Königin Netsewa

Einst, da erhoben sich weiße Marmorwälle Richtung Sonne, mühselig wurden sie Stein um Stein von tüchtigen Kreaturen, den eisernen Wesen, erbaut. Unter aufopfernder Hingabe erschufen sie prachtvolle, viereckige Türme aus Glas, welche weit über das Wolkenmeer herausragten. Sie gefroren sogar die Wände ihrer prunkvollen Bauten, bis diese zu einer Burg, Bastion, ja Festung von nie dagewesener Größe heranwuchsen. Und obwohl es dadurch im ganzen Reich kalt und finster war, herrschte Zufriedenheit, herrschte Selbstgerechtigkeit, herrschte Selbstbewusstsein, aber allem voran herrschte die Regentin Netsewa. Die Oberste der eisernen Wesen.

Sie war eine Königin, von solcher Schönheit und Größe, dass sie ihrem eigenen Reich in Nichts nachstand. Kultiviert, eloquent und überzeugt regierte sie in ihrer eisigen Festung. Man könnte meinen, sie sei eine gute Herrscherin gewesen, denn das Wohl ihres Volkes schien ihr stets wichtig zu sein, wobei es gerade ihresgleichen, den auserlesen Tüchtigen an Nichts mangeln sollte. Im Gegenteil, die Bürger ihrer Burg badeten im Überfluss an Speisen und Wein. Eine Selbstverständlichkeit, wo doch das Volk Moral und Anstand so vorbildlich verkörperte, wie sie selbst; kurzum, sie hatten sich ihr Wohl verdient. Eine verdiente Wonne, die keiner großen Rechtfertigung bedurfte. Und im Zentrum all dessen stand Netsewa. Dabei war ihr Anspruch keineswegs absolut. Alle paar Jahre veranstaltete sie Paraden und Feste, zog durch ihr üppiges Reich und stellte die Ihren vor die Wahl: „Meine lieben und guten Kinder, wieder stehe ich vor euch und frage demütigst nach eurem Willen. Sagt mir, nach all den Jahren in Wohlstand und Glückseligkeit, soll ich da mein Zepter niederlegen oder soll ich mich weiter in meiner allumfassenden Liebe um euch kümmern?“ Nicht alle eisernen Wesen nahmen an diesen Paraden teil, aber all jene, die kamen, schrien daraufhin stets freudig Netsewas Namen, aus Überzeugung, aus Bequemlichkeit und aus Unwissenheit. Und selbst die Wenigen, die nicht „Regentin Netsewa“ ausriefen, taten es doch.

Sie mochte es, sich auf solchen Festen ihrem Volk zu präsentieren und im Singsang des Sprachspieles wegweisende Worte zu verkünden. Sie verlas ihre Botschaften zielgerichtet, aber ungenau, nun einmal so, wie es ihr Volk am liebsten zu haben schien und dies stets inmitten von Festlichkeiten, die die Sinne der Teilnehmenden vollends in Anspruch nahmen. Wenn sie sprach, oben auf ihrem Podest, dann sah man, dass jedes ihrer Worte in der gängigen kalten Luft von einem Schwall ihres heißen Atems begleitet wurde und dann wieder in den unendlichen Luftmassen der Atmosphäre verschwand. Doch an einem Punkt ihrer blühenden Herrschaft erkannte Netsewa, dass der Reichtum ihres Volkes auf Grenzen stieß, dass sie nicht all ihren Kindern ein Dasein im Überfluss garantieren konnte. Bekümmert und besorgt zog sich Netsewa in den höchsten ihrer Türme zurück. Der Himmel war klar und das Wolkenmeer verschwunden. In sich gekehrt, schweifte ihr Blick gen Horizont auf das hell leuchtende Funkeln unbekannter Ländereien. Hier lag die Lösung, hier lag die Chance. So entschied sich Netsewa ihr Reich zu verlassen und machte sich in ihrer Güte und Fürsorge auf in unbekanntes Terrain, um ihre frohe Botschaft in die Welt hinaus zu tragen.

Bei der Reise durch fremde Landschaften bemächtigte sich Netsewa ihrer Anziehungskraft und ihres Zaubers. Sie beschwichtigte Könige, machte ihnen nachdrückliche Geschenke, flüsterte ihnen zarte Worte ins Ohr und verwandelte sie und ihre Völker mit der Zeit zu kleinen Kindern, die ihrer Mündigkeit beraubt worden waren. Das, was diese Völker zuvor Kultur nannten, konnte die Regentin nicht akzeptieren. Ihr missfiel der Gedanke dieser Andersartigkeit, so unzivilisiert und ungläubig, ja gerade zu barbarisch. Und erst die ganzen Schätze, die in solch ungehobelten Händen ihren Glanz verloren. Sie mussten erzogen werden, im Sinne aller. Darüber hinaus genoss Netsewa den Umgang mit Kindern. Auch vor ihrem Volke nahm sie bereits die Rolle der Mutter an und spielte diese mit Bravour. In einer komplizierten Prozedur, die der Erziehung der Kinder dienen sollte, lernten die neuen Sprösslinge Netsewas Betrachtung der Welt, den goldenen Pfad, um zu ähnlichen Reichtümern zu gelangen, kennen und schätzen. Während sie von der Königin verhätschelt wurden, ließ diese mächtige Brücken und kolossale Schiffe bauen, die den Verkehr zwischen den neuen und alten Ländereien sichern sollten.

Die gezüchtigten, heranwachsenden Kinder spielten nun nach den Regeln Netsewas am Tisch einer einheitlich werdenden Welt. Wer mitspielen wollte, musste sich den gängigen Regeln unterwerfen: Vorsicht und Schnelligkeit, Härte und Wandelbarkeit, Geradlinig- und Vielseitigkeit. So wurde der Widerspruch zum Spiegelbild aller Bewohner des gelobten Reiches und die Doppelmoral zur unentbehrlichen Logik. Beobachtern bot sich beim Wettkampf zwischen Netsewa’s Volk und den neuen Jungen ein belustigendes Schauspiel. Es schien vergleichbar mit einer Vielzahl von Kindern, die beginnen dem Dressurreiten auf englischem Rasen nachzueifern, obwohl sie zuvor immerzu dem Versteckspiel auf verwilderten Wiesen nachgingen. Ein ungleicher Wettbewerb, angesichts der Erfahrung von Netsewa’s Volk, der in einer immer wiederkehrenden und niederschmetternden Niederlage der Frischlinge mündete. „Seid strebsam in euren Taten, seid wachsam in euren Fehlern, seid sparsam mit eurem Müßiggang.“ Netsewa’s Worte erklangen währenddessen in einer Dauerschleife. Die ständige Beschallung ihrer wohltuenden Klänge benebelte die Sinne. Doch für viele blieb es bei der Hoffnung auf Besserung. Der Spielverlauf wies zumeist gleiche Sieger und Verlierer auf. Der einst in weiten Fernen funkelnde Glanz verschob sich in die Hände Netsewa’s, die Prämie für Sieg um Sieg.

Jedoch waren auch diese süßen Zeiten nicht von ewiger Dauer, denn es kam zum immer wiederkehrenden Phänomen der menschlichen Natur. Das Magische, welches jedes Lebewesen inne hat, brach auch die Magie Netsewa’s: die Kinder wurden erwachsen. Und manch eines wurde störrisch, trotzig, rebellisch und oftmals sogar unabhängig, ja mündig! Einige der ewigen Verlierer verweigerten die Akzeptanz des Spiels. Sie hinterfragten die Spielregeln und erinnerten sich vergangener Tage, in denen sie noch selbst Herr ihrer Lage waren. Auch in der Burg machten sich lang vergessene Gedanken breit. Denn so angenehm das Leben am Hofe auch war, so finster war der Anblick Netsewas Reichs, wenn man sich erst von ihrem Zauber befreit hatte. Es kam zu Unruhen. Die Adoptivkinder der Regentin begannen sich in ihrer Unzufriedenheit und in ihrer Not selbst zu bekämpfen und zu schänden. Ziellose Gewalt, angestachelt durch die Interessen der großen Netsewa. Sie hatte keine Verwendung für Dissidenten, für Querdenker und Aufmüpfige. Wie konnten sie nur so undankbar sein, nach allem was die Regentin für sie getan hatte. Und da sie keine andere Möglichkeit sah, entsagte sie der Mutterschaft und verstieß den Großteil ihres einstigen, neu gewonnenen Nachwuchses. Ein gescheiterter Adoptionsversuch, Blagen. Man bediente sich eines bewährten Zauberspruchs, den längst abgeschworene Ahnen einst nutzten: „Geschlossene Gesellschaft. Nur für geladene Gäste!“.

Die Brücken, welche majestätisch über den Meerengen schwebten, wurden zerrissen, die Schiffe, die den Austausch zwischen den beiden Völker fördern sollte, dienten nun ausschließlich dem Transport von Kostbarkeiten aus der Ferne. Auch die Wände der Burg wurden zum Schutz der ach so machtlos Tüchtigen am Hofe verstärkt. Mächtige Wälle aus Eis, umnebelt von bedrohlichem Dunst, verteidigten den hart und wohlverdienten Reichtum Netsewas und ihren Volkes um jeden Preis. Noch immer erklangen auch Stimmen in verschiedenen Teilen ihres Herrschaftsgebietes, die zu Netsewa nur als leises Flüstern durchdrangen. Sie wollte es nicht vernehmen, warum auch, wo doch der Wohlstand größer war als je zuvor. Die Ausgegrenzten, die Verlassenen und die Abgeschobenen, für welche die Königin keinen Platz und keine Verwendung mehr in ihren heiligen Hallen hatte, prallten an den blauen Schutzwällen ab, wie Wellen am Gestein der Küste.

Doch, die Zeit kennt keine Gegenwart und nichts ist ihr unmöglich. Ebenso wie der Kampf zwischen Stein, Wind und Wasser zunächst ungleich und bestimmt wirkt und das Bestreben der Wellen nach Ausdehnung nutzlos erscheint, dann aber der ewig fließende Sand der Zeit das Verhältnis der Kräfte verschiebt und die Erosion des Gesteins durch jede der unzählbaren Wellen offenbart, eben genauso hinterließen die Jahre auch Risse und Kerben in den sicher gewogenen Mauern Netsewas. Risse, die zu Löchern wurden. Ausgehoben durch Netsewas ehemaligen Kinder und Kindeskinder, die in ihrer Verzweiflung nie aufhörten einen Weg in das angebliche Paradies der Regentin zu suchen. Unermüdlich, unter Hingabe vieler Leben, kam so der Tag, an dem die Nachkommen Netsewas alle Hürden überwanden und die Mauern der eisigen Burg niederrissen. All der Zorn, all der Frust, all die Qual mündeten nun in einem Meer von Gewalt. Mit tödlichen stumpfen und spitzen Waffen, Wissen und Errungenschaften der Netsewa, fraß sich die Schar von Ausgestoßenen durch das gesamte Volk der eisernen Wesen bis hoch in ihren Turm. Die Königin, noch immer berauscht und betrunken von einem ihrer Feste, weinte Tränen der Angst, welche auf ihren Wangen gefroren. Es waren die schützenden Mauern, die Netsewa und ihr Volk ein- und ausschlossen und ihren eigenen Untergang besiegelt hatten, denn sie nahmen ihnen die Sicht auf ihre Umwelt, auf die morschen und ausgebeuteten Säulen ihres Königreiches, die die Last nicht mehr zu tragen vermochten.

Schließlich endete Netsewas blühende Herrschaft. Festgenagelt an einem Pfahl hing ihr lebloser Körper oben auf den blutverschmierten Ruinen ihrer ehemals prachtvollen Burg. Die übrig gebliebenen eisernen Wesen, welche das niedere Schlachten überlebten, bauten ihr kein Grab und kein Andenken.

 Von Andreas Bill und Kamil Tybel

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