Die Seele des Moralis

Von Priska Engelhardt

Dichter Wald, bedeckt von Schnee. Jeder Schritt gewinnt durch sein Knirschen an Bedeutung, kurzweilig verewigt durch seinen Abdruck und zu witternden Geruch. Morgenröte treibt ihr malerisches Spiel über den Baumkronen und kündigt den neuen Tag an. Bald schon triumphiert sie wieder, die vertraute warme Wonne von Sonne. Nur selten fühlte sich Moralis so lebendig wie an diesem Morgen, trotz Kälte.
Moralis erreicht sein Ziel und setzt sich hin. Mit zunehmender Regungslosigkeit schleicht sich die Kälte in seine Glieder und Kleider ein, sein Gesicht glüht vor Frost. Die Nase errötet und pulsiert. Die Kälte streichelt teils sanft teils scharf seine Wangen. Unbeeindruckt von der Witterung versucht Moralis sich zu konzentrieren. Es gilt für ihn den Wald und seine Bewohner zu beobachten, ja, jede Regung, jedes Rascheln von Ästen, das teilweise durch das Fallen von geschmolzenem Schnee erzeugt wird, jede noch so kleine vermeintliche Ankündigung von Bewegungen irgendwo im Dicht der Tannen, Buchen und Sträucher zu verfolgen. Denn Moralis befindet sich erstmals auf der Jagd mit seinem Freund Relus. Mitten im Steger-Wald sitzen sie in einem Hochsitz, den Relus, wie er erzählte, selbst vor einigen Tagen restauriert hatte. „Sei still und beweg dich nicht, die Tiere hören jeden deiner Laute und Bewegungen“, warnt Relus Moralis, kurz bevor sie den Hochsitz erklimmen und das über zwei Stunden lange Schweigen beginnt.
Es ist geheimnisvoll, was mit einem Menschen passieren kann, wenn er sich eine Zeit lang voll und ganz der Natur hingibt; wenn er beginnt sich selbst im Ganzen seiner Umgebung zu empfinden, seine Sinne schärft und alle die kleinen Lächerlichkeiten des Alltags ausblendet; wenn er Eins mit der Natur wird. Moralis empfindet besagte Magie. Eine angespannte Gelassenheit kehrt in ihm ein. Er ist angespannt im Kopf, da sie sich auf der Jagd befinden und es mittels Feldstecher regelmäßig einzelne, verdächtige Waldgebiete zu erspähen gilt. Er ist gelassen im Gemüt, da er wiederum über lange Zeit nur da sitzt, das dargebotene Naturschauspiel beobachtet und es dabei einfach geschehen lässt. Viele Gedanken laufen ihm zu – neue und alte. Er beginnt mit sich selbst, seiner derzeitigen Situation,  seinem Sein und seinem Leben; zunächst im Konkreten, anschließend im Allgemeinen. Bald schon gelangweilt, widmet er sich aktuellen, gesellschaftlichen Themen zu. Reichensteuer, Asylpolitik, Kriege, oder in Anbetracht der langsam triumphierenden Kälte, Obdachlosigkeit. Zu seiner Überraschung findet er erstmals klaren Durchblick, kann deutlicher Sehen und sich eindeutiger positionieren. Die Ruhe der Natur gibt ihm das, was ihm fehlte: Den Bezug zum Wesentlichen und die Zeit, um diesen zu verstehen.
Zwei Stunden vergehen. Moralis sehnt sich bereits nach dem Ende, doch dann geschieht es. Wie durch Zauberhand geführt, tauchen drei Rehe durch das Baumdicht auf. Moralis stockt. Die Bewegungen der Rehe kamen ihm niemals so lebhaft vor. Er greift rasch zum Feldstecher und beobachtet sie aus der Nähe. Jedes Geräusch, jedes Kauen, jedes Krümmen der Ohren, jeder Schritt ist ihm bemerkbar. Alles erscheint ihm unfassbar besonders. „Gleich kann es vorbei sein“, geht es ihm durch den Kopf. Bei genauerer Betrachtung der Tiere, beginnt er über ihr Leben nachzudenken, über ihren Weg bis zur Lichtung, bis zum Visier und Rohr des Gewehres, welches Relus auf eines der Tiere justiert. Drei Kumpels, die sich gemeinsam durch den Winter schlagen und dabei nichts ahnend von der Welt, dennoch ein Teil des Wunders dieser Welt sind, nämlich lebendig. Moralis weiß nicht, welches Tier Relus anvisiert. Die Sekunden vergehen wie Gezeiten. Die Anspannung verwandelt sich bereits von nahezu unerträglicher Starre zu allmählich vertrauter Ruhe, als Relus einen kurzen, lauten Pfiff von sich gibt. Die Brust hebt sich und Moralis erschreckt, genau wie die drei Rehe. Sie alle starren auf Relus und sein Gewehr. Ebbe und Flut, Sonnenaufgang und –untergang vergehen in den drei Sekunden der Starre, bis ein Schuss die Gesetzmäßigkeiten der Zeit zurückbeordert und die Tiere fliehen lässt.
Ein lautes Piepen klirrt im Ohr des Moralis. Er vergaß sich die Ohren zuzuhalten und fühlt sich durch den stechenden Ton benommen. Er hat nur einen Gedanken: „Hat er getroffen? Nein, es ist ihm entwischt! Oder?“ Langsam greift er zum Feldstecher und begutachtet die Stelle, an der vor kurzem noch die Rehe grasten. Ein rot-weißer Kontrast offenbart sich im Schnee. Ein Volltreffer genau durchs Herz, wie sich später herausstellen soll. Um das verwundete Tier nicht aufzuscheuchen, warten die beiden eine Weile, bis es endgültig stirbt. Moralis fühlt – Leere. Nichts. Gerade noch Teil der Natur, sich verlierend im Anmut der Tiere, voller Empathie und Zuneigung, erscheint ihm der Tod eines der Rehe plötzlich normal, als würde es durch seinen Tod den Anspruch an das Magisch-Lebendige verloren und dadurch zum altbekannten Stück Fleisch verwandelt. „So ist es eben“, fährt es leise aus ihm heraus.
15 Minuten später, nach kurzer Wartezeit und gemächlicher Verfolgung der Blutspur, lesen sie das tote Tier auf. Es ist das Jüngste der dreien. Moralis, der während der ganzen Zwischenzeit nie wirklich begreifen konnte, zieht sich seine Gummihandschuhe an und hilft Relus das Tier zum Wagen zu tragen. Beim Griff an die Hinterbeine durchzuckt es ihn. Es ist wie eine Begegnung mit dem Tod persönlich; ein gerade noch lebendiges Tier, graziös und naiv, verwandelt zu einem regungslosen, weiterhin geschmeidigen, toten Körper. Nicht die Vorstellung, nicht der Anblick, erst die Berührung schafft Mitgefühl in Moralis Seele. Erst das kalte Hinterbein des jungen Rehes, dünn und haarig, reißt seine Schutzmauern, die Behüter seiner Ignoranz, ein und lässt ihn Fühlen. Er wird still.
Angekommen an einer Hütte, nicht weit vom Hochsitz entfernt, hängen die beiden das Tier an seinen Achillesfersen auf. Relus beginnt es aufzuschneiden und auszunehmen. Er geht dabei sehr behutsam vor, da er keine Innereien verletzen will, die das Fleisch dadurch verschmieren und ungenießbar machen könnten. Moralis sieht nur ungläubig das Tier an und muss zwangsläufig an die menschliche Anatomie denken. Die vielen Ähnlichkeiten von Herz, Darm und Galle über Nieren und Lunge stimmen ihn verstärkt nachdenklich. „Ein Lebewesen wie ich, rechtens ermordet, da ich Fleischfresser bin. Unser bedeutendster Unterschied: mein selbstreflektierender Verstand.“
Welch Ironie, wo ihm der Mensch oft als ein durch die Umgebung und Epoche determiniertes, mutloses Subjekt erscheint und ihn aber doch einzigartig in seiner Widersprüchlichkeit fasziniert.  „Sind sie nicht Lächerlich: all die mit einer Selbstverständlichkeit als wichtig erachteten Dinge des Alltags?“, schießt es Moralis durch den Kopf. „All der Aufwand für die stolze Unabhängigkeit und guttuende Anerkennung angesichts der Kürze des Lebens. Wie viel Ärger und Unmut allein im täglichen Beruf, nur wegen Nichtigkeiten.“ Zumal beobachtet Moralis Menschen weniger von bewussten Entscheidungen geleitet, als vielmehr vom Zufall und Trieb, vom Unterbewusstsein. Schon häufig hatte er das Gefühl, die Gesellschaft sei eine aufgescheuchte Herde, die selbst mit verträumten Rehaugen auf ihr Smart-Phone schaut. „Selbstreflexion begrenzt sich auf die eigene Wirkungskraft im Internet, die fiktive Ich-Marke als synthetischer Magnet für Respekt, Auszeichnung und Beifall; alles mit erkünsteltem Beigeschmack. Entrissen von der fiktiven Welt, wechseln sie spielerisch in ihre zahlreichen Rollen und entpuppen sich dabei als schlechte Schauspieler. Ganz instinktiv vollzieht sich die Anpassung an die Leitfiguren der jeweiligen Umgebung, schlichtweg um nicht anzuecken und in der Hoffnung reibungslos in der Hierarchie der Anerkennung aufzusteigen. Das Leben als künstliches und lächerliches SchauSPIEL. Eine verrückte Komödie.“
Seine Gedanken unterbrechen abrupt. Es ist ein kurzer Anblick, der ihn noch lange Zeit verfolgen soll. Als Regus alle bereits losgelösten Innereinen des Körpers herauszieht, ist das letzte Stück ein Schlauch – die Luftröhre – ausgehend von der Lunge, der bis zum Mund des Rehes verläuft. Der Kontrast vom so vertraut und menschennah wirkenden Gesicht des Tieres zum aufgeschnittenen Leib samt Innereien, zeigt sich Moralis nun in seiner schonungslosen Deutlichkeit. Dieser Anblick verfestigt sich in seinen Erinnerungen; er wird gezeichnet.
Am Abend, zurück in Relus kleiner Wohnung, wird Rehrücken mit Kartoffelklößen, eingebettet in Champignon-Soße, serviert. Moralis fühlt sich kraftlos und bedrückt. Der Ablauf des Tages, die erfahrene Realität, das Verständnis dafür, was es bedeutet Fleisch zu essen, ist ihm neu. Die fehlende Kraft und Müdigkeit macht ihn mutlos. Gefügig entscheidet er sich dazu, es zu essen. Er beißt ins Fleisch und der Genuss lässt ihn Dankbarkeit empfinden. Er fühlt sich dem Leben näher.
Zurück in seiner Heimat, Moralis war nur zu Besuch auf dem Land und stammt ursprünglich aus der Großstadt, begibt er sich zum Einkaufen in einen Supermarkt. Beim routinierten Schlendern durch die Regale verhaftet sein Blick primär auf Preisen und speziell auf Sonderangeboten. Das Fleischregal bietet ihm heute 8 Scheiben Schinken für nur 1,19€. Eigentlich wollte er nur Käse, doch mit scheinbar gebrochenem Willen greift er zu: das Gefühl von kaltem Plastik – es schaudert ihm. Er betrachtet die Verpackung und seinen Inhalt, sieht vor seinem geistigen Auge das lebendige Reh und den erfahrenen Kontrast von Gesicht und Eingeweide. Sein Blick wandert zu einem Spiegel an der Decke. Er sieht sich in einer Halle vor einem übergroßen Kühlschrank stehen. Er selbst erscheint sich stumpfsinnig. Moralis betrachtet die Verpackung und seinen für den Menschen perfekt portionierten  Inhalt. Er legt den Schinken zurück und begibt sich zügig zur Kasse, um den ausgesuchten Käse zu bezahlen. Angewidert sieht er unterwegs 100g Jogurt in Hartplastikverpackung, 1L Fruchtsäfte im Tetra-Pack sowie 6 Bockwürste im Glas in den Regalen stehen. Alles rotmarkiert im Angebot, um Käufern erkünstelte Kaufwünsche einzureden. Zuhause angekommen legt sich Moralis erregt auf sein Sofa. Er schaut aus dem Fenster und betrachtet das Wolkenspiel am Himmel. Er beruhigt sich … Er begreift … Er dankt … Und es fährt aus ihm heraus: „Verdammt sind wir weit weg von der Natur“.

Von Andreas Bill

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