinen Sie das, >anwenden<?“
Herr K. antwortete prompt: „Sehen Sie junger Mann – ich sag mal so – ansonsten ist so ein Buch die nutzloseste Zeitverschwendung.“

brecht4Von Mesut Bayraktar, 13.Juli’16
Illustrationen von Lukas Schepers


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