Kurz vor Mitternacht

Bald Mitternacht. Dünne, zu meist neblige Wolken lassen Mond und Sterne im schleierhaft gedimmten Licht erscheinen. Ein Mann betritt hastig, schier rastlos die Eingangshalle einer Bank und schreitet zum 24 Stunden verfügbaren Geldautomaten. Nachdem er seine vierstellige Geheimzahl eingegeben hat, beginnt der Apparat zu rütteln und wirbelnde Geräusche von sich zu geben, bis er schließlich das Geld förmlich ausspuckt. Eine Stimme hinter ihm erklingt.

Der Unbekannte: Muss schön sein die Sprache dieser Maschine sprechen zu können. Ich meinerseits versteh sie nicht (lacht).

Der Rastlose kehrt der Maschine den Rücken zu und erblickt einen hinter ihm an der Heizung sitzenden Mann; vermutlich ähnlichen Alters wie er selbst. Seine Kleidung ist ein wenig heruntergekommen.

Der Rastlose (geringschätzig): Sprache? Tz, geh einfach arbeiten, statt faul in einer Bank herumzulungern. Von nichts kommt nichts. Nutzloses Gesocks!

Ohne eine Reaktion abzuwarten, verlässt der Rastlose kopfschüttelnd die Bank. Beim Herausgehen streift er die Schulter eines neuen Besuchers, einer Frau, B., welche die Szene zwischen den beiden Männern beobachtet hatte. Verdutzt bleibt sie eine kurze Weile am Eingang stehen, bis sie sich schließlich vom Blick des Unbekannten fixiert, nun ebenfalls zum Geldautomaten begibt. Nach gleichsam vollzogener Prozedur, dreht sie sich um und legt dem Mann an der Heizung einen 10,- € Schein vor die Füße.

Der Unbekannte: Euer Geld will ich nicht. Ich komme schon selber klar.

B. (behutsam): Schon in Ordnung. Nimm es ruhig. Du brauchst es sicher dringender als ich.

Der Unbekannte: Pah. Haben Sie mich nicht verstanden? Auf Almosen kann ich verzichten, vor allem, wenn sie von euch kommen!

B. (leicht erregt): Du bist aber undankbar! Ich will dir damit nur helfen. Außerdem, was heißt denn hier „euch“?

Der Unbekannte (scharf): Undankbar? Da haben wir es doch wieder. Nur weil ich Ihnen die Chance genommen habe, Ihr Gewissen freizukaufen, nennen Sie mich undankbar. Schauen Sie mal in den Spiegel, meine Liebe. Schauen Sie ganz tief hinein, solange bis Sie durch Ihre nutzlose Haut, durch Ihr alterndes Fleisch, sogar durch Ihre Knochen hindurchblicken können und endlich verstehen, was den Menschen wirklich zusammenhält. Dann werden Sie sehen, wer und was übrig bleibt, wen ich mit „euch“ meine!

B. (verstimmt): Ach, wie philosophisch! Rede nicht so altklug mit mir, du meinst die Gesellschaft. Die Gesellschaft, von der du dich anscheinend bewusst abgekehrt hast. Die Gesellschaft, der du die Schuld an deiner Lage gibst. Ein Aussteiger halt. Warum sonst solltest du mein Geld ablehnen?

Der Unbekannte (blickt B. durchdringend an): Weil es nicht Geld ist, was mir helfen kann. Ich bin kein Aussteiger, ich bin ein Ausgestoßener.

B. (etwas einfühlsam): So nimm doch wenigstens das Geld.

Der Unbekannte (aufhorchend): Nein, ich will es nicht und es bringt mir nichts. Heutzutage denken die Menschen, dass man jedes Problem mit Geld lösen kann. Ob es um Bildung, Arbeitslosigkeit, Familie oder gar um Obdachlosigkeit geht. Immer ist Geld die rettende Lösung. Welch ein Unfug. Ich brauche kein Geld, ich brauche eine Wohnung, Arbeit und vielleicht ein paar Menschen, die mich nicht für Abschaum halten oder sich selbst als solchen ansehen. Ich brauche Hilfe, ja! (senkt den Kopf) Aber eigentlich nicht viel mehr, als jeder andere auch. Meinen Sie etwa, ich sitze an einer kalten Winternacht, wie der heutigen, gerne in dieser gottverdammten Bank, an dieser gottverdammten Heizung, auf diesem gottverdammten prunkvollen Marmorboden? (schlägt mit der Faust auf)

B. (leicht verschreckt und irritiert): Sicher nicht, aber wer hindert dich denn daran diese Wünsche in Erfüllung gehen zu lassen. Es gibt doch Sozialarbeiter und Anlaufstellen für Menschen in deiner Lage und wenn du wirklich arbeiten willst, tu das doch einfach? Arbeit gibt’s an jeder Ecke. Der Staat unterstützt dich sicher ebenfalls dabei.

Der Unbekannte erhebt sich und wechselt seinen Platz hin auf die Heizung. Sitzend überragt B. ihn nun doppelt und nicht mehr vierfach.

Der Unbekannte (schnippisch): Anlaufstellen; Sozialarbeiter; Für Menschen in meiner Lage; der Staat! Hah! Ist wohl das erste Mal, dass Sie sich mit einem Obdachlosen unterhalten, was? (mustert B.s feine Kleider) Das ist alles nicht so leicht, wie es in Ihrer zuckerwatten Welt scheint, meine Liebe. Die Welt hier draußen ist eine andere, als die in den Köpfen der Leute; hier weht ein eisiger Wind, dessen Kälte jeden Mantel durchdringt, egal wie dick er auch sein mag.

B. (überrascht): Was meinst du?

Der Unbekannte: Ich meine, Arbeit kriegt man nur, wenn man einen Wohnsitz hat und eine Wohnung bekommt man, wenn man Arbeit hat. Welcher Vermieter hat schon Lust einen arbeitslosen Obdachlosen einziehen zu lassen? Das verraten Sie mir mal bitte. Fliegt man einmal aus den gesellschaftlichen Bahnen heraus, ist der Weg hinein nur durch eine Odyssee der Niedrigschätzung und Demütigung möglich. Sie schütteln den Kopf?! Ich spreche da von ganzen konkreten Dingen, von diesem abscheulichen Meer von Ämtern und Bürokratie, von den bis zur Herzlosigkeit abgestumpften Beamten, vom ewigen Warten in endlosen Menschenschlangen, von der totalen Transparenz des eigenen Lebens, von der Scham vor dem allgemeinen Bürger und von der Mutlosigkeit, die einem tief im Leibe sitzt! (abwinkend)

B. (selbstbewusst): Jedem Wohlstand geht eine Qual voraus. Das nennt man sozialen Aufstieg und man fängt unten an. Es gibt doch auch Sozialwohnungen.

Der Unbekannte (spöttisch): Verdammt, es gibt auch soziale Abstürze! Und die Sozialwohnungen kann ich Ihnen an einer Hand abzählen. Es gibt nicht annähernd genug Sozialbausiedlungen, als dass alle Bedürftigen dort unterkommen könnten. Alles ist in privater Hand und bei denen stehen meist ebenfalls ihre heilbringenden Scheine im einzigen Interessenvordergrund. Und der Staat – von dem will ich gar nicht erst anfangen. Der gute Vaterstaat hält es nicht einmal für notwendig die Zahl der Obdachlosen hierzulande ausfindig zu machen. Er akzeptiert unsere Lage nicht, er erkennt uns nicht an, versucht unsere Existenz unter den Teppich zu kehren und uns mit lächerlichen Geldbeträgen ruhig zu stellen und gerade so am Leben zu halten, damit die Bürger sich nicht über tote Obdachlose auf der Straße echauffieren müssen. Und es klappt! Aber das passt mal wieder in das Bild unserer Zeit. Ein ignoriertes Problem, ist kein Problem.

B. (etwas betroffen): Das wusste ich nicht. Aber der Staat tut doch sicher mehr!

Der Unbekannte (hart): Nein. Würde es die BAGW nicht geben, welche Schätzungen betreibt, dann hätte man nicht die geringste Ahnung über die Gesamtlage im Land.

B. (trotzig): Trotzdem, du musst doch nicht auf der Straße oder hier in der Bank übernachten. Ich habe erst vor Kurzem eine Reportage im Fernsehen über Notunterkünfte für Menschen ohne Dach über dem Kopf gesehen. Wieso probierst du es nicht da?

Der Unbekannte (auflachend): Notunterkünfte, wirklich? Als ob ich dort nicht schon gewesen wäre. Erstens sind die zu meist komplett ausgebucht, vor allem im Winter und zweitens sind diese Orte ein Sammelsurium von Kleinkriminellen und Drogenabhängigen, von Unverdauten und Ausgespuckten. Kein äußerst geselliger Umgang, wie Sie sich sicherlich vorstellen können, meine Liebe, und dann auch noch zusammengepfercht auf engstem Raum. Nein … (verbittert) Ich habe keine Wahl und auch wenn Sie das nicht hören wollen, ich bin hier, weil Menschen wie Sie nur mit sich selbst beschäftigt sind. Weil Menschen wie Sie denken, dass alles, was sie können und schaffen, auch andere können und schaffen müssten. Ignorant und selbstbezogen, wie ihr seid, macht ihr euch zum Maßstab Aller. Dabei verkennt ihr jedoch, dass nun mal nicht jeder so ist, dass nicht jedem die gleichen Chancen und Möglichkeiten in die Wiege gelegt wurden, dass, auch wenn wir alle Menschen sind, ausgestattet mit ähnlichen Werkzeugen, wir gleichwohl unsere eigenen Namen mit unseren eigenen Geschichte tragen, die uns einen anderen Zugang zur Wirklichkeit eröffnen. Ihr verkennt, dass es euch gut geht, weil wir leiden.

B. (abwehrend): Du redest mir viel zu absolut, viel zu deterministisch! Mir wurde auch nichts in die Wiege gelegt. Meine Eltern waren einfache Arbeiter. Ich habe mir alles selbst aufgebaut und warum sollte jemand anderes das nicht auch schaffen?! Immerhin leben wir in einem freien Land. Wer hier fleißig ist, kann sich aus eigener Kraft hochziehen. Wer will, der kann auch.

Der Unbekannte (resolut): Sie hören mir wohl nicht richtig zu. Ich habe Einfluss darauf, was ich tue, ja; ich habe aber keinen Einfluss darauf, warum ich es tue. Die Not drillt! Man kann nur fleißig sein und sich aus eigener Kraft etwas aufbauen, wenn man auch die Chance dazu hat, wenn man überhaupt erst eine Perspektive sieht. Kriegen Sie das in ihren Schädel rein, ein Mann wie ich hat nicht die gleichen Rechte wie Sie. Das ist Fakt. Die Gesellschaft wird meine Fehler nie vergessen – übrigens, die der Anderen ebenfalls nicht. Sie kennt kein Recht auf Scheitern. Wer versagt, wird vergessen. (ernst) Meine Vergangenheit ist bereits geschehen. Ich kann sie weder ändern noch widerrufen, sie ist dokumentiert, in irgendwelchen staubigen Akten und auf undurchsichtigen Computerdatenbanken. (lacht) Dabei wäre das gar nicht nötig, so löchrig mein Verstand auch sein mag, meine Verfehlungen werde ich niemals abwerfen können, selbst wenn ich wollte.

B. (interessiert): Von welchen Verfehlungen sprichst du?

Der Unbekannte (abwendend): Wieso sollte ich Ihnen das schon erzählen? Außerdem sind meine Fehler nichts Außergewöhnliches, meine Geschichte eine recht Typische, eine, die Sie so an fast jeder dunklen Gasse zu hören bekommen könnten und sich dann wahrscheinlich denken würden „selbst schuld“.

B. (verschmitzt) : Oder in einer Bank?

Der Unbekannte (lacht): Hah, Sie sind mir eine! Meinetwegen. Meine größte Verfehlung, meine Schuld liegt im Aufgeben meiner selbst. Es fing wohl damit an, dass ich meine Stelle, welche ich übrigens knapp zehn Jahre fehlerfrei ausgeübt habe, ohne je eine einzige Mahnung erhalten zu haben, verlor, weil ich mit dem Trinken angefangen hatte. Getrunken habe ich, weil meine Frau mich verlassen hat und meine Frau hat mich verlassen, weil unser gemeinsames Kind … (schließt die Augenlieder) ach, ist egal. Das hat sowieso nie jemanden wirklich interessiert. Probleme darf man nämlich nicht in die Arbeit tragen, wissen Sie ja. Da gilt es nur produktiv zu sein. Jedenfalls stand ich plötzlich ohne Familie, ohne Arbeit und schließlich ohne Wohnung da. Ein Mensch, ohne Halt und ohne Aufgabe, mit keinerlei Perspektiven. Wer will es mir da vorwerfen? (atmet tief durch) Ich war auf der Straße angelangt. Am Grund, am offensichtlichen, dennoch unsichtbaren Grund unserer Gesellschaft. Hier unten, glauben Sie mir, wird man, sollte man überhaupt bemerkt werden, mit anderen Augen angesehen, mal mit hasserfüllten, mal mit ängstlichen, mal mit bemitleidenden – so haben Sie mich übrigens angesehen – und mal mit verächtlichen Augen. Das sind die Blicke und Gesichter der Gesellschaft, die ich kenne. Die Einzigen, die ihr für mich übrig zu haben scheint. (Ein Mann tritt ein und benutzt den Bankautomaten. Er mustert B. und blickt anschließend mit verzogenem Gesicht auf den Unbekannten) Wie es weitergegangen ist, können Sie sich sicher vorstellen. Da man nicht komplett vereinsamen möchte und jeder Menschen um sich braucht, sucht man sich Gleichgesinnte; Leidensgenossen. Andere, die an ähnlichen, oder anderen Hürden und Anforderungen dieser wohlfunktionierenden Gesellschaft bitterlich gescheitert sind. Gemeinsam zieht man sich dann noch weiter runter, indem man Drogen nimmt, oder sich zu Strafdelikten hinziehen lässt. Es ist eine Teufelsspirale, die immer weiter bergab verläuft, egal, wie man sich dreht und windet, jede Bewegung lähmt, bis man allen Mut und alle Kraft verloren hat, das Leben und seine Mitmenschen anfängt zu hassen und keinen Ausweg mehr sieht. (Hintergründig erzeugt der Geldautomat erneut wirbelnde Geräusche) Glauben Sie mir, ich will arbeiten, und auch jetzt noch wäre ich so gerne einer von euch, aber ihr lasst mich nicht. Ich bin ein Verurteilter, ich bin euch schlichtweg ein Dorn im Auge. Ihr wollt mich entbehren, aber ihr traut euch nicht. Geben Sie es doch einfach zu!

 B. schweigt. Sie sieht auf die Uhr, es ist kurz vor Mitternacht. Sie setzt sich neben den Unbekannten und begegnet ihm auf einer Augenhöhe.

B. (einfühlsam): Aber das muss doch nicht so sein. Sollten diese ganzen Dinge wirklich so stimmen, dann verstehe ich nicht, wieso du dein Wissen nicht verbreitest? Du könntest dazu beitragen, andere aufzuklären.

Der Unbekannte (lacht schallend auf, sodass der Mann aufschreckt und die Diskutanten argwöhnisch betrachtet. Nach kurzem Zögern verlässt er schließlich die Bank): Törichte! Obdachlosigkeit ist doch kein Geheimnis. Wie oft am Tag laufen Sie an uns vorbei. Es fällt Ihnen doch gar nicht mehr auf.

B. (betroffen): Aber …

Der Unbekannte (unterbrechend): Kein Aber! Was soll ich, ich! Ein stummer Mann mit Stimme schon tun, wen soll ich schon ansprechen, wer würde denn hinhören? Sie? Natürlich! Auch Sie haben mir doch nur Geld hingeschmissen, weil der Kerl, der vor Ihnen hier war, so grob zu mir war und Ihnen die Situation unangenehm wurde. Es handelte sich um ganz natürliche Scham und Schuldempfinden, vielleicht auch ein wenig Mitgefühl, welches Sie dazu bewogen hat mir diesen 10,- € Schein hinzuwerfen. 10€! (lacht) Sie hatten wohl ein besonders schlechtes Gewissen!

B. (errötet und verstummt): Ich …

Der Unbekannte (fortfahrend): Es ist euch allen doch bewusst und ihr alle wisst, wie es uns geht, wenn nicht wisst, so zumindest spürt; ihr spürt, dass es traurig ist, dass es ungerecht ist, dass es schlichtweg nicht so sein sollte, dass es Menschen wie uns, in einer Gesellschaft wie dieser überhaupt gibt, die so durch und durch reich ist. Doch in einer reichen Gesellschaft ist Armut nunmal kein beliebtes Thema. Und trotzdem, Sie sind hier und hören mir zu. Ich meine, ganz ignorieren könnt ihr uns ja nicht, oder? Jetzt tun Sie bitte nicht so scheinheilig. Diese Betroffenheit, mit der Sie mich anstarren, können Sie sich schenken. Sie ist nutzlos und zutiefst egoistisch. Reine Beschwichtigungsarbeit, damit man sich und seine Selbstsüchtigkeit weiter rechtfertigen kann, damit man bequem mit dem Strom schwimmen kann. Damit man sich weiter belügen kann. Denn die Lüge ist ja leichter, sie ist bequemer und vor allem, wenn alle mit ihr übereinstimmen, dann ist sie ja vielleicht auch wahr, nicht? (kichert abfällig) Na klar. Ich sage Ihnen, nein, ich verspreche Ihnen, selbst, wenn Sie unsere Begegnung niederschreiben würden und jedem Bürger dieses Landes in Ihrer aufklärerischen Mission in die Küche hängen würden, es würde sich nichts ändern. Sie würden es vielleicht einmal lesen und dann sofort beiseite drängen wollen. Sie alle werden Ausreden finden, warum gerade sie nicht angesprochen sind, warum gerade sie eine Ausnahme bilden, warum gerade sie nichts tun können. Dabei würde endlich mal was passieren, wenn ihr nur etwas Verantwortung übernehmen würdet. Ich meine, ihr seid doch ein Teil dieser Stadt, dieses Landes, dieser Gesellschaft, oder? Ich verlange ja nicht viel, das ist wahrscheinlich das Schlimmste daran, ich verlange gar nicht viel. Nichts Unnatürliches, im Gegenteil sogar, sollte man meinen, alles, alles was ich verlange, ist ein wenig Menschlichkeit. Keine Ignoranz mehr, kein Mitleid mehr! Ich verlange doch nur, dass man sich gegenseitig hilft, sich zuhört, sich umeinander kümmert. Aber anscheinend ist das bereits zu viel. Am Ende ist man immer allein. Selbst Sie, ja selbst Sie, die bereit war meinen Worten zu lauschen, werden fliehen vor Ihrer Freiheit als Mensch. Ich sehe Ihre Angst, diese Furcht in ihren Augen, die Sie davon abhält die Wahrheit zu sehen, die ich sehe, und die sie davor bewahrt zu handeln.

Es schlägt Mitternacht. B. sichtlich aufgewühlt erhebt sich abrupt und wendet die Augen von dem Unbekannten ab. Ihr Atmen scheint heftiger und ihr Gesicht errötet und wirkt angespannt.

B. (zittrig): Woher weißt du, …? Ich, ich sollte jetzt gehen … es geht nicht anders …

B. nimmt den 10,- € Schein und stürzt aus der Bank. Einige Meter davon entfernt, bleibt sie stehen. Ihr Herz pocht. Sie holt tief Luft und schaut zum Himmel hinauf. Die Wolken sind verschwunden. Die Nacht ist übersät mit Sternen. Sie sind fixiert und scheinen sich wie leuchtende Schrauben in die Finsternis zu bohren, um den Nachthimmel tragen zu können. Der Mond erscheint B. klarer als je zuvor. Sie hält sich die Hände vors Gesicht und schüttelt ihren Kopf. Als ob ihr dieser nächtliche, von Gleichmut beseelte Abglanz des Himmelkörpers bereits zu viel wäre. Sie ruft nach einem Taxi und drückt dem Fahrer den 10,- € Schein in die Hand.

Der Unbekannte hingegen bleibt unbekannt. Nach kurzem Verharren in der Position, in welcher er zurückgelassen wurde, setzt er sich schließlich erneut auf den Boden, nahe der Heizung. Dort wartet er.

 

Von Mesut Bayraktar und Kamil Tybel

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