Heimweg

Ich kann heute nicht mehr den Grund nennen, der mich dazu bewegte einen Schlenker auf dem Heimweg zu machen und nicht wie gewohnt die schnellste Route einzuschlagen. Ich ahnte damals noch nicht, dass dieser kleine Umweg mein Leben auf den Kopf stellen sollte. Wie auch!
Ich hatte zu der Zeit gerade meine erste richtige Anstellung bei einem renommierten Unternehmen begonnen und freute mich bereits auf den Anstieg meines Lebensstandards. Ich würde die kleine sperrige Einzimmerwohnung hinter mich lassen und müsste bei meinem Gehalt auf nichts mehr verzichten. Zwar schauerte es mir ein wenig bei dem Gedanken, für den Rest meiner Zeit eine mehr oder weniger monotone Bürotätigkeit auszuüben, aber was sollte ich sonst tun? Wozu habe ich denn fünf Jahre meines Lebens damit verbracht Bücher zu wälzen und Prüfungen zu bestehen? Also ließ ich das Denken sein und träumte stattdessen lieber von all den Möglichkeiten, die mir bald offenstehen sollten.
Meine Träumereien sollten nicht lange währen, denn ein außergewöhnlicher Anblick holte mich in die Realität zurück. Es war eine Frau. Eine Frau, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte. Die meisten Männer hätten sie vielleicht nicht einmal als sonderlich hübsch bezeichnet, jedoch schnürt sich mir der Hals, allein bei dem Versuch sie zu beschreiben, schon zu. Sie war nicht so, wie diese Weiber aus Zeitschriften und Katalogen. Nein! Sie war echt; authentisch. Alles an ihr zeugte von Charakter. Jede Bewegung, jede Geste entsprang tief aus ihrem Inneren. Ich glaube es war eine Art Ehrfurcht, die ich in diesem Moment verspürte.
Sie bemerkte meinen Blick, was auch nicht übermäßig schwierig sein durfte, denn um ehrlich zu sein, starrte ich sie schamlos und irritiert an, ja fast so, als ob ein längst vergessenes Fabelwesen vor mir stünde. Ehe ich mich meines lächerlichen Gesichtsausdrucks besinnen konnte, sah ich, wie sie gelassen und mit einem verspielten Lächeln auf mich zuging. Ich versuchte mir einen passenden Auftaktsatz zu überlegen, doch sie kam mir zuvor und legte einen Finger zärtlich auf meine Lippen. Ich schwieg. Dann beugte Sie sich mit dem Gesicht an mein Ohr und sprach ganz leise: „Sag jetzt nichts und folge mir einfach.“
Ich wusste nicht, wie mir geschah, denn erneut konnte ich nicht anders als ihrem Befehl Gehorsam zu schenken. In dem Zeitraum, in der ich ihr folgte, redeten wir beide kein einziges Wort. Ich wusste weder wo es hingeht noch was mich erwarten würde. Ich war nervös, sehr sogar.
Nach gefühlten Stunden des Schweigens erreichten wir unser Ziel. Wir sind durch diverse Reihenhaussiedlungen bis an den Stadtrand gewandert und fanden uns nun vor einem sehr alten, scheinbar verlassenen Anwesen wieder. Obwohl es teils heruntergekommen und baufällig war, machte es in dem rötlichen Licht der Abendsonne einen enormen Eindruck auf mich. Eine mysteriöse Ruhe ging davon aus, die all meine Aufmerksamkeit für einen Augenblick auf sich zog. Genug Zeit für meine Begleiterin, um sich unbemerkt in Luft aufzulösen. Wo war sie hin? Sie musste irgendwie ins Haus gelangt sein. Aber wie? Zaghaft schritt ich zur Tür. An der Klingel stand kein Name und der Knopf hing herunter, also klopfte ich. Niemand antwortete.
Ich fasste mir ein Herz und versuchte die Tür zu öffnen, siehe da, sie war unverschlossen. Ich zögerte. Sollte ich einfach so ohne Weiteres eintreten? Vielleicht war das auch alles nur falsches Theater, ein Trick, um mir meine Wertsachen abzunehmen. Nein. Das war keine Lüge, sie war echt! Also trat ich ein. Ein langer Flur erstreckte sich vor mir und am Ende stand ein runder Tisch vor einer Tür. An dem Tisch saß ein kleiner alter Mann mit einem, für ihn viel zu großen, Zylinder auf dem Kopf. Zulächelnd macht er mir ein Zeichen näher zu kommen. Ich muss wohl sehr langsam gegangen sein, denn ich bemerkte, wie sich ein Hauch von Ungeduld bei ihm breit machte. „Da sind sie ja! Ich hatte schon befürchtet, dass sie nicht kommen würden.“, sagte der Alte sichtlich erfreut. Er stand auf und nahm aufgeregt meine Hand und führte mich Richtung Tür. „Moment.“, wand ich ein. „Sie haben mich erwartet? Kennen wir uns etwa?“
„Keine Zeit.“, rief er. „Sie wollen doch die junge Dame wiedersehen, oder nicht?“
Ich nickte. Daraufhin machte sich ein zufriedenes Grinsen auf seinem faltigen Gesicht breit. Er ließ meinen Arm los und zeigte auf die Tür. Nachdem ich hindurch schritt fand ich mich aufs Neue in einem langen Korridor wieder. Dieser war dem letzten ähnlich, allerdings war er in unerwartet gutem Zustand. Am Ende angelangt, bot sich mir ein Anblick, der mich auf immer prägen sollte.
Es war ein Tor in eine andere und doch bekannte Welt. Es war wie ein Spiegelbild unserer Realität. All diese Gebäude hatte ich heute auf dem Weg passiert. Ich konnte sie erkennen, jedoch waren sie anders als zuvor. Jedes Haus hatte plötzlich seinen eigenen Stil. Kleine Obst- und Gemüsegärten schmückten ihre Fronten. Alles war in Farbe und Licht gehüllt. Skulpturen aus Holz zierten die Straßen. Es wirkte so, als ob ein Maler mit einem magischen Pinselschwung allen Dingen Leben eingehaucht hätte, ein wahrlich phantastisches Bild. Auch die Menschen waren verändert. Ihre Gesichter wirkten ruhig und entspannt, aber zugleich erfüllt von einer Neugier, wie ich sie ausschließlich von Kindern kannte. Keiner war in Hektik, oder gar in Eile. Jeder Einzelne Gesichtsausdruck beeindruckte mich.
„Ist es nicht schön?“, wisperte mir eine Stimme sanft ins Ohr. Ich erkannte sie gleich!
„Du bist es! Wo sind wir hier? Was ist das für ein wundersamer Ort?“.
Ihre Lippen krümmten sich zu einem leichten Schmunzeln: „Die Antwort auf deine Frage liegt in dir, nicht bei mir. Du spürst es sicher selbst.“
„Nein.“, brachte ich ungeduldig entgegen. „Du hast mich hierher geführt. Ich kenne diesen Ort nicht.“
Sie blickte mich an, wie eine Mutter ihren unwissenden Sohn: „Dies ist eine Welt, ähnlich die deiner. Nur mit einem Unterschied: Hier werden Menschen nicht daran gemessen, was sie haben, sondern was sie sind und um diesen Wert überhaupt begreifen zu können, muss man sich erst selbst erkennen!“
Ich verstand nicht: „Aber ich weiß, wer ich bin.“
Ein Anflug von Zorn machte sich in ihren feinen Gesichtszügen bemerkbar: „Du willst die schier unlösbare Aufgabe dich selbst zu erkennen gemeistert haben, wo du deine Zeit damit vergeudest Gegenstände anzuhäufen, indem du lustlos Tätigkeiten nachgehst, die deiner selbst widersprechen. Die Formel für wahre Glückseligkeit liegt allein in dir. Allerdings wird sie dir nicht auf einem Silbertablett serviert. Du musst dafür arbeiten. Jeden Tag aufs Neue. Du musst sie dir verdienen!“
„Ich mag meine Tätigkeit. Ich habe mich lange darauf vorbereitet!“, warf ich ein.
„Sein kein Narr“, sie blickte mir so tief in die Augen, dass ich mich einen Moment lang in ihnen verlor. „Wofür arbeitest du schon? Etwa für dein Wohl?“
Sie hatte Recht, ihre Worte trafen mich, wie ein Pfeil. Wem machte ich was vor. Wenn ich wirklich ehrlich zu mir selbst gewesen wäre, dann hätte ich diese Stelle nie angenommen. Vom langen Sitzen im Büro bekam ich immer taube Beine und vom Starren auf dem Bildschirm Kopfschmerzen. Ich lebte einen Kompromiss.
„Ich weiß, dass du dich fürchtest“, fuhr sie milde fort. „Nicht nur, dass dir dein ganzes Leben eingeredet wurde, dass dies der Weg ist, der uns allen vorbestimmt ist, nein, hinzukommt noch die Angst vor der Zukunft. Das Sich-Loslösen. Doch tauschst du deine vermeintliche Sicherheit ein, so erhältst du wahre Freiheit.“
Ich war verzweifelt. Ihre Worte machten zwar Sinn, aber ich konnte nicht einfach so mein ganzes Leben umwerfen. Nur weil ich wusste, was ich nicht wollte, hieß das noch lange nicht, dass ich eine Ahnung davon hatte, was meine Seele wirklich begehrte. Wo sollte ich anfangen?
„Wirst du mir helfen?“, meine Stimme klang zittrig.
„Habe ich das nicht schon getan?“, sie lächelte wieder. „Sieh dich um.“
Wiederholt ließ ich diese unglaublichen Bilder auf mich wirken. Ich war erfüllt von Wärme. Allein die Vielfalt und Individualität dieser Welt, löste in mir einen natürlichen Zustand der Freude aus. Die Krönung all dessen war sie.
„Kann ich nicht hier bei dir bleiben?“, fragte ich schließlich.
„Nein, das geht nicht“, antwortete sie bedrückt.
„Du kannst nicht hier bleiben, denn alles was du hier siehst, existiert nicht.“, Ihre Augen strahlten Wehmut aus und sie wendete zum ersten Mal ihren Blick von mir ab.
„Was soll das bedeuten? Ist das ein Traum? Ich will nicht fort.“, klagte ich.
„Kein Traum. Ein Ideal, das in jedem von uns schlummert. Von Geburt an tragen wir es in uns, jeder auf seine eigene Art und Weise! Diese Welt ist der Spiegel deiner wahren selbst. Alles, was du siehst, bist du.“
„Dann lass mich mehr sehen.“, flehte ich.
„Nein, du solltest gar nicht hier sein und hast mehr gesehen als dir zum jetzigen Zeitpunkt erlaubt war.“, gestand sie. „Ich habe dich hergebracht, damit du es mit eigenen Augen siehst. Ich musste den Wächter bestechen, damit er dir Einlass gewährt, aber nun ist unsere Zeit um.“ Der Boden fing zu beben an und die Häuser drohten einzustürzen.
„Warte!“, schrie ich. „Wer bist du? Warum tust du das für mich?“
Mit einem letzten, bitter-süßen Lächeln flüsterte sie: „Weil es hier einsam ist, ohne dich.“
Ehe ich antworten konnte stürzte alles in sich zusammen und ich verlor das Bewusstsein.
Als ich erwachte, fand ich mich vor dem alten Anwesen wieder. Ich brauchte nicht nachzuschauen, um zu wissen, dass alles fort war. Erschöpft nahm ich meinen Heimweg wieder auf. Mein Herz brannte und meine Gedanken rasten in Lichtgeschwindigkeit durch mich hindurch. Zu Hause angekommen fiel ich ins Bett und schlief auf der Stelle ein, in der Hoffnung an den Ort meiner Begierde zurückkehren zu können. Am nächsten Morgen war ich wieder Herr meiner selbst. Ich wusste was zu tun war. Ich musste zurück, um jeden Preis und dank ihr wusste ich auch, wo ich zu suchen hatte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s