Die Katastrophe des Einzelnen

Der Regen dauert den ganzen Sonntag an. Gegen Abend, während einer kurzen Unterbrechung der äußerst ergiebigen Schauer, nutze ich die Gelegenheit, um den Duft der feuchten Straßen zusammen mit dem Eindruck ewiger Tristesse des grauen Himmels einzusaugen. Ich gehe aus dem Haus und trabe die Straßen entlang, während die Sonne sich als weißer Fleck hinter den bleiernen Wolken erahnen lässt. Die Spitze des schwarzen Regenschirms streift durch die Pfützen und verzerrt ihre Spiegelung. Um die Ecke befindet sich eine Notunterkunft für geflüchtete Menschen. Langsamen Schrittes kommt mir eine Frau aus der Einfahrt entgegen. Sie hat mit ihrer augenscheinlich schweren Reisetasche zu kämpfen, die arg an ihrem verrutschenden, bunten Kopftuch zerrt. Ihr gequälter Blick trifft Meinen, bevor er sich reflexartig und in Demut auf den Boden richtet.
Wie sie in ihrem kargen Zimmer gesessen haben muss, den ganzen verregneten Sonntag. Abwechselnd ihre Habseligkeiten zusammensuchend, verstauend und aus dem Fenster blickend. Den Tropfen an der Glasscheibe wie den Tränen auf den Wangen ihrer Geliebten folgend. Zweifellos weint sie selbst viel. Wo will sie wohl hin? Hat sie endlich eine passende Wohnung gefunden, oder ist ihre bisherige Unterkunft nicht zu ertragen? Läuft sie der Zukunft entgegen oder der Vergangenheit davon?
Wo wohl ihre Gedanken waren? In Homs, in Damascus oder vielleicht doch in Baghdad? Möglicherweise auch in Kabul. Wir sehen brennende Heime, brennende Städte, brennende Gemüsehändler. Schmetterlingseffekt. Chaos. Das Feuer greift um sich. Der Bruder ist tot, die Tochter verschwunden, Eltern zurückgeblieben. Eine willkürlich erscheinende Kraft raubt den Menschen ihre Heimat. Diese Kraft ist der Katalysator ihres Hasses. In der diffusen Welt kann man den Krieg kaum auf einen oder zwei Gründe zurückführen. Und wenn man sich fünf gute Gründe zusammengesucht hat, stehen diese auf einem wackeligen Fundament, da sie sich dem Verständnis vollkommen entziehen. Was sicher bleibt, sind die Schäden, die Lasten, die jeder für sich allein trägt. Es sind die Wunden, die so tief sitzen, dass sie niemand wirklich erreichen kann, um ihnen die nötige Heilung beizubringen.
Der Krieg muss in all seinen individuellen Katastrophen begriffen werden, um sein gesamtes Ausmaß erfassen zu können.
Wenn man sich den Konflikten in diesem Sinne nährt, läuft man Gefahr in tiefe Trauer gestürzt zu werden. Man ist, in Nietzsches Worten, das Meer, in dem all die Strömungen münden. Die Ignoranz der Hetzer wird einem umso schauderhafter, desto weiter man sich der Empathie den physisch, psychisch, mental-seelisch Verwundeten gegenüber hingibt; je mehr man aufrichtig mit ihnen leidet. Nichtsdestotrotz ist dies ein Weg zum aufrichtigen Pazifismus, denn nichts ist so schrecklich wie die Katastrophe des Einzelnen – wohl ausgelöst durch die Gier der Vielen.

Prosa und Illustration von Lukas Schepers, 12.Juni’16

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