Die Psyche des D.

 

< … Es ist heiß … Anhalten! Ich fühle mich gefangen in einem Käfig ohne Gitter. So kann es nicht weitergehen. Ich will Erklärungen statt Verklärungen. Warum? … Ich schätze die Wahrheit weit mehr als die Lüge.
All die Verheißungen, die uns vertrösten, all die Beteuerungen, die uns für die Zukunft aufsparen: Trugbilder der Bequemlichkeit. Ich will mich nicht bequemen. Ich will mich nicht den Launen des Augenblicks ergeben, nein; Ohnmacht. Das Leben passiert; en passe, wie die Uhr: tick-tack-tick-tack! Das Vergangene ist geschrieben, tote Erinnerungen, das Kommende nicht, ungeborene Erwartungen; nichtig.
Existenz wohnt der Kraft des Augenblicks inne. Im Hier und Jetzt. In Augenblicken schlägt mein Herz. Im Präsenz. In der Gegenwart. Sie bewegt. Sie gestaltet. Sie verändert. Sie versetzt. Sie erhitzt. Sie pulsiert. Sie ist unmittelbar. Sie ist verfügbar. Sie ist präsent. Anwesend.
Mache ich mir die Kraft zu Eigen, bin ich der Autor meiner Zukunft. Lasse ich mich treiben, bin ich die fahle Tinte meiner Vergangenheit; oder der Spielball der Laune. Ein Produkt der Willkür. Ein Willkürakt. Doch: Mein Wille, meine Freiheit – losgelöst vom Alltagstrance. Ich habe es satt im Konjunktiv zu denken.
Ich frage ‚Warum‘, weil ich nicht glauben, sondern wissen will. Im Grunde sollte ich jeden Tag mindestens eine Frage mit ‚Warum‘ formulieren; dann bemüht sein, sie zu beantworten. Das Ergebnis steht hinter dem Prozess.
Warum arbeite ich? Warum rauche ich? Warum kaufe ich mir das neueste Smartphone? Warum die neuen Sportschuhe? Warum kann ich mir jederzeit jedes Gut per Mausklick besorgen? Warum andere nicht? Warum habe ich Freunde? Warum Menschen, die ich liebe? Oder andere, die ich mehr oder weniger sehe, aber nicht einmal grüße? Oder wieder andere, die Leid anrichten? Warum gibt es Hunger? Warum duldet man Ungerechtigkeiten? Warum sind Wenige reich und Viele arm bei so viel Reichtum? Warum werde ich überwacht? Warum lese ich? Warum liege ich hier? Warum atme ich? Warum denke ich? Warum bin ich? Ich zweifle … ja. Offensichtlich.
Ich tue es nicht, um mich in Ungewissheit zu wiegen; weder aus Verwirrung noch aus einem sonst gearteten Durcheinander. Ich bin nicht destruktiv. Unruhe wächst in mir ohnehin. Jedes Mal, wie wenn man einen schweren, roten Bühnenvorhang aus Samt fallen lässt. Ich erwarte dann eine Vorstellung, ein Abbild der Realität, sehe aber lediglich eine Probe desselben. Manchmal ein Schimmern. Manchmal nichts. Ich frage, um keine Lebenslüge leben zu müssen. Ich zweifle und zweifle, zerstöre alles im Zweifel bis es nichts mehr zu zweifeln gibt. Man kann sich nur von der Welt losreißen, wenn man fragt; wenn man Dinge in Zweifel zieht. Dann, ja dann, nach all dem Zweifel, erbaue ich all meine Folgegedanken auf Gewissheiten. Das ist kein intellektuelles Glasperlenspiel. Das ist Selbstbestimmung. Selbst-denken. Meine Revolte.
Auch Fremdem, Unbekanntem möchte ich mich nicht verschließen. Will ich etwa ein Feigling sein? Nein! Oder mich verachten? Niemals! Will ich Abschottung? Keinesfalls! Alles andere würde in Diskriminierung münden. Sie ist absurd; eine Schublade mit doppeltem Boden. Sie ist der Aberglaube der Einäugigen. Wer die Wahrheit schätzt, begnügt sich nicht mit Vorurteilen. Vorurteile sind der Notbehelf persönlichen Versagens. Ein Armutszeugnis! Wer bewusst lebt, lebt frei … > D. öffnet die Augen. Er sieht eine Wolke über die Sonne wegziehen. Er richtet sich auf und sagt halblaut: „Alles liegt in meiner Hand.“

Zeichnung: Von Priska Engelhardt
Text: Von Mesut Bayraktar

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