Ein letztes Gebet

Eine Tür schwingt auf. Herein tritt Alexej. Er lässt sich auf den einzigen Sitz im sonst kahlen Raum fallen. Ein brauner Sessel aus altem Leder. In der Hand hält er eine halb geleerte Flasche Rum. Er starrt einen Moment auf die weiße Wand ihm gegenüber, auf der ein aus Holz gefertigtes Kreuz hängt. Dann lässt er den Kopf hängen. Wir beobachten ihn, ohne dass er es merkt.

Alexej (murmelt kopfschüttelnd im Sessel): Nein, kein lieber Gott… kein barmherziger Gott…Nein, nein… auch kein gütiger und guter Gott… und schon gar nicht allwissend…Pah! Der Unfehlbare –  na sicher doch! Genauso, wie wir Menschen auch, was? (Er richtet sich auf und schaut ernst. Dann öffnet er die Flasche mit dem Mund und spuckt den Korken gegen die Wand aus. Er nimmt einen kräftigen Schluck und fängt manisch an zu lachen.)

Alexej (jetzt laut): GOTT! Ja, so werde ich dich nennen. Wozu diese ganzen Titel, wir sind hier doch unter uns. Lass uns ganz schlicht sein, Gott. Du kannst mich auch einfach Alexej nennen!

Vergnügt lehnt Alexej sich in schelmischer Pose zurück in den Sessel, indem er ein Bein über die breite Armlehne wirft. Er zückt eine Zigarette aus der Tasche und zündet sie sich, zum Kruzifix schielend, an.

Alexej: Oh entschuldige, stört dich doch nicht, wenn ich rauche, oder? Dachte ich mir doch! Also, Gott. Ich bin gekommen…ja ich bin hierher gekommen um dich ein letztes Mal zu prüfen, um dich, und mich einem letzten Test zu unterziehen. Hier in diesem Raum, in dem der schwache Kleingeist meiner erbärmlichen Mutter einst lebte und mit verschränkten Händen auf ihren Knien rumrutschte, um dir Dank und Bitte gleichermaßen darzubieten. Hier in diesen Hallen, wo ihr beide stundenlang „geredet“ haben sollt…Weißt du? Ich habe manchmal gelauscht, habe gehört, was sie gesagt hat. Deine Stimme, die habe ich nie gehört (Nimmt wieder einen Schluck. Sein Kopf beginnt bereits ein wenig zu erröten) Und mein Vater…mein Vater, weißt du Gott, ich kann mich eigentlich kaum an ihn erinnern. Ich war wohl noch zu jung, gerade 7 Jahre alt. 7 Jahre alt! Wie soll ein Kind das alles verstehen können, so von einem auf den anderen Tag. Da hat man einen Vater, ein Vorbild, das jede Hürde im Leben mit einem Lächeln zu nehmen weiß, einen Mann, der die Liebe zu seiner Familie nicht scheut und dann plötzlich, so ganz ohne ein Wort des Abschieds, da verschwindet dieser Mensch, dieser Mann. Ein wenig so, als hätte es ihn nie gegeben. Denn alles was bleibt, sind nur ein paar Erinnerungen. Geschichten, die man selbst erzählt und erzählt bekommt, manchmal nackt, manchmal mit ein paar alten Fotos unterlegt. Mutter holte oft die Alben aus dem Schrank. Da war dieses eine, das sie nicht müde wurde zu betrachten. Wenn ich in den Raum kam, dann zeigte sie darauf und sagte, „Alexej! Komm her und schau! Das ist dein Vater, Junge. War er nicht ein schöner Mann? Ach, in seiner Handwerkskleidung, da sah er immer so kräftig aus. So voller Leben.“ Ich nickte dann. „Ja, Mama. Er sieht wirklich lebendig aus.“ Aber das war gelogen. Ich habe nie wirklich hingeschaut, habe nie wirklich auf die Züge dieses Mannes geschaut, der mein Vater gewesen sein soll, der lebendig gewesen sein soll. Ich wollte nicht. Weißt du wieso Gott? Nein? Na, dann will ich es dir sagen. Ich wollte nicht, weil ich wütend war, wütend auf ihn und wütend auf sie. Er hat mich einfach im Stich gelassen, hat uns im Stich gelassen und wieso? Weil er bei der Arbeit von einem beschissenen Dach gefallen ist! Einem Dach, Gott! Täglich thronte er auf allen Baustellen wie ein König. Alle sahen hinauf zu ihm, ob sie wollten oder nicht. Und dann stürzt er? Wieso?…(seufzt entrüstet) Den Sturz hat er überlebt, aber die inneren Verletzungen, die waren zu groß. Er konnte nicht mehr gerettet werden…Ich…und Mama erst…

Alexej setzt die Flasche erneut an und lässt sie noch ein, zwei Schlucke an den Lippen haften. Dann prüft er den verbleibenden Inhalt und stellt sie auf den Boden neben sich. Er zündet sich eine weitere Zigarette an und steht auf. Ganz dicht an der Wand starrt er auf das Kruzifix.

Alexej (heftig): Sag, hast du damals zugeschaut? Hast du gesehen, wie er vom Dach fiel? Hast du? Oder hast du es sogar schon vorher gewusst? Gewusst und trotzdem nichts unternommen? Und das, obwohl sie dich jeden Tag darum anflehte? Was frage ich dich eigentlich? Dir sind die Menschen doch scheißegal! Wann hast du dich schon geschert? (Wendet sich von der Wand ab und beginnt taumelnd den Sessel zu umkreisen.) Nach seinem Tod, da hat Mutter sich noch öfter, noch länger in dieses verlassene Schlafzimmer zurückgezogen. Hat das Gespräch mit dir gesucht. Aber nicht in Vorwurf, oder Empörung, nein, die dumme Gans huldigte weiter deiner Größe, mit einem Lächeln und dicken Tränen in den Augen. Als ich dann älter wurde, meine Schulzeit vorbei war und ich loszog, um ebenfalls Geld für den Haushalt zu verdienen, da fragte ich sie einmal nach einer langen Schicht, warum sie niemals dir die Schuld gab, warum sie dich niemals auch nur einmal anklagte, dass du uns Vater genommen hast und uns in diese Situation brachtest. Sie antwortete mir: „Gott wird schon wissen, warum er deinen Vater zu sich gerufen hat.“ (pausiert) Du wirst es wissen? Du? Von allen Kreaturen, da bist du der Letzte, Gott! Der Letzte, sage ich! Wozu brauchtest du schon meinen Vater und wieso gerade dann? Irgendwann wäre er schon gestorben, dafür hast du doch gesorgt. Ich war noch ein Kind und meine Mutter schwach, wir brauchten ihn! Verstehst du? WIR brauchten ihn, nicht du! Gott verdammt, alles musst du haben, alles musst du uns nehmen! (stellt sich mit dem Rücken zum Kreuz und schließt die Augen mit verzerrtem Gesicht. Dann.)

Alexej (starrt auf uns; fast mechanisch): Am Anfang, da war alles perfekt. Alles war und alles war nicht. Es herrschte Einklang, da alles gleich war. Es herrschte Frieden, da es keinen Feind gab. Es herrschte nichts; da nichts existierte. Und dann, ja dann kam Gott. Gott sah die Harmonie und mit seinem Blick verschwand sie und löste sich auf in Konflikt, in Krieg, in Existenz und Nicht-Existenz. Dies war die Geburtsstunde der Zeit. Der Augenblick, als du Scharlatan über das ewige Bild der Perfektion gestolpert bist und es in Gang gesetzt hast. Dies ist deine einzige wirkliche Tat, Gott. Dein einziger Verdienst und deine größte Schuld…(beginnt wieder manisch zu lachen) Was rede ich da? Das sind gar nicht meine Worte. Wen scherts schon, wie alles angefangen hat. Wie es weitergeht, das soll uns hier interessieren! Nicht, Freunde?

Alexej dreht sich um, fischt die Flasche vom Boden und setzt sich wieder grinsend in den Sessel.

Alexej: Lass uns anstoßen! Auf den Tod! (trinkt) Weißt du Gott? Eine Zeitlang, ja eine Zeitlang, da hattest du mich beinahe, wusstest du das eigentlich? Mutter war schuld. Ihr zu Liebe habe ich immer versucht dich zu sehen. Habe in allen Besonderheiten nach deiner Unterschrift gesucht. In allen Glücksmomenten, die ich hatte, bemühte ich mich dein Wort zu vernehmen. Doch nicht du hast zu mir gesprochen, sondern Meryem. Und doch hielt ich es damals für deine Stimme….(weich) Meryem. Sie sagte, ihre Name bedeute „Die Reine“. Ja, sie war rein, unschuldig und vor allem echt! Ich…wir wollten heiraten. Unter deinem Auge einen Eid ablegen, der uns bis zum Tode binden sollte. Mutter….Sie war ganz aufgeregt, als sie mir ihren Verlobungsring gab und mich so sah, in diesem schicken Anzug! Der Ring war zwar nicht sonderlich wertvoll, aber er hatte Geschichte, weißt du? Unsere Geschichte…(schmunzelt bitter) ja, vielleicht wurde er deswegen auch am Ende zur Last. Ach, verdammt nochmal! (wütend) Statt uns in deinem Namen zu trauen, war es dein Name, der uns letztlich trennte. Dein Name! Ihre Eltern, ich kannte sie bereits, es waren nette Leute, aber sie nahmen unsere Zuneigung nicht ernst. Hielten sie für kindisch. Ja, vielleicht war sie das auch, aber vielleicht musste sie das auch sein…ich weiß nicht. Jedenfalls, als sie von der Verlobung hörten, da gerieten sie in Panik. Sie gerieten in Angst vor einer Verfälschung ihrer Tradition und Identität. Sie hatten Angst vor dir Gott und das obwohl all ihre Ansichten und Überzeugungen ebenfalls auf deinem Namen aufgebaut waren. (lacht ironisch auf) Nein, sie verboten ihr nicht die Hochzeit. So weit sind sie nicht gegangen. Aber sie schürten ihre Zweifel mit jeder Silbe. Sie begannen auch mich anders zu behandeln, bis Meryem…bis sie es nicht mehr ertrug und mich verließ. Als ich Mama davon erzählte und sie meinen Kummer sah, da bemühte ich mich zu verstellen, aber es half nichts. Sie kannte meinen Schmerz. Und es dauerte nicht mehr lang, da wurde es auch der ihre. Und so eine alte Frau, weißt du, Gott? Die hat einfach nicht mehr die Kraft, nicht nach all den Jahren. (sich selbst hörend) Ja…was rede ich da? Sicher weißt du es, denn du hast sie ja jetzt endlich zu dir geholt, nicht? Zu dir und weg von mir…

Alexej will einen weiteren Schluck aus der Flasche nehmen, doch sie ist leer. Er murmelt etwas unverständlich. Dann gerät er in Rage, wirft die Flasche mit voller Kraft an die Wand und…

Alexej (manisch, wütend): Immer weg von mir…Immer alles weg von uns…Warum? Sprich endlich, warum dieses ganze Theater? Sag es mir Gott! Wieso sendest du uns aus in die Welt, wo uns doch schon nach ein paar heiteren Schritten nur noch Scherben und Trümmer erwarten? Wieso hast du uns die Gabe zu empfinden gegeben, wenn das letzte Gefühl immer der Schmerz ist? Wieso uns die Chance geben unsere Rolle selbst zu bestimmen, wenn der Vorhang schon nach dem ersten Akt fällt? Und wieso hast du den Einklang zerstört, alles in Bewegung gesetzt, wenn es nur Konflikt bedeutet, es nur Widerstand und Widerspruch bedeutet!? Antworte endlich verdammt! Antworte, sage ich! Jetzt! Nein, du willst nicht? Immer noch nicht? (zieht eine Pistole hervor und zielt auf das Kruzifix) Diesmal kommst du mir nicht davon! Dieses Mal wirst du antworten! Ich werde dich dazu zwingen, endlich Verantwortung für uns Menschen zu übernehmen, oder bei dem Versuch sterben, zu beweisen, dass es dich nicht gibt! Dass du nur eine Torheit bist, entstanden aus unserer Angst. Ein Gespenst, dass uns schon viel zu lange heimsucht. Nur ein weiterer Kerker, aus dem wir ausbrechen müssen. Ja! Ich werde es beenden! Ich werde es tun! Jetzt ist nämlich endlich Schluss. Ich werfe keinen einzigen Cent mehr in deinen Klingelbeutel, nie mehr werde ich mich vor dir niederknien. Selbst wenn es dich geben sollte, hörst du? Selbst dann nicht! Denn du verstehst nichts vom Menschen! Rein gar nichts! Als ob du wüsstest, wie es ist, sich jeden Tag für ein müdes Gehalt unter ständigem Undank und Druck den Körper kaputt zu schuften. Als ob du wüsstest, wie es ist, wenn der eigene Vater zu früh aus den Händen gerissen wird! Als ob du wüsstest, was es bedeutet sich ganz in einem anderen Wesen, einem anderen Menschen zu verlieren, sich aufzulösen! Als ob du wüsstest, wie es ist, alleine zu sein…einsam zu sein. Nein! Du, du! Du dort oben auf deinem hohen Ross, ohne Gefühle, ohne Fehler….ohne Stimme!! (Lässt den Arm mit der Waffe in der Hand hängen.) Du weißt gar nichts über uns. Nie wirst du uns verstehen können. Der Rest wird es auch noch begreifen. All diese Kinder da draußen, die noch immer nicht erwachsen geworden sind; ich werde es ihnen beweisen und dir, Gott! Ich werde den Betrug aufdecken. Hier und heute! Hörst du?
(Stille. Keinerlei Bewegung.) Gib mir noch einen kleinen Moment…Verdammt!

Alexej (murmelt): Ich dachte, ich wäre vorbereitet…es fällt mir schwer…wieso nur? Meryem…Es gibt keinen Grund mehr…Vater und Mu…und Mama…Nein…Keinen einzigen mehr…Niemanden mehr…Aber…Nein…sie will dich nicht mehr sehen. Sieh es ein Alexej…Nur noch er und du sind übrig. Nur noch diese eine letzte Tat ist vonnöten. Dieses eine letzte…

Wie von einem fremden Geist beseelt, grinst Alexej breit. Er erhebt sein Haupt und richtet die Waffe an seine eigene Schläfe. Dann schreit er wahnsinnig.): Der Zeitpunkt ist gekommen! Genug geredet Gott! Entschuldige meinen letzten Zweifel. Ich bin bereit. Bereit mein letztes Gebet zu beenden und Gebrauch von der einzigen Freiheit zu machen, die ich habe. Ich ertrage dein Schweigen nämlich nicht mehr. Ich ertrage deine Ignoranz nicht mehr. Deswegen ist dies deine letzte Chance! Hörst du? Ich, Mensch und daher Betrogener, befehle dir, Gott, endlich zu sprechen oder auf immer zu schweigen, hörst du? Nur ein Wort würde mir genügen! Ein Wort! Hörst du? (Alexejs Augen, irre und starr, werden wässrig. Seine Stimme lauter und schriller) Deinen Sohn hast du den Mensch gegeben, aber zu einem Wort bist du nicht bereit? Alle hast du mir genommen. Sie werden mir nicht mehr antworten! Also sprich Gott…Hahahahaaaaaa…Dann ist es also soweit? Gut! Der Augenblick der Gewissheit ist gekommen…

Alexej drückt ab. Wir wiederum verlassen jetzt lieber diese Kulisse, schweigend, auch wenn er es war, der unsere Ruhe gestört hat.

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Von Kamil Tybel
Illustration von Lukas Schepers

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