Die Brücke

„Endlich! Nur noch ein Stück und ich habe es geschafft, es endlich geschafft!“
Abgerissen und erschöpft lächelte Njaa innerlich. Auf seiner Reise hin bis zu diesem Punkt, hatte er viele Hürden nehmen müssen. Oft war er dem Aufgeben nah, doch nun befand er sich auf dem Endspurt und eine längst verlorene Kraft kroch seinen Gliedern empor. Dies muss die Brücke sein, von der ihm berichtet wurde. Ein mächtiges Bauwerk. Sie war viel, viel breiter als alle Straßen, die er zuvor passierte und ihre Länge vermochte er nicht einzuschätzen, denn bis zum Horizont war kein Ende in Sicht. Nur grau-schwarzer Beton und Menschen, viele Menschen, mehr als Njaa je in seinem ganzen Leben gesehen hatte. Sie waren aus demselben Grund hier wie er, darin lag kein Zweifel. Er konnte es ihren Gesichtern ablesen. Gesichter, die von Strapazen und Leiden erzählten, die ihre brennende Hoffnung und erdrückende Verzweiflung offenbarten, aber vor allem sah er, dass ein jeder von ihnen fürchterliche Angst hatte, was nicht wunderte, denn ein Mensch ohne Heimat, ohne Schutz, ohne Gewissheit, lebt in ständiger Gefahr, jenes wusste Njaa.
Er verlor keine Zeit und betrat mit seinen nackten Füßen, den von der Sonne erhitzen Beton. Auch wenn die Brücke eine unwahrscheinliche Breite maß, war nur ein kleiner Abschnitt für die Wanderer reserviert. Die Fußgängerzone, wenn man sie so nennen will, gewährte gerade mal Dreien nebeneinander Platz zum Laufen. Der Rest war befahren von riesigen Fahrzeugen, größer als die LKWs, die Njaa nahe den Fabriken gesehen hatte, welche zuhauf im Umland des Brückenanfangs vorzufinden waren. „Entschuldigung!“, wandte sich Njaa an einen neben ihm Laufenden, „Wissen sie vielleicht was das für Fahrzeuge sind? Ich hab so große LKWs zuvor noch nie gesehen.“ Das Gesicht des Mannes war eingefallen und eine lange Narbe zog sich über seine rechte Wange. Er schaute Njaa ausdruckslos entgegen, so als ob der Junge gar nicht da wäre. „Das sind die Transporter“, antwortete er matt, „die bringen alles Mögliche auf die andere Seite. Weiß der Teufel, was da so alles drinsteckt. Aber wen interessierts? Ich werde sowieso nie was davon zu Gesicht kriegen!“
„Wieso nicht? Sie sind doch auch auf dem Weg zur anderen Seite. Da fahren die doch hin, oder nicht?“, erkundigte sich Njaa. „Ja, da fahren die hin, wohin auch sonst!“, der leblose Blick des Mannes schien den Jungen nun das erste Mal wahrzunehmen. Ein Anflug von Zorn machte sich in seinen Zügen breit. „Jetzt sei still. Ich brauche meine Kraft zum Laufen und nicht zum Reden“, zischte er. Njaa, etwas erschrocken und verwundert über den plötzlichen Ausbruch, beschleunigte seinen Schritt. Während er Distanz zwischen ihm und dem Unbekannten aufbaute, spürte er noch lange seinen Blick im Rücken hängen. Den Rest des Tages vermied er es mit anderen ins Gespräch zu kommen.
Als schließlich die erste Nacht anbrach, kam der Menschenstrom nach und nach zum Stehen. Klug waren jene, die sich schon früh einen Platz zum Schlafen auf dem dreckigen Betonboden gesucht hatten, denn jene die damit noch warteten, fanden sich selbst in kürzester Zeit auf einer Straße aus Menschen wieder, die keinem mehr auch nur ein Fleckchen Asphalt überließ. Njaa, unerfahren und naiv wie er nun mal noch war, nahm sich den nahenden Stillstand zu seinen Gunsten zu nutzen und so lange zu laufen, wie es seine Kräfte ihm erlaubten. Aber als er sah, dass immer mehr und mehr auf dem Boden Platz nahmen, um zu kampieren, und der Weg immer beschwerlicher statt leichter wurde, da er ja über die ganzen Liegenden hinweg steigen musste, die sich deswegen immer murrend beklagten, da verstand er, dass sein ehrgeiziges Vorhaben im Gegenteil münden würde. Und so kam es, dass Njaa sich selbst stehend am Geländer wiederfand. Vorsichtig versuchte er sich niederzulegen, aber sogleich prasselten allerlei Flüche auf ihn herab. Da keiner gewillt war ihm Raum zur Rast zu schaffen, versuchte er sich möglichst bequem am Geländer zu positionieren. Ohne Erfolg.
„Hey! Du da!“, erklang eine energische Stimme aus der Dunkelheit, „Ja, du! Komm her, hier ist noch Platz.“ Verwundert schaute sich Njaa um, bis er die Herkunft des Rufes ausfindig machen konnte. Die Einladung stammte von einem jungen Mann, wahrscheinlich ähnlichen Alters wie Njaa. Er fuchtelte wild mit den Händen, um seinem Angebot verstärkt Ausdruck zu verleihen. Njaa zögerte nicht lange und stieg vorsichtig über einige Schlafende hinweg. Während er sich näherte, sah er seinen Gönner lächelnd mit einem verärgerten Mädchen, ebenfalls seinen Alters, wie er vermutete, diskutieren. „Pepe! Was machst du da, hier ist kaum genug Platz für…“
„Ja, ja. Ist ja gut meine schöne Blume“, unterbrach er sie, „Wir müssen nur etwas enger zusammenrücken. Das macht dir doch sicher nichts aus. Und sieh mal die schönen Sterne über uns, wir sollten das….Ah, da bist du ja. Komm her, hier her. Setz dich!“ Njaa bemerkte den Ärger, der grimmig dreinschauenden Schönheit. Es war ihm unangenehm, denn wir er richtig befürchtete, war er der Auslöser ihres Unmuts. „Keine Sorge“, stoß Pepe hervor, der Njaas Unsicherheit bemerkte, „die schaut öfters so. Los setz dich endlich und lass uns einander vorstellen. Mein Name ist Pepe Garcia Gustavo und das ist die schöne Karima Isabella Torro. Wie ist dein Name mein Freund?“ Freudig streckte er ihm seine Hand entgegen. „Mein Name ist Njaa, einfach Njaa“, sagte der junge Reisende schüchtern und ergriff die ausgestreckte Hand. Pepes Griff war fest und zeugte von aufrichtiger Herzlichkeit. „Ich danke euch so sehr für eure Einladung und hoffentlich mache ich euch keine allzu großen Umstände. Sollte ich stören, so kann ich auch wieder zurück an mein Geländer“, verlegen wandte Njaa seine Augen auf Karima, während er seine Worte sprach. „Schon gut, jetzt bist du ja sowieso schon hier. Setz dich endlich.“
„Ruhe dahinten!“, schrie ein Umliegender plötzlich. „Ja! Wenn ihr nicht bald still seid, dann komm ich zu euch rüber!“, stieg ein zweiter mit ein. „Na kommt doch“, erwiderte Pepe ebenfalls schreiend, „ vor euch habe ich keine Angst.“
„Was hast du gesagt du Bengel?“
„Pepe! Sei ruhig. Du machst uns nur Ärger!“
„Ja, ja. Ist ja gut meine schöne Blume. Beruhige dich wieder, ich leg mich ja schon schlafen. Wir reden morgen mein Freund“, schloss er an Njaa gerichtet und legte sich dann auf den staubigen Beton nieder.
Als die Sonne am nächsten Morgen langsam den Horizont am Scheitel des Meeres hervorgekrochen kam, Blutorange, flackernd vor Hitze, waren Njaa und seine neuen Gefährten zuerst müde und kraftlos, als sich dann aber die Massen an Menschen wieder in Bewegung setzten, erquickt durch die energiespendenden Strahlen des hellen Feuerballs, griffen auch sie wieder in die allgemeine Bewegung ein. „Wie weit ist es noch bis zur anderen Seite?“ Seit dem Morgen hatten sich Njaa und Pepe allerlei Diskussionen und Gesprächen ergeben. Es wurde schon kurz nach dem Aufstehen vereinbart den Rest der Strecke gemeinsam zu gehen, was Karima stillschweigend in Kenntnis genommen hatte. Generell schien die junge Schönheit nicht viel zu reden. Während Pepe hingegen schon Schwierigkeiten hatte seinen Mund auch nur fünf Minuten geschlossen zu halten. Vielleicht war es Karimas Schweigsamkeit, die ihn dazu brachte, nach einem weiteren Gefährten für seine Reise zu suchen, sodass er jemanden bei sich wusste, der mehr als nur ein Nicken für seine lebhaften Gedanken und Erzählungen übrig hatte.
„Ach Njaa, du weißt ja rein gar nichts. Insgesamt dauert es vier Tage, um bis zur Mitte der Brücke zu gelangen. Von dort aus sind es dann nochmal vier oder drei Tage, um bis an das Festland der Anderen zu gelangen. Aber in der Mitte entscheidet sich wohl, ob man rüber darf oder nicht. Das wusstest du doch sicher, oder mein Freund? Schau nicht so, es ist sicher nicht jedem erlaubt die Brücke in aller Gänze zu überqueren“, klärte Pepe im vergnügtem Ton Njaa auf. „Nein, das wusste ich nicht“, gestand dieser ein, „aber, man nennt die auf der anderen Seite doch nicht umsonst die Guten! Die werden doch den ganzen Leuten hier ihre Hilfe wohl kaum verwehren können.“
„Die Guten? Ha, Njaa mein unwissender Freund. So nennen die sich nur selbst. Wer hat dir das erzählt?“
„Unsere Dorfälteste. Sie war eine weise Frau und wusste viel von der Außenwelt, die bei uns kaum jemand zu Gesicht bekommen hatte. Ich bin mir sicher, dass sie gut Bescheid wusste. Sie hat mir auch von der Brücke erzählt.“ Njaa wurde ganz aufgeregt bei der Erwähnung der alten Frau, was Pepe nicht entging. „Ist ja gut. Ich bin mir sicher, sie ist eine umwerfende alte Dame, aber Njaa, das mit deinen Guten ist nicht ganz so leicht.“
„Wieso? Sie haben doch die Brücke gebaut, damit unsere beiden Völker vereint werden können. Wieso sonst sollte man ein solches Bauwerk errichten?“, beharrte der junge Njaa. „Nicht die Anderen haben sie gebaut, sondern unser Volk! Sie haben hundert Jahre daran gearbeitet und Stein um Stein dieses kolossale Bauwerk errichtet. Zugegeben, der Plan stammte von den Anderen, aber ohne uns wäre hier nach wie vor nichts als Wasser. Außerdem sind es die Anderen, die..“
„Genug Pepe!“, unterbrach ihn Karima, „du weißt, dass man davon nicht reden darf. Ich will das jetzt nicht hören. Njaa, konzentriere dich lieber auf den Weg. Es wird nicht leichter, soviel ist sicher!“
Die Anfangs noch stärkende Sonne hatte ihren Höhepunkt am Himmelskörper erreicht und war nun weniger Freund, als viel mehr Feind der Menschen. Denn die Temperaturen stiegen bis ins Unermessliche, wodurch nun jeder Schritt die drei doppelte Kraft kostete. Schweiß ran ihren jugendlichen Gesichtern herab und ließ ihre gerötete Haut im Schein ihres Peinigers glänzen. Njaa dachte noch an Pepes Worte und fragte sich, warum Karima ihn nicht hatte ausreden lassen. Er wollte erst nachhaken, aber als er den Gesichtsausdruck von Pepe und ihr sah, entschied er sich doch dagegen. Früher oder später würde er schon dahinterkommen.
Die LKWs trugen ihren Teil zur Beschwerlichkeit der Reise bei. Sie fuhren sowohl am Tag als auch in der Nacht und ihre Abgase mischten sich mit der heißen Luft zu einer widerlichen Mixtur, die Njaa bei jedem Atemzug das Gefühl gaben, seine Lungen würden von ätzenden Teer zersetzt werden. Karima waren die Strapazen am meisten anzusehen. Sie keuchte schwer, trotz des provisorischen Atemschutzes, welches Pepe ihr aus einem Stück seines T-Shirts angefertigt hatte. Njaa machte sich Sorgen um, die jetzt erstaunlicherweise noch schöner wirkende, Karima. Der Glanz, die Röte und der schwache Ausdruck in ihrem Gesicht, bargen eine Ehrlichkeit, die Menschen wie sie kaum verstanden Preis zugeben und schließlich erst offenbaren, wenn sie sich all ihrer Kräfte beraubt fühlen und kurz vor der Resignation stehen. Noch mehr als Njaa, war Pepe um seine schöne Blume besorgt. Um sie nicht weiter aufzuregen, schwieg er sogar über lange Strecken des Tages. Er gab ihr viel Wasser, mehr als sie sich hätten eigentlich erlauben können, denn die Rationen waren klar eingteilt. „Lass nur Pepe. Es geht schon. Du brauchst es genau so dringend wie ich“ Der Klang ihrer Worte war schwach und stockend. „Nein meine schöne Blume. Mir geht es gut und ich will doch nicht, dass du mir eingehst. Hier nimm.“ Obwohl sein Lächeln Karima nicht zu täuschen vermochte, nahm sie sein Angebot an, was Njaa von ihrem schlechten Zustand vollends überzeugte.
Erst als es wieder anfing zu dämmern, kehrte ein gewisser Lebensgeist in die Gruppe zurück, wie auch generell in den dünner werdenden Strom an Menschen. Njaa und Pepe begannen wieder zu plaudern und auch Karima wirkte wieder etwas lebhafter. „Pepe, kann es sein, dass es weniger werden. Heute früh war der Weg noch viel voller!“
„Stimmt, wie es aussieht haben einige wohl schlapp gemacht. Ist kein Wunder bei diesen Umständen“, entgegnete Pepe Njaa, „Wahrscheinlich werden es morgen noch weniger sein.“
„Aber, was passiert denn jetzt mit denen? Ich meine, wir haben noch niemanden zurückgehen sehen und so mitten auf der Brücke ausgesetzt, wird es nicht leicht sein.“
„Alles andere als leicht“, als er Njaas besorgt kindliches Gesicht sah mit seinen großen braunen Augen und die Furcht, die in ihnen steckte, winkte Pepe ab, „mach dir keinen Kopf. Man wird ihnen sicher helfen“, log er lächelnd um seinen Reisegefährten zu beruhigen. „Wir sollten uns langsam einen Schlafplatz suchen. Es wird gleich dunkel“, bemerkte Karima, die ebenfalls bemüht war das Thema in eine andere Richtung zu lenken. Im Laufe des Tages hatte sie sich etwas an Njaa gewöhnt. Anfangs war sie noch besorgt, dass er eine Gefahr darstellen würde, aber nun, sah sie in ihm nur noch den naiven Jungen vom Dorf und seine aufrichtige Unwissenheit schien sie zu erheitern oder wenigstens ihren Schmerz, körperlicher und seelischer Art, ein wenig zu lindern.
Kaum war die Sonne fort, legten sich die drei zur Ruhe. Pepe und Karima, Arm in Arm, ganz eng umschlungen schliefen gleich ein. Njaa hingegen dachte noch ein wenig über seine ersten zwei Tage auf der Brücke nach. Er hatte nicht erwartet, dass der letzte Abschnitt seiner Reise so beschwerlich sein würde, Wunden und Brände zogen sich über seinen jugendlichen Körper, seine Füße waren ebenfalls verbrannt und wiesen besorgniserregende Blasen auf. Aber trotz all dieser Qualen, war er doch im innersten froh, froh um seine beiden neuen Gefährten. Seit jenem Tag, an dem sein ganzes Dorf in Brand gesetzt wurde, hatte Njaa niemanden mehr. Und auch wenn körperlicher Schmerz einen Mensch bis aufs Tiefste zu martern vermag, so ist er doch erträglicher als die bodenlose Kluft, die der Verlust von Geliebten, von Freunden und Familie in einem aufreißt. Und nicht die Zeit ist fähig solche Wunden zu heilen, sondern allein der Mensch als solcher.
Am nächsten Morgen wurde Njaa von einem hellen Schrei geweckt. Er sprang auf. Karima stand mit tränenden Augen neben ihm. „Was ist denn nur?“, stieß er ängstlich hervor,“ Karima, was ist passiert und wo…wo ist Pepe?“ Ohne zu antworten, zeigte sie auf einen Kreis von Wanderer, deren Blick gegen ihren Mittelpunkt gerichtet war. Düstere Schatten zogen sich über ihre Mienen, eine Stille verbreitend, die nun auch in Njaa widerhallte. Er konnte den Gegenstand ihre Betrachtung nicht erkennen, doch wusste er bereits was ihn erwarten würde. Hastig drang er sich seinen Weg durch die Menge.
Ein Junge lag keuchend auf dem Schoss einer wimmernden Frau. Sie streichelte ihm den Kopf und sprach leise liebevolle Wörter, die Njaa nicht verstand. Der bleiche Junge hielt sich mit beiden Händen den Bauch, presste dagegen, um das dunkle Rot darin zuhalten, welches sich seinen Weg unermüdlich nach außen bahnte. Eine Stichwunde, wie es schien und die Frau die ihn hielt, war ohne Zweifel seine Mutter. „Da bist du ja!“, eine kräftige Hand packte Njaa an der Schulter. „Pepe! Ich hab mir schon Sorgen gemacht. Karima, sie weint und ich dachte schon, du seist…“
„Quatsch! Ich doch nicht! Aber dafür ist jetzt keine Zeit. Der Junge, wir müssen ihm helfen, sonst verreckt er hier noch elendig. Ich habe schon nach einem Arzt oder Medizinmann in der Menge gefragt, aber keinen gefunden. Uns bleibt nur noch eins. Komm!“
„Pepe, warte! Wo willst du denn hier mitten auf der Brücke Hilfe finden?“, schnellen Schrittes zog Pepe Njaa am Ärmel hinter sich her. Er stürmte in Richtung des Zauns, der die Fußgängerzone der Wanderer von der mit mächtigen Maschinen befahrenen Straße trennte. „Da können wir nicht rüber, das ist sicher verboten“, stotterte Njaa, als er Pepes Vorhaben durchschaute. „Stell dich nicht so an, hier geht es um ein Menschenleben, da können wir doch nicht einfach untätig herumsitzen“, die Wörter peitschten nur so aus Pepes Mund. Seine Entschlossenheit beeindruckte und besorgte Njaa gleichermaßen, doch als er sich noch einmal umdrehte und den keuchenden Jungen mit seiner wimmernden Mutter im nun geöffneten Kreis der Schaulustigen und Betroffenen hinter sich sah, fasste er allen Mut zusammen und schüttelte so viele Zweifel wie nur möglich von sich.
„Mein Freund. Ich weiß, dass das leichtsinnig ist, aber ich kann nun mal nicht anderes. Ich kannte mal jemanden, der hätte das hier auch getan und hätte er einfach seine Augen verschlossen oder es zugelassen seine Sicht durch einen Schleier von Tränen zu trüben, dann würde ich heute nicht vor dir stehen. Hör zu. Ich…“, er stockte einen Augenblick, „Ach du weißt schon, sollte wirklich was schief gehen, dann brauche ich dich sicher nicht daran zu erinnern, dass du dich um meine Blume zu kümmern hast. Sie braucht viel Wärme und das Gießen darfst du natürlich auch nicht vergessen“, bei diesen Worten wurde Njaa schwer ums Herz, Pepe hingegen beendete seinen Satz mit einem breiten Lächeln. Gekonnt schwang er sich auf die Gittermaschen und begann den Zaun zu erklimmen. „Warte du hier, sollte ich jemanden finden, der den Jungen auf die andere Seite bringt, musst du ihn irgendwie über den Zaun kriegen. Hast du verstanden?“, Njaa nickte, obwohl er nicht die leiseste Ahnung hatte, wie er diesen Auftrag erfüllen sollte. Immerhin war der Zaun mindestens fünf Meter hoch und der Junge war in keinerlei Verfassung auch nur die Hand in einer der Gittermaschen zu stecken, geschweige den ganzen Zaun zu erklimmen.
„Njaa, Pepe! Was macht ihr da? Pepe, komm da runter. Wieso bringst du uns nur immer in Schwierigkeiten. Der Junge tut mir ja auch Leid und seine Mutter erst. Aber was ist mit uns? Was ist mit mir?“, noch bevor Karima ausgesprochen hatte, erreichte Pepe die andere Seite vom Zaun. Er stand nun am Rand der Fahrbahn. Die Rauchschwaden der Abgase waren hier dichter als auf der Fußgängerzone und setzten Pepe sichtlich zu. Einen Moment lang betrachtete er kurz den Fluss der Maschinen, dann stürzte er schließlich auf die Straße und sprang mit erhobenen Händen umher. „Halt!!“
Wie eine Dampflok, die durch schalten der Notbremse zum Stop gerät, indem stählerne Haken sich in die Schienen bohren, noch ein Stück lautstark klirrend in Fahrtrichtung rutscht, rutschte nun auch die monströse Maschine auf ihren menschengroßen Gummireifen Pepe entgegen. Eingeschüchtert durch diese kolossale Masse sprang er im letzten Moment zurück an den Rand der Fahrbahn. Der von Pepe ausgelöste Stillstand des vorderen Fahrzeugs, führte notwendigerweise ebenfalls zum Stillstand aller dahinter Liegenden. Ohne viel Zeit zu verlieren, rannte er sogleich vor das Vorderste, um ein wieder Losfahren der Kolosse zu verhindern. Der Lärm der nach und nach zu stehen kommenden, metallenen Karawane war ohnegleichen. Quietschen und Schnaufen, Dampfen und Hupen, ein akustischen Gemisch, welches die Ohren der Umstehenden beinahe zum Bluten brachte.
Unbeholfen stieg ein dicker Mann mit Wollmütze aus dem vor Pepe stehengebliebenen Fahrzeug. „Jung, was machste da?“, brummte er, „Bist wohl von allen guten Geistern verlassen, was? Weißt, was da angerichtet hast, oder? Das gibt Ärger, sag ich dir, das gibt Ärger! Oh je, nie und nimmer dürfen wir anhalten! Nicht mal zum Pinkeln, wir haben doch Termine und Aufträge und Waren. Ach, du meine Güte. Was sollen wir jetzt machen? Wir müssen weiter! Los verzieh dich Bub! Vielleicht können wir die anderen noch einholen. Los verzieh dich endlich!“ Er gestikulierte wild mit seinen nachwabbelnden Armen und fasste sich immer wieder an den Kopf, während er sein Gesicht wehleidig verzog. Ein Hupen, dann noch eins und wieder, Ungeduld und Sorge machte sich wohl auch bei seinen Kollegen breit. „Deine Termine, Aufträge und Waren sind mir egal. Hör zu, da vorne hinter dem Zaun liegt ein schwer verletzter Junge. Und ich geh hier erst weg, wenn du ihn und seine Mutter in deinen riesigen LKW packst und die beiden auf die andere Seite bringst. Hast du verstanden“, fauchte Pepe den Dicken an. „Noch ein Bub? Wo? Drüben? Und verletzt? Nein, nein, das geht nicht! Es ist uns streng verboten euch mitnehmen, tun wir es doch, dann stecken die uns in Knast. Ich bin doch nicht lebensmüde! Also, los verzieh dich endlich!“ nervös fuchtelte er erneut mit den Händen. „Das kannst du vergessen!“
„Bub, ich mach keine Witze. Wir fahren dich sonst um, ich muss weiter, verstehst du nicht. Ich verlier hier noch meinen Job, wegen deines lächerlichen Streiks!“
„Mir doch egal.“
„Du hast es so gewollt“, schnaufte der Dicke schließlich hervor und stampfte wieder zu seinem Gefährt, doch noch bevor er dort ankam, kam noch ein weiterer Fahrer hinzu und beschwichtigte seinen Kollegen. „Was machst du da? Ach, beruhige dich! Die werden das schon verstehen, du hast ja Zeugen. Also nun worum geht’s? Ach, ein Junge, wirklich? Nein, das kann doch nicht sein. Und du wolltest einfach so weiterfahren? Das geht doch nicht. Hey, du da komm her! Ich nehme deinen Verletzten und seine Mutter mit, mach dir keine Sorgen“, als Pepe das hörte, rannte er sogleich dem Fremden entgegen. Er trug eine rote-weiße Schirmmütze und eine runde Sonnenbrille mit großen Gläsern. Sein Mund konnte man kaum sehen, da er einen förmlich wuchernden Bart um die Lippen herum trug. „Wirklich? Dann müssen wir ihn nur noch rüberschaffen. Njaa, hörst du?“, schrie er Njaa freudig entgegen, „er nimmt ihn mit. Schaff den Jungen irgendwie rüber!“ Njaa und Karima standen noch immer am Zaun und bangten um Pepe, als sie allerdings nun sahen, dass tatsächlich Hilfe in Aussicht stand und er unversehrt war, stürzten die Beiden eilig zu der wimmernden Frau, die fixiert auf ihren Jungen, nichts von Pepes wagemutigen Taten wahrgenommen hatten. Was die anderen betraf, die Schaulustigen und Betroffenen, diese standen alle bereits am Zaun und folgten begeistert der Szene, die sich vor ihren Augen abspielte. Karima setzte die junge Mutter schnell ins Bild und es gelang ihr auch sie von Pepes Vorhaben zu überzeugen.
Durch den Stillstand, sowohl auf der Fußgängerzone, als auch auf der Straße entstand ein zweisehniger Stau, der bei den Füßgängern in einem immer größer werdenden Knäuel an Menschen mündete. Als diese Masse an Umstehenden das Einverständnis der jungen Mutter hörten, halfen alle samt mit, zuerst den Jungen und dann die Mutter über den Zaun zu befördern. Gespannt beobachteten sie daraufhin still, wie Pepe und der Fahrer des zweiten Wagens – der Erste, der dicke Fahrer, war sofort nachdem Pepe die Straße freigegeben hatte, davon gefahren – den Verletzten und seine Mutter sicher im Fahrzeug unterbrachten. „Das war mutig von dir Junge. Wie ist dein Name?“, fragte der Schirmmützenfahrer Pepe. „Mein Name ist Pepe. Wie heißt du mein Freund?“ und wieder streckte er in gewohnter Art die Hand dem Fremden freudig entgegen. „Ich heiße Karl, Karl J. Stahlmann! Dein Name ist doch sicher nicht nur Pepe, wie heißt du weiter mein Junge? Welch schöner Name, Pepe Garcia Gustavo, wunderbar, der passt zu dir! Also dann, pass auf dich auf“, mit diesen Worten verabschiedete sich Karl von Pepe und beide zogen wieder ihrer Wege. Nachdem Pepe seinen Vortrag von Karima und den Jubel der Menschenmasse samt Njaa geerntet hatte, machten sich schließlich alle wieder auf den Weg. Njaa schwärmte noch Stunden hinweg über Pepes Heldenmut und lobte seinen Geistesblitz die Fahrzeuge zum Stehen zu bringen in hohen Tönen. Auch Karima brachte ein Lob für die Rettung des Jungen heraus, nahm es sich dennoch nicht, Pepe erneut für seinen Leichtsinn zu tadeln.
Die Sonne, die sanfter und milder schien als zuvor, teilte sich den Himmel mit einigen weißen Wolkensträngen. Die daraus entstandenen Schattenphasen, machte den Weg am dritten Tag ihrer Reise um einiges erträglicher. Njaa, der nach dem gestrigen Tag besonders sorgsam mit seinem Wasser umgegangen war, teilte sich seine Rationen mit Karima, die nach wie vor am meisten unter den Anstrengungen ihrer Reise litt. Dennoch verbrachten alle drei den restlichen Tagesmarsch in ausgelassener, ja fast feierlicher Stimmung. Als erneut die Nacht anbrach, legten sie sich eng einander auf den Asphalt, die Temperaturen waren gesunken, sodass ein jeder ihrer Atemzüge die Luft, die sie ausstießen, dampfen lies. Trotz all dem schliefen sie tief und selig, denn sie wussten, morgen würden sie endlich die Grenze erreichen, die Grenze zu den Guten.
Das Wetter hatte seit Begin der Reise eine 180-Grad-Drehung vollzogen. Es regnete und ein kalter Wind zog sich durch die verbliebenen Reihen der Wanderer. Gemäß Pepes Prophezeiung waren auf dem letzten Streckenabschnitt immer weniger Menschen vorzufinden. Njaa, Pepe und Karima bissen die Zähne zusammen und beschworen ihre letzten Kräfte, als sie dann am Rand der Straße der LKWs einen Leichnam erblickten. Karima zuckte eisig zusammen und wollte sofort weiter, aber Pepe lies sich nicht davon abhalten über den Zaun zu klettern und den leblosen Körper näher zu betrachten. „Das kann nicht sein, das…“, seine Stimme versagte, Regen goß in Strömen über seinen Kopf, sein Haar und seine Wangen. „Das ist, das ist der Junge von gestern. DIESES SCHWEIN! Er hat ihn einfach aus dem Wagen geworfen!“
„Aber, nein, das würde er nicht tun. Karl war so nett! Oder nicht Karima und der Junge, er..“, Karima senkte den Kopf, verstummte und murmelte leblos ein paar Wörter vor sich hin. Pepe, wieder zurück auf der Fußgängerzone, sprach kein Wort mehr bis sie die Grenze erreichten. Njaa ergab sich der Stille der Beiden. Erbittert dachte er an die Geschehnisse des letzten Tages. Alles nur Lüge, alles nur Theater. Alle ihre Mühen, umsonst! Und die Mutter? Er traute sich nicht zu fragen, denn er wusste, dass sie in dem Augenblick des Verlustes ihres Sohnes, ebenfalls verloren war.
Seit einiger Zeit wunderte sich Njaa über einen massiven schwarzen Fleck, der sich in der Ferne vor ihm auftat. Auch Karima und Pepe rissen sich wieder aus ihren Gedanken und betrachteten das mit jedem Schritt größer werdende Viereck. Jemand musste ihre Blicke bemerkte haben, denn eine Stimme sprach zu ihnen: „Warum schaut ihr so Kinder? Sagt mir nicht ihr seid hier hergekommen ohne etwas von der Mauer zu wissen?“ „Mauer? Welche Mauer?“, wunderten sich alle drei zugleich. „Na die Mauer, die Mauer, die uns und die sog. Guten voneinander trennt! Kommen den ganzen weiten Weg hier her und wissen nicht einmal das!“, die Stimme lachte dunkel und verstummte dann wieder spurlos. Umso näher sie dem schwarzen Fleck kamen, desto konkreter wurden die Strukturen und Umrisse und so entpuppte sich die Mauer als ein riesiges schwarzes Tor, es war verziert mit Gold und roten Diamanten. Njaa konnte seinen Augen kaum trauen. So etwas Prächtiges und zugleich beängstigendes hatte er noch nie zuvor gesehen. An dem Punkt wo die unwahrscheinlich hohe Mauer stand, weitete sich die Brücke und eine riesige Schar von Menschen sammelte sich tropfenförmig davor. Es war immer noch hell, die Sonne stand tief, wodurch die Mauer einen alles verschlingenden Schatten über die zahlreichen Gesichter der hilflos Wandernden warf. Das Tor bestand aus zwei massiven, ebenfalls schwarz-matten Stahltüren, wovon eine geöffnet war um die zahllosen Transporte und Fahrzeuge hindurch zulassen, während das Andere fest verschlossen schien und kein Durchdringen erlaubte. Eine lange Zeit hatte es den Anschein als würde alles stillstehen. Doch nach einigen Stunden bemerkten sie, dass sie langsam nach vorne rückten.
So vergingen drei weitere Tage, an denen der Junge und seine beiden Gefährten in tobender Ungeduld vor dem geschlossenen Tor verbrachten. Am sechsten Tag waren endlich sie an der Reihe. Der Regen, den sie einst verfluchten, dankten sie über ihre Wartezeit hinweg, denn ohne ihn, wären sie vielleicht sogar verdurstet. Auf eine solch enorme Wartezeit waren sie nicht eingestellt. Aber auch unendlich viel Wasser vermag den Magen nicht zu sättigen und viel länger hätten sie nicht durchgehalten, da die mitgeführte Nahrung, Reis und etwas Brot, schon am letzten Tag des Marsches zur Neige ging. Sie standen nun vor einem, der Mauer ansässigen Gebäude, es war, im Kontrast zu dem schwarzen Tor aus weißen Marmor gefertigt. Lange starrten sie aus der Schlange heraus auf dieses menschenschuluckende Gebilde, denn keiner jener, dies es betraten, kamen auch wieder raus. „Du Pepe“, sagte Njaa kraftlos, „meinst du die lassen alle auf die andere Seite? Ich meine, wieso kommt sonst keiner wieder raus?“
„Ich weiß es nicht Njaa, aber bald werden wir es erfahren“, antwortete er matt. Seit dem Vorfall mit dem Jungen und seiner Mutter, war Pepe nicht mehr derselbe. Es schien so, als sei mit dem Jungen, auch ein Stück von ihm gestorben. Karima war wieder in ihr stilles, fast aufgesetztes Ich zurückgekehrt und bemühte sich weder zu sprechen, noch zu denken. Allein von ihrem angeborenen Lebenswillen angetrieben, ertrug sie die auf ihr lastende Pein. Weder Njaa noch Pepe konnten ihr jetzt noch Linderung verschaffen, zum einem, da sie selbst dem Ende nah waren und zum Anderen da die Maske auf Karimas Gesicht, ähnlich dem verschlossenen Tor, kein durchdringen erlaubte. „Der Nächste! Oh, gleich drei auf einmal“, sagte eine gelangweilte junge Dame am Schalter. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei dem prunkvollen Marmorgebäude, um einen Grenz- und Verwaltungsappart, der über das Schicksal der Wanderer entschied. „Namen!“, der Reihe nach tippte die junge Dame, auf deren Schild der Name „Süß“ stand, ihre Personalien in ein, Njaa unbekanntes, Gerät ein. „Wer von euch ist Pepe Garcia Gustavo? Du? Einen Moment bitte!“, gelassen griff Frau Süß zum Hörer und meldete der Stimme auf der anderen Seite seine Ankunft. Einige Minuten später trafen zwei Männer, sich zum Verwechseln ähnlich, bei der Gruppe ein. „Wer von euch ist Pepe Garcia Gustavo?“, sagte einer der Beiden. „Das bin ich“, antwortete Pepe und trat hervor.
„Mitkommen!“
„Wieso? Wer seid ihr überhaupt?“
„Wir sind vom Grenzschutz. Und uns ist zu Ohren gekommen, dass Sie, Pepe Garcia Gustavo, am gestrigen Tage für einen völligen Stop unserer Transporter verantwortlich waren. Ein tüchtiger Fahrer hat uns alles berichtet. Kommen Sie jetzt mit uns“, alle drei erstarrten, aber sogleich flammte ein zügelloser Zorn in Pepe auf. „Hat er Ihnen auch gesagt, dass er einen sterbenden Jungen aus dem Auto geworfen hat? Oder war es der Dicke? Sagt mir, wer hat euch das erzählt und wo ist Karl?“, tobte Pepe die beiden Beamten an. „Karl? Sie sollte sich besser beruhigen, ihre Lage ist ohnehin schon schlecht. Folgen Sie uns jetzt, ansonsten sind wir dazu genötigt Gewalt anzuwenden.“
„Gewalt, na dann kommt doch..“, noch bevor Pepe seinen Satz beenden konnte, wurde er von einen blau-blitzenden Gegenstand berührt, der ihn sofort zusammen klappen ließ. „Tzz, welch ein Problemfall. Seinetwegen hatten unsere Waren ganze 35 Minuten und 23 Sekunden Verspätung. Die Kosten, die er damit Firma Gut & Freundlich verursacht hat, könnte er ins seinem ganzen Leben nicht abarbeiten.“ Karima, wie gelähmt vor Angst, klammerte sich an Njaa. Keiner der Beiden verstand, was da gerade vor sich gegangen war. Es war Karima, die als Erstes zu sich kam, „Moment, was macht ihr? Wohin bringt ihr ihn?“, stammelte die schöne Blume. „Keine Sorge junge Frau. Wir bringen ihn zum Gericht, da bekommt er einen fairen und vor allem kurzen Prozess!“ Beide lachten. „Aber sie einer mal an, wie hübsch Sie sind. Sie möchten doch sicher ebenfalls auf die andere Seite. Sie! Wie ist ihr Name? Ah da, Frau Süß, rufen sie in der Behörde für Unterhaltung an und melden sie diese liebreizende junge Dame für das „Vergnügen ohne Grenzen“- Programm an. Ich bin mir sicher, die werden Sie mit solchen Reizen kaum ablehnen können“
„Aber Pepe, was ist mit Pepe? Geht es ihm gut? Kann er mich da besuchen kommen? Was ist das für ein Programm? Bitte tun sie ihm nicht weh. Er hat ein gutes Herz! Ich…“
„Folgen Sie einfach den Anweisungen und alles wird gut junge Frau!“, damit entfernten sich die beiden, Pepe hinter sich her ziehend, wieder. Tod, daran dachte Njaa als er jetzt Karimas Gesicht sah. Die schöne Blume war war verwelkt, ihr Wille erloschen. „Glückwunsch Frau Karima Isabella Torro! Bitte folgen sie dem Gang zu meiner Rechten und warten dann dort. Es wird jemand kommen und sie bald zur anderen Seite bringen.“
„Karima, sag doch was, so tu doch was! Wo bringen die Pepe hin?“, Njaa war wie versteinert, diese Leute, gegen die selbst Pepe machtlos war und Karima! Was sollte er, wie sollte? „Njaa, wir sollten tun was sie sagen, lass mich gehen. Das sind ja hier die Guten, das hast du doch selbst gesagt, die wissen schon was richtig ist!“ Ihre Stimme klang verändert, fremd. Einen Moment lang stand alles still, Njaa schaute Karima fest in die Augen, doch diese wendete sich mit starren, leeren Blick ab und folgte den Anweisungen von Frau Süß.
Nun, am Ende von Njaas Reise, war er wieder allein und so fühlte er sich auch.Wofür diese ganzen Anstrengungen und Strapazen einer solchen Reise, wofür diese ganzen Anstrengungen und Strapazen des Lebens, wenn man am Ende doch wieder mit nichts und alleine dasteht. Wozu Freundschaften? Wozu Nächstenliebe? Pepe war der mutigste und tollste Mensch den ich kannte und hier, auf dieser elenden Brücke, die nur eine Richtung kennt, hier war er nichts, absolut nichts wert! Hier bei den anderen, waren seine guten Taten schlechte, seine Tugenden Schwächen. Und Karima, sie ist einfach so gegangen. Sie wollte immer nur Pepe, er war ihr Antrieb, von Anfang an war ich ihr nur eine Last. Und ich habe mein Wasser mit ihr geteilt! Nein, so kann es doch nicht enden. Sie werden mich sicher abweisen. Nein. Nein! Es reicht! Ich habe Hunger, schon mein ganzes Leben lang habe ich Hunger! Seid sie mein Dorf, meine Familie, meine Schwestern und Brüder vor meinen Augen gequält und niedergebrannt haben. Ja, auch sie haben mich verlassen, so wie Pepe und Karima jetzt. Ich will hier weg. Ich will einer von Ihnen sein! Eine Chance will ich, ein Leben!
„Nun Herr, ehm, wie war ihr Nachnahme?“
„Ich habe keinen, einfach nur Njaa“, antwortete Njaa mit finsterer Miene. „Nun, also Herr Njaa, aus welchem Grund meinen sie privilegiert zu sein, auf unsere Seite der Meereenge übersiedeln zu dürfen?“ Njaa hatte sich vor Beginn seiner Reise genau zurechtgelegt was er im Falle dieser Frage antworten würde. Er wollte von seinen Qualen und Leiden berichten, von seinem abgebrannten Dorf und die Armut, die er daraufhin leiden musste. Die Unmöglichkeit Arbeit zu finden und die ständige Gefahr, die er Kriminellen und Fanatikern ausgesetzt war. Er wollte schlicht nach Hilfe fragen, aber jetzt wusste er, dass es nur eine Antwort auf ihre Frage gab.
„Weil ich auch gut sein kann!“

Von Kamil Tybel

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Ein Gedanke zu “Die Brücke

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