Die Psyche des D. I

Fünf Uhr. Der Morgen bricht allmählich an. Die Vögel besingen sein Kommen. Hähne sind nicht zugegen – sie sind auf dem Land, nicht in der Stadt. Die Morgendämmerung schleicht sich beständig heran. Unentrinnbar verbreitet sie sich. Der Dunstkreis der Sonne ist bereits zu riechen, die Sonne selbst aber noch nicht zu sehen. Trotzdem, es ist kalt. Die Frühlingskälte weht durch die Straßen und überzieht die Stadt. Die Luft ist fahl. Der Boden ist feucht. Dann und wann pfeift der Wind.
D. liegt im Bett. Seine Augenlider sind noch geschlossen, gleichwohl er bereits wach ist. Der Wecker klingelt. Nun öffnet er die Augen, schiebt die Decke von seinem Körper und die Wärme verflüchtigt sich im Nichts. Er steht auf. Nach der allmorgendlichen Prozedur, die seinem Fleisch gewöhnlich und unablässig geworden ist, geht er ans Fenster der kleinen Küche. D. verzichtet auf das Frühstück, wie stets. Er gießt sich Kaffee in eine Tasse. Ohne Zucker. Ohne Milch. Schwarz. Ein Aschenbecher liegt auf der Fensterbank, daneben ein Krokus, violett und verwelkt, in einem dunklen, schmalen Glas. D. zündet sich eine Zigarette an und schaut aus dem Fenster einer Buche entgegen.

< Dieser Baum, hat so viel Ruhe. Seine Aufgerichtetheit, seine Festigkeit … könnte ich nur … unmöglich. Was ich kann. Was ich will. Was ich soll. Ich weiß es nicht! Warum tue ich mir das an? Dieses Selbst-Denken. Vielleicht, weil ich launisch bin, vielleicht aber auch, weil ich mich zufällig fühle – irgendwie gelähmt und verzahnt. Vielleicht drückt sich meine Zufälligkeit mit meiner Laune aus, vielleicht auch mit dem Zucken meiner Lider. Manchmal werden meine Lider bleischwer. Doch ich bemühe mich. Ich sehe in die Ferne; kein Horizont. Ich sehe nichts. Nicht einmal Liebe. Nicht einmal Glück. Nur Zerfahrenheit. Einige Menschen umherirren. Viele nette Menschen und viele nette Feiglinge. Jenseits der Menschen, Stille. Kann man die Stille mit Worten beschreiben?
Ich lebe zufällig hier. Ich bin zufällig Waise. Meine Mutter ist zufällig gestorben, als ich noch sechs war. Zufällig habe ich meinen Vater getroffen, als er noch lebte. Ich heiße zufällig D. Ich kenne zufällig M. Ich bin zufällig Gießer. Ich habe zufällig ein Smartphone. Ich gucke zufällig Fußball. Ich lese zufällig Bücher; gelegentlich Zeitung. Und ich bin zufällig Raucher. Ich habe zufällig schwarzes Haar. Zufällig eine überdurchschnittlich große Nase, zufällig eine durchschnittliche Körpergröße. Ich schaue in den Spiegel und sehe: Ich bin zufällig ich. Wenn ich nicht zufällig bin, wer bin ich dann? Warum bin ich dann ich? Ich kann mir das nicht erklären. Es ist so … Ich bin ein Zufall. Die Geburt ist ein Zufall. Nur der Tod ist ein Fakt; gewiss. … Der Zufall ist lau und schlaff. Er ist weder kalt noch warm. Er ist grau. Er ist gewichtig. Nüchtern. Fad. Durchsichtig wie ein Fenster. Undurchdringlich wie ein Stahltor ohne Schlüsselloch. Opak und unzugänglich. Der Zufall verbittert. Jedes Mal, wenn man die Augen schließt, läuft er dem Nacken herunter. Diskret und Schauderhaft. Unangekündigt. Er ist wie Treibgut in der unendlichen Weite des Meeres. Hm … Es ist so, als läge ich in einem Becken ohne Ränder, voll mit Wasser und der Abfluss ist verstopft. Ich muss Schwimmen, in der Not, nicht untertauchen zu müssen. Ich will es nicht. Untertauchen! Auf den Grund des Bodens. Da, wo es dunkel ist. Da, wo ich nicht mehr sehen und nicht mehr atmen kann. Da, wo die tödliche Stille lauert und ich zum Kadaver werde. Ich will nicht gefressen werden. Die Wasseroberfläche ist nicht tröstlicher, nicht erträglicher. Nur lebenserhaltend. Hier kann ich atmen. Immerhin. Hier kann ich ausharren. Mein Herz verlangt es. Es ist darauf erpicht, zu atmen. Es kann nicht anders, wenn es muss. Es ist seine Notwendigkeit. Auf der Oberfläche des Wassers schwimmen Objekte, unbestimmte Gegenstände, Schutt und Schmutz. Unaufhörlich tropft allseitig und allmählich Wasser ins Becken. Der Pegel steigt. Wasser perlt meinem Gesicht herunter, aber es riecht wie getrockneter Schweiß. Es stinkt. Ich will den Abfluss befreien. Den Damm brechen. Den Dreck wegspülen. Diesen elenden Zustand beseitigen. Ich weiß nicht warum, doch irgendetwas in mir verlangt es; Aber wie – Wie soll ich den Abfluss befreien, da ich mich doch ‚oben‘ halten muss? Da ich nicht untertauchen darf? Dazu bleibt keine Zeit. Ich kann nicht denken. Ich darf nicht denken. Nach Lösungen denken ist tödlich. Ich muss Schwimmen. Das hält mich an der Luft. Macht mich nicht zum Kadaver. Unerträglich.. Nein, das habe ich mir nicht ausgesucht. Der Zufall ist alles das, was unergründlich ist, aber seine Gründe hat. Hm … vielleicht habe ich das auch nur geträumt. Belanglos. Ja! – Eine Seifenblase, die in der Leere schwebt, aufsteigt, absteigt und nicht platzt.
Aber trotzdem, der Zufall. Lastet er nicht auf mir, sobald ich über mich denke? Alles, was ich nicht entscheide, entscheidet der Zufall für mich … Ich muss mich bilden. Mich schaffen. Einen Widerstand bilden. Etwas bilden – den Zufall bezwingen. Mich von ihm lösen, losreißen. Ich kann von ihm nicht wegrennen. Er wird mich immer einholen. Er ist mein Aufseher und ich bin sein Gefangener. Er gehört zu mir, wie der Schatten unterm Sonnenlicht meinem Körper gehört. Bei Nacht ist mein Körper meinem Schatten ergeben. Bei Tag ist der Schatten ein Abwurf meines Körpers. Unter einer Glühbirne ist mein Schatten kaschiert, verborgen. Künstliches Licht kokettiert. Ich muss den Zufall erkennen. Ich muss ihm in die Augen sehen. Ich muss mich dem Zufall stellen. Er macht mich zu seinem Instrument. Ich muss ihn zu meinem Werkzeug machen. Er bearbeitet mich als Material. Ich muss ihn zu meiner Freiheit verarbeiten. Ich muss mich bilden, damit ich imstande bin, etwas zu bilden – damit der Zufall mich nicht missbildet. Ich muss mich bilden, wie ein Puzzle sich vom unvollständigen Mosaik zum vollständigen Bild erhebt. Stück für Stück setzt es sich zusammen und bildet sich zu einer vollkommenen Einheit. Zu einem Bild. Dann hat es Ausdruck. Oder wie ein Baum, der sich bildet. Mit aller Geduld und Erhabenheit schließt ein Samen die nötigen Erdmineralien über Naturzyklen hinweg in sich zusammen und bildet sich zu einer vollkommenen Einheit: zu einem Baum, zu einem Ausdruck. Ich muss gebildet sein. Im doppelten Sinne des Wortes: Wissen, um erkennen zu können. Schaffen, um sein zu können. Bild-ung; ein großes Wort. Mich bilden heißt, mich kennenlernen. Mich schaffen heißt, mich bewusst machen. Selbstbewusstsein, also! Bewusstsein. Sein. Sein? … Pah.
In welcher Zeit leben wir, dass Geld über Bildung entscheidet? Dass Wirtschaft über Bildungsgrenzen wacht? Dass Reichtum den Bildungsstand bestimmt und Armut denselben begrenzt, gar ausschließt? Dass das Elternhaus den Bildungsweg vorzeichnet? Dass Leistung, wo sie doch – da oder hier – „leichter“ abzurufen ist, den Bildungsgrad erhöht? Dass Bildungsgut geldwertschöpfend sein muss? In einer Zeit, die Dummheit braucht, damit es Reichtum gibt.
Da fällt mir etwas ein, was ich neulich las: Vor ca. 5000 Jahren sind die ersten Schriften in Mesopotamien entstanden.
Ja, ein gewaltiger Vernunftakt. Was eine Anstrengung! Die erste Sprache, die zu lesen und zu schreiben möglich war. Die erste Sprache … Irgendwo im Irak … Irgendwo im Nahen Osten. In dieser Wüste, die verwüstet ist; die Tag ein Tag aus zerbombt wird. Meist mit Waffen aus der westlichen Welt. Aus dem Okzident. Aus Europa. Aus Deutschland. Aus Frankreich. Der Wahnsinn. Debil! Irgendwo da ist die erste Sprache entstanden. 5000 Jahre danach gibt es immer noch fast `ne Milliarde Analphabeten. Wie kann das sein? Wieso? Weil man Dummheit braucht, damit es Reichtum gibt.
Lesen und Schreiben – Unabhängigkeit. Der erste Schritt zum „Warum“. Der Beginn der Befreiung. Eine Erhebung. Der Gang zur Menschheit durch sich als Portal. Sonst ist der Charakter mangelhaft. Sonst verdirbt man wie ein Apfel auf kahlem Boden liegend, der von Würmern durchlöchert wird. Da gibt es nichts weiter zu erklären. Nein. Lasst es. Ich will keine Erklärung. Keine Beschwichtigung. Keine Apologie, Rechtfertigung oder Legitimation. Immer dieses Räsonieren, aber nichts tun. Dieses Schwätzen. Dieses Mitgefühl und Beten. Dieser Trost. Das Beklagen und Besaufen. Diese Überhebung und diese Inszenierung. Diese Anmaßung. Immer diese Laberei. Ich hasse Menschen, gar Intellektuelle, die alles zu verstehen vorgeben, um nichts tun zu müssen. Das sind keine Intellektuellen. Das sind Schmarotzer, Blutsauger, Denunzianten. Und wenn sie Offensichtliches zu erklären versuchen, was nicht der Erklärung bedürftig ist: Ausbeuter.
Mut; ja, mutig muss ich sein. Der Zufall ist beharrlich. Er lässt nicht locker. Um mutig sein zu können, muss ich was tun – Mut zur Tat haben; sonst phantasiere ich, sonst ist alles wertlos, sonst ist alles Gerede, sonst ist alles faul. Das korrumpiert. Was sind Gedanken wert, wenn ich nichts tue? Ich bin, was ich tue. Kein Gedanke hat Bedeutung, solange er nicht zur Tat wird. Geduld. Disziplin. Fleiß. Und Herz. Ich kann mich der Zukunft abtreten; jawohl – doch was verspricht mir die Zukunft? Ja, sie kann nur versprechen und das war’s. Obendrein versucht sie tröstlich. Sie ist eine Fata Morgana. Ein toter Stern, dessen Schein im unendlichen Raum umherirrt, weil ihm die Einsicht in die Rückkehr zu sich selbst fehlt. Zum Jetzt! Wer zukünftig lebt, ist feige gegenwärtig zu sein.
Auf die Zeit ist kein Verlass; sie ist unverlässlich. Sie ist der Treibstoff meines Zufalls. Was ich heute nicht weiß, das weiß ich nie. Was ich heute nicht tue, das tue ich nie. Niemals. Dann schiebe ich nur auf. Aufschub. Ich verschränke meine Arme und hege Hoffnung. Hoffnung worauf? Auf die Güte meines Arbeitgebers. Auf Lohnerhöhungen. Auf die Liebe oder eine bessere Zeit. Auf ein Ereignis in der Zukunft. Oder auf etwas Unbestimmbares in kommender Unbestimmtheit. Dann müsste ich ja beten. Klug bin ich nicht, aber dumm genug, um zu wissen, dass die Dinge an mir und den Menschen liegen – Nicht an Gott! Ich weiß, wie die Verantwortlichkeit riecht. Ich weiß auch, wie eine Tat schmeckt. Ich kenne die Ahnung, wenn man sich seine Realität schafft. Ich bin Gießer. Das verschmolzene Metall liegt in meiner Hand und seine feste Form geht von meinen Händen aus. Hoffnung … Hoffnung ist, mit Gepäck und Fahrschein an einem Bahnhofsgleis auf einen Zug warten, der fortwährend angekündigt wird und nie kommt. … Jetzt müsste ich anfangen, jetzt kämpfen. Nicht gegen Jeden. Sondern für Jeden. Jetzt! … Denke ich an Anfang, drückt die Mühsal derer auf mir, die sich im Luxus zu wertvoll zu sein scheinen, um …; zum Teufel! – Nutznießer und Privilegierte: Individualisten.>

Unter dem Glas, in dem sich die Krokus befindet, liegt ein Stück zerrissenes, mit Tinte beschriebenes Papier. Das Gekritzel der Wörter verrät, dass sie unter heftiger Erregung und Unruhe geschrieben wurden. D. hebt das Glas an, um das Stück Papier in seine großen, fleischigen, zerfurchten Hände zu nehmen …

„Bilde dich,
Damit du imstande bist, etwas zu bilden.
Ermahne dich,
Damit du imstande bist, nicht zu erblinden.
Erfinde dich,
Damit du imstande bist, Neues zu erfinden.
Schließlich und für jeden Gang unerlässlich;
Glaub‘ an dich,
Damit du imstande bist, Lügen zu ergründen,
um dich zu begründen.

Ich muss verantwortlich sein, damit ich werde. Ich will werden, damit ich sein kann. … „

D. drückt die bis zum Anschlag des Filters gerauchte Zigarette aus. Er schaut auf die Uhr. Viertel vor sechs. Er muss zur Arbeit. Frühschicht. Die Gießerei verlangt es. Der Arbeitgeber zahlt sonst nicht. Der Bäcker will Geld und der Magen will Brot. Er legt sich seinen dünnen, grauen Mantel um, öffnet die Haustür und geht auf die Straße.

 

Von Mesut Bayraktar

 

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