Leserbrief: Zensur

Sehr geehrte Redaktion von Nous,

mein Name ist Axel Schirmer. Ich bin Reporter und Kolumnist einer angesehenen und nicht gerade wenig gelesenen Tageszeitung. Es tut mir leid, wenn ich an dieser Stelle nicht spezifischer werde, aber meine Situation bindet mich an gewisse Schweigepflichten, die ich nicht wage zu übertreten. Es ist anzunehmen, dass selbst diese Nachricht, die ich Ihnen jetzt gerade in diesem Moment schreibe, sich in einer Grauzone bewegt, die mich Kopf und Kragen kosten könnte. Deshalb habe ich mich entschlossen, ganz entgegen meiner anfänglichen Intention, alle Namen – also auch den meinen – mit fiktiven auszutauschen, was aber nichts an dem Wahrheitsgehalt der folgenden Zeilen ändert. Alles, was ich Ihnen schreibe, ist so und nicht anders passiert, weswegen ich Sie auch im Falle einer Publikation inständigst, ja inständigst darum bitten würde, keines meiner Wörter zu zensieren und selbst dieses Vorwort mit aufzunehmen, damit der Leser ja keinen falschen Eindruck gewinnt.
Nun aber, um zum Eigentlichen zu kommen. Ich schreibe Ihnen aus einer tiefen Bestürzung heraus, sowie einem seelischen Ekel, als eben dem bescheidenen Wunsch ein paar Seiten Ihrer Zeitschrift in Anspruch zu nehmen. Denn die folgende Geschichte, die ihren Anfang mit einem hiesigen Straßenbewohner nahm – nennen wir ihn einfach Walter – übertrifft alles von mir bisher gehörte und erreicht einen Grad der Perversion, der sich nicht mehr mit meinem Weltbild vereinbaren lässt und der unbedingt, unter Berücksichtigung des allgemeinen, aufklärerischen Auftrags des Journalismus an das Ohr der Öffentlichkeit drängen sollte.
Sie müssen wissen, bei meiner Arbeit ist es wesentlich, einen engen Umgang mit den Leuten auf der Straße zu pflegen. Ich bemühe mich daher vor allem um einen regen Kontakt mit den Obdachlosen der Stadt, denn jene, die keiner sieht und hört, hören und sehen oft am meisten. Zu diesem Zweck fahre ich immer wieder mal mit einem Streetworker mit und führe ein paar Gespräche und Interviews. Meistens erwarten mich da dieselben ausgehöhlten Gesichter, die über erneute Erniedrigungen auf dem Amt jammern. Aber solche Geschichten gibt es ja schon zuhauf. Ich suche in der Regel eher nach dem Außer-  und Ungewöhnlichen. Eben dem, was selbst die festgefahrensten Leser entgleisen und nach mehr schreien lässt. Nun, und als ich vor zwei Wochen in dem fahrenden Büro – ein alter, weißer, mit Schmutz befleckter Van – von Georg, dem Streetworker, den ich bereits erwähnte – saß und wir ein wenig über die jüngsten Ereignisse auf der Straße sprachen, kam plötzlich Walter reingelaufen. Er war ganz außer Atem und als er zu sprechen ansetzte, hustet er lediglich klebrig. Es klang so, als ob die Silben in seinem Rachen stecken blieben, als hätten sie sich in heißem Teer verfangen – wirklich grausig.
Rolf, Rolf“, wimmerte er schließlich. „Rolf. Ihr müsst Rolf finden. Ich bitte euch. Er ist schon wieder verschwunden!“ Georg bemühte sich, ihn erst mal zu beruhigen und bat ihm einen Kaffee an, doch Walter wollte nichts haben oder hören, bevor wir ihm nicht versicherten, ihm bei der Suche nach diesem Rolf zu helfen. Also willigten wir notgedrungen ein und er beruhigte sich tatsächlich etwas. Dennoch blieb ein kratziges Pfeifen während er atmete, welches manchmal seine Sätze durchbrach und ihn zum Husten zwang. Dieses Husten! Ein schauerliches Geräusch sage ich Ihnen. Es ließ mich an das letzte Röcheln eines Sterbenden denken, wobei Walters Geruch sich dermaßen aufdrang, dass man hätte meinen können, er wäre schon längst von dieser Welt verschieden.
Jedenfalls erzählte er uns, dass besagter Rolf sein bester Freund sei und dass er ihn schon seit seiner Jugend kenne. Die beidenseien damals zusammen von Zuhause ausgerissen und haben sich fort an stets den Rücken freigehalten. Er schwor uns feierlich, dass dies die beste Zeit seines Lebens gewesen wäre und lächelte versunken, während er hinzufügte, dass sie wilder gelebt hätten, als Cassady und Kerouac, obwohl sie ärmere Teufel gewesen wären als der spielsüchtige Russe mit seinen dicken Romanen. Aber dann, nach einigen gemeinsamen Jahren, verschwand Rolf. Spurlos. Und mit ihm auch die wilden Jahre für Walter. Man sah ihm an, dass dieses Verschwinden schwer auf seinen Schultern lastete und er es wohl nie ganz verkraftet hatte. Ich stieß oft auf dieses Phänomen, bzw. solche Menschen, die ab einem gewissen Moment aufhören in der Gegenwart zu leben und nur noch aus der Vergangenheit denken können und es sich dann in ihrer Resignation irgendwo zwischen Melancholie und Nostalgie bequem machen. Sie finden sich eine Nische in ihrer geliebten Einsamkeit, in der sie meckernd und jammernd auf ihren Tod warten können. Walter war genau so jemand.
Für ihn sollte es aber zumindest eine Atempause von dieser Nische geben, da Rolf vor einigen Wochen genauso auftauchte, wie er damals verschwunden war, berichtete er uns weiter. Selbstverständlich fragte er ihn aus und wollte wissen, wo er all die Jahre über gewesen war, doch bekam er keine klaren Antworten, sondern nur ein paar schwammige Aussagen, an die Walter sich aber beim besten Willen nicht mehr erinnern konnte – was ihn jetzt nach Rolfs erneuten Verschwinden besonders ärgerte. Damals war es ihm die Hauptsache, dass Rolf endlich zurück war und auch, so sagte er, wenn Sie nicht mehr die Jüngsten waren, so haben Sie es die darauffolgenden Tage wie in den alten Jahren krachen lassen. Rolf, das Schlitzohr, hätte sogar noch ein paar alte Schulden eingetrieben, die er in irgendeinem schäbigen Notizbuch drinstehen hatte. Das Ding müsse wohl schon an die 30 Jahre alt gewesen sein und das Erstaunlichste war, so Walter, dass er sogar Zinsen berechnete. Ich konnte mir das Lachen an dieser Stelle nicht verkneifen, da ich mir kaum vorstellen konnte, dass die auch nur einer gezahlt hatte, aber Walter belehrte mich eines Besseren und gab selber etwas erstaunt wieder, dass Rolf seinen Gegenüber stets von seiner Schuld überzeugen konnte.
In der Manier verbrachten sie wohl ein paar Tage, bis Rolf gestern einfach wieder verschwunden war. Nach dieser Geschichte, die ich so, oder so ähnlich schon oft gehört hatte und einer erneuten Zusage seitens Georg und mir, nach Rolf Ausschau zu halten, stand Walter auf und machte sich erneut auf die Jagd nach seiner Vergangenheit. „Kennst du diesen Rolf“, fragte ich Georg, nachdem er aus dem Wagen war. „Nicht wirklich“, antwortete er mir, „ist hier vor ein paar Tagen mal mit Walter aufgetaucht. Hat sich eigentlich ganz gut mit den anderen verstanden, obwohl ihn einige auch mieden und mit bösen Blicken straften. Aber alles in allem nicht weiter ungewöhnlich. Solche sieht man immer mal wieder.“
„Meinst du, du findest ihn?“
„Unwahrscheinlich“, gab er nach kurzer Pause zurück. „Nachdem, was Walter so erzählt hat, gehört der zu den Typen, die gerne mal untertauchen. Hast doch gehört – Jahre war der weg. Da kann man nix machen.“ Nach Abwegen einiger weiterer Optionen wechselten wir also, ohne uns weitere Gedanken über Rolf oder Walter zu machen, wieder das Thema und knüpften an unseren vorigen Gesprächen an.
Am Abend setzte mich Georg dann zu Hause ab. Wir hatten uns schon verabschiedet, da fiel ihm zu meiner Überraschung wieder etwas ein. Und zwar sagte er mir, dass an dem Tag, an dem Rolf mit Walter bei Georg war, sie gerade Fotos gemacht hatten. Fotos für einen meiner Artikel. Wenn ich also Glück hätte, würde ich vielleicht Rolf darauf finden können. Ich müsste nur nach Walter Ausschau halten. Ich ging also hoch an meinen Schreibtisch und kramte mit minderer Neugier nach den Bildern zu dem besagten Artikel. Es gab zwei Fotos auf denen Walter zu sehen war. Auf einem unterhielt er sich mit einem unscheinbar wirkenden Mann. Und auf dem anderen stand er inmitten einer lächelnden, zahnlosen Gruppe von gescheiterten Schnapsnasen. Darauf war der Unbekannte nicht zusehen. Ich besah also das erste erneut und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
Obwohl es schon spät war, stieg ich in mein Auto und fuhr in den Westen der Stadt. Dort, wo die Reichen in ihrer unwirklichen Parallelgesellschaft hausen. Dort, wo ich selber nur sehr selten durchfuhr und mich stets eine eigentümliche Sensation überkam, die zwischen Missgunst und Bewunderung pendelte. Aber wie dem auch sei, mein Ziel war die Villa Kleister und der Mann, den ich sehen wollte, der hieß Bernd Kleister.
Es war nicht leicht bis zu dem großen Kleister vorzudringen, aber nachdem ich der unterwürfigen Stimme aus dem Lautsprechergerät am Haupttor seines Anwesens zu verstehen gegeben hatte, dass eine Abweisung schlimme Folgen für ihn haben könnte und er sich sicher sein könne, dass Herr Kleister mich unbedingt empfangen wolle, ließ er mich zum Anwesen vorfahren. Ich hatte Glück, dass Kleister überhaupt dort war und noch mehr Glück, dass ich wirklich mit so einer kleinen Drohung bis zu ihm vorgelassen wurde. Kleister war sichtlich verärgert, als ich mich vorstellte und mein Anliegen vortrug, aber er gewährte mir trotzdem einige Minuten seiner Aufmerksamkeit, als er mich von einem fragwürdigen Foto, welches ihn wohl betreffen würde, sprechen hörte.
Bevor ich aber nun zum Ende meiner Geschichte komme und den letzten Teil preisgebe, also mein Gespräch mit Herr Kleister, welches ich so klug war, ohne sein Wissen auf meinem Diktiergerät mitzuschneiden, möchte ich an dieser Stelle beteuern, dass meine Absichten völlig rein sind. Gewiss, der folgende, unverfälschte, transkribierte Dialog, mag mich in einem zwiespältigen Licht darstellen, doch seien Sie sich sicher, dass all dies nur Fassade war, um möglichst viel von diesem verlogenen Kleister heraus zu bekommen. Aber, wenn Sie meiner Geschichte aufmerksam gefolgt sind und meinen Wörtern Beachtung geschenkt haben, dann werden Sie mit Sicherheit alle Schlüsse richtig ziehen und den eigentlichen Skandal dieser perfiden Begebenheiten erkennen.

Kleister: Sprechen Sie nicht lange um die Sache herum. Was ist das für ein Foto?
Schirmer: Hier. Sehen Sie selbst.
(Pause)
Kleister: Und? Was ist damit?
Schirmer: Was ist damit? Das sind doch Sie auf dem Foto da!
Kleister: Ich? Wieso sollte ich mich mit so einem Lumpen herumtreiben?
Schirmer: Na, das würde ich gerne von Ihnen wissen, Herr Kleister. Versuchen Sie mich nicht für dumm zu verkaufen. Ich habe Augen im Kopf!
(Pause)
Kleister (seufzt): Na, schön. Sie sehen richtig. Das bin ich auf dem Foto. Also, was wollen Sie? Geld?
Schirmer: Haa! Ich wusste es. Ich wusste es! Den Grund will ich, den Grund!
Kleister: Hören Sie, nicht alles muss immer von Sinn geschwängert sein. Bewerten Sie das nicht über. Sie sollten wirklich einfach eine kleine Spende von mir annehmen und dann nach Hause fahren. Sie sehen erschöpft aus.
Schirmer: Eine kleine Spende? Diese Story wird mein Durchbruch und mir zu Ruhm verhelfen und Ruhm, da werden Sie mir doch zustimmen, Herr Kleister, ist im Gegensatz zu ihrem Angebot, ein wesentlich lukrativeres.
Kleister: Dass sie sich da nicht verschätzen.
(Pause)
Schirmer: Wie viel?
Kleister: 5000 Euro sollte für das Foto angemessen sein.
Schirmer: 5000? Mehr nicht? Die ganze Öffentlichkeit wird ihnen auf die Pelle rücken und Sie bieten mir mickrige 5000 Piepen an? Vergessen Sie es! Ich will die Wahrheit. Reden Sie, sonst denk ich mir eben eine passende Geschichte zu diesen Fotos aus. Journalisten können sehr kreativ sein, wenn sie wollen.
Kleister: Ach, wirklich? (Lachen) Sie wollen die Wahrheit? Wie ungewöhnlich. Gut, bitte sehr, Herr Journalist. Sie haben gewählt. Langweile.
Schirmer: Langeweile?
Kleister: Ja, Langweile.
Schirmer: Wie meinen Sie das?
Kleister: Muss ich Ihnen wirklich die Langweile erklären? Ich langweile mich eben. Und so ein paar Tage auf der Straße, die können sehr unterhaltsam sein.
Schirmer: Langweile? Das kann es doch nicht gewesen sein. Was ist mit dem Notizbuch und den Schulden, die Sie eingetrieben haben?
Kleister: Oh, Sie haben recherchiert? Interessant. Was soll ich sagen, Herr Journalist. Schulden sind nun einmal Schulden.
Schirmer: Was? Das ist ihr ernst, oder? Und was ist mit Walter?
Kleister: Walter? Sie haben mit ihm gesprochen? Verstehe. Walter ist nur ein Bauer auf dem großen Schachbrett der Welt, ein Bauer, der es nie bis auf das letzte Feld schaffen wird.
Schirmer: Ach, und Sie, der große Kleister, der einst selbst auch ein Bauer war, hat es natürlich geschafft. Hat das letzte Feld erreicht und ist jetzt eine unbesiegbare Dame, wollen Sie mir das weismachen?
Kleister: Eine Dame? Machen Sie sich nicht lächerlich. Nein, ich bin einer der Spieler.
Schirmer: Sie Elendstourist! Ihre Arroganz wird Ihnen das Genick brechen. Das wird Schlagzeilen machen. Ich kann es schon genau vor mir sehen! Das kommt ganz groß auf der Titelseite. Mein Chef wird mir die Füße küssen. „Bernd Kleister – Produzent und Tourist des Elends!“
Kleister: Machen Sie das. Oh und richten Sie Herbert einen Gruß von mir aus, wenn Sie bei ihm sind. Wir haben uns schon länger nicht mehr gesprochen.
Schirmer: Was? Herbert? Sie…Sie kennen meinen Chefredakteur?
Kleister: Nun, sagen wir einfach wir sind gute alte Freunde, so gute Freunde sogar, dass Herbert sich eher einen Arm abtrennen würde, als diesen Artikel, von dem Sie da träumen, jemals zu drucken. Schauen Sie doch nicht so. Wissen Sie, wären Sie in dieser Angelegenheit anders vorgegangen, dann würde Sie jetzt mit einer stolzen Summe in der Tasche wieder Ihrer Wege gehen. Aber Sie mussten ja versuchen mich auszustechen. Wirklich schade drum, Herr Journalist.
Schirmer: Das kann nicht wahr sein. Hören Sie mit diesem überheblichen Lächeln auf! Selbst, wenn das stimmt, was Sie sagen, es gibt noch andere Zeitungen. Sie werden schon sehen!
Kleister: Die mag es geben, aber jene Zeitung, die meinen Namen liest und trotzdem in den Druck geht, die will ich sehen. Aber, wenn Sie mich jetzt entschuldigen, ich bin müde und muss mich vor dem Schlafen gehen noch von ungehorsamem und unnötigem Personal trennen. Also, leben Sie wohl Herr Journalist und kommen Sie nicht wieder.
Schirmer: Warten Sie Kleister, warten Sie, ich habe es mir anders überlegt.

Sehr geehrte Redaktion, sollte, so wie ich erwarte, diese Geschichte in Ihrem Heft erscheinen und die nötige Resonanz erzeugen, so wäre ich nicht abgeneigt, meine Schweigepflichten zu brechen und den Übeltäter, den ich hier unter dem Deckmantel Bernd Kleister verberge, vollends zu entlarven. Er hätte nichts Anderes verdient, dieser überhebliche Schnösel. Aber dafür müssten Sie mir schon in einigen Belangen entgegenkommen und mich selbstverständlich maßgeblich an dem Profit dieser Story beteiligen, die, Sie geben mir doch sicher recht, verdammt nochmal Gold wert ist!

Ich erwarte Ihre Rückmeldung.

Hochachtungsvoll,
Axel Schirmer

Prosa von Kamil Tybel
Illustration von Hanna Kuster
09’Mai 2017

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