Eine Welt

Alte Männer mit hochgezogenen T-Shirts sitzen auf winzigen Holzstühlen am Straßenrand und präsentieren ihre lehmigen Bäuche als Protest gegen die Hitze. Andere traben Macheten schwingend und träge den endlosen, spärlich gepflasterten Wegen hinterher. Kilometerweit sind keine Häuser in Sicht, sodass man sich jedes Mal fragt, woher sie eigentlich kommen und wohin sie wohl gehen. Frauen verkaufen Gallo Pinto, Baleadas oder ihren Körper am Straßenrand. Andere balancieren ihr Hab und Gut in geflochtenen Körben auf den Köpfen. So mancher liegt besorgniserregend regungslos im Rinnstein oder in der Wildnis, alle viere von sich gestreckt, die Finger verkrampft und den Kopf nach hinten gekippt. Du wirst als Fremder genau gemustert, teils mit erahnter Verachtung. Die Kinder betteln mit ihren bestechenden Augen und zerrissenen Kleidern. Viele um Geld, einige um Essen, manche um deinen letzten Schluck Wasser. Klebstoff schnüffelnd, Kokain und Gras verkaufend streunen sie nachts am Strand entlang – im Einklang mit den Hunden.

Scheiße, Bahn schon wieder zu spät. Jedes Mal dasselbe. Die Leute sitzen träge im Hörsaal, kein Bock auf Vorlesung. Lass uns lieber die letzte Party resümieren. Vor dem Bahnhof sitzen die armen Schlucker und versaufen ihre letzte Kohle. Dann geht’s irgendwann noch mal zum Amt. Im Rotlichtviertel sind sowieso alle blau. Die Männer benehmen sich wie die Tiere und starren den Frauen nach, mit Blicken, die man vor Ekel nicht beschreiben möchte. Ein Besoffener pöbelt den Türsteher an, man kennts ja: „Hab ich dich erst letzte Woche hier rausgeschmissen?“ Wenn du dann mal genug hast, erstmal einen Döner fressen. Zuhause schon mal provisorisch eine Ibuprofen einwerfen, Schatzi einen Gutenachtkuss geben und erstmal ausschlafen – ist ja Wochenende.

Die Hitze lässt die, in bunten Farbtönen angestrichenen Häuserreihen, miteinander verschmelzen und die heruntergekommenen, von Holzbalken gestützten, Wellblechhütten, verglühen. Bis der Regen alles abkühlt und in seine ursprüngliche Form zurückversetzt. Die Straßen sind kaputt. Überall liegt Müll. Er wird einfach verbuddelt oder verbrannt. Motoren laufen jederzeit. Hupen lärmen. Am Busbahnhof ziehen sich die lokalen Asozialen die Zähne mit einer Zange und lachen. Nebenan klammern sich kleine Kinder in überfüllten, gelben Schulbussen an ihre Eltern. Ein Hühnerkäfig steht unter dem Sitz. Der Markt ist überfüllt. Alle stehen dicht-an-dicht, Verkäufer schleppen ihre Waren durch die engen Schneisen – Cola im Plastikbeutel oder Wasser aus der Tüte. Katzen- und Hundebabys werden feilgeboten. Mittendrin ein Typ mit riesigen Lettern ins Gesicht tätowiert, MS 13.

Man schaut in diese riesigen Gefängnisse aus Glas hinein und sieht die fleißigen Arbeiter auf ihren bequemen Bürostühlen herumrollen. Die Kollegin hat sich aber wieder den Nerv eingeklemmt, muss nach der Arbeit noch zur Massage. Auf dem Rathausplatz läuft alles geschäftig kreuz und quer. Wie kleine Ameisen. Blick immer geradeaus. Die Polizei sorgt für Recht und Ordnung, Möwen werden gefüttert, jemand spielt Saxofon für ein bisschen Kleingeld. Nach dem Fußballspiel stinkt wieder die ganze Bahn nach Bier und Flaschen rollen hin und her. Einer ist eingepennt und hat sich vollgepisst. In zwei Wochen wird die Haltestelle saniert, also Schienenersatzverkehr. Fürchterlich. Spät nachts wird aber auf jeden Fall das Taxi in den Club genommen. Der Weg ist ja sonst viel zu gefährlich, besonders mit “den ganzen Fremden, die hier herkommen“. Naja, in der meterlangen Schlange sind wir ja alle gleichgesinnt. Die Taschen vollgestopft mit Drogen. Drinnen tropft der Schweiß schon von der Decke. Ellenbogen stoßen dir in die Rippen. Besonders der Typ mit dem in den Nacken eintätowierten Strichcode ist darin besonders talentiert.

Der Regen bedeckt Teile der sattgrünen Berge wie Nebelschwaden. Man kann nur schwer erahnen, welches Leben sich in dieser ewig erstreckenden Schönheit tummelt. Vulkane reihen sich in dieses Panorama ein. Stell dir die glühende Lava und den stechenden Schwefelgestank vor. Die Sonne erleuchtet in ihren letzten Stunden schwach die sich tosend überschlagenden Wellen. Wenig später ist der glasklare Sternenhimmel über dir umringt von Wolken, aus denen Blitze schießen wie aus einem Stroboskop. Hunde bellen, Katzen schnurren, Adler kreisen, Spinnen weben, Skorpione krabbeln, Papageien plappern, Echsen huschen, Pferde galoppieren, Zebus grasen, Affen brüllen, Faultiere hängen, Fische fliegen, Rochen gleiten und Mücken infizieren dich mit Malaria.

Die Wolkenkratzer sind grau verhangen. Du willst nur ruhig dasitzen und irgendwer hat die ganze Zeit beschissene Musik auf seinem Handy an. Im Theater gab es auch keine Plätze in der Loge mehr. Und irgendwer ist die ganze Zeit am Husten… Zuhause sind die Nachbarn wieder laut. Die Klempner kommen morgen irgendwann zwischen 9 und 15 Uhr, ich plan dann mal meinen Tag. Aber lauwarmes Wasser ist halt nicht das Wahre. Genauso wenig wie langsames Internet. “Wie, kein W-Lan?“ Der Hund muss auch nochmal Gassi! Mach das Katzenklo sauber! Und dann am nächsten Tag wieder 50 Euro im Automaten versenken. Nächste Woche gewinnst du wieder. Dann geht’s eben nach Hause, bisschen Netflix und Chillen.

Text und Fotos von Lukas Schepers, 21.April’17

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