Der unbekannte Arbeiter 

Ein Leben lang hab ich geschuftet, geschwitzt und nicht selten auch gelitten. Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass die Maschine weiterläuft, sich das Rad weiter und immer weiterdreht. Ich hab meine Steuern bezahlt und mich an eure Regeln gehalten.
Und ihr bewerft mich mit Tränengas.
Ja, ich kämpfe. Ich kämpfe, weil ich will, dass meine Kinder noch die Chance auf einen sicheren Job haben, dass ihre Freiheit von Existenzängsten mehr wert ist als das Geld auf dem Konto von Leuten, die eh schon zu viel haben. Ich kämpfe, weil ich es für richtig, für gerecht halte.
Und ihr bewerft mich mit Tränengas.
Ihr nennt mich und meine Kollegen eine Minderheit, uns – die wir dafür sorgen, dass ihr morgens mit dem Auto zur Arbeit fahren könnt, dass eure Kinder pünktlich zur Schule kommen, dass es zu jeder Tageszeit Strom, Benzin, warmes Wasser gibt – uns nennt ihr eine Minderheit?
Und ihr bewerft uns mit Tränengas.
Ihr sagt, dass die Reform notwendig ist, damit wieder Arbeitsplätze entstehen. Aber was sind das denn für Arbeitsplätze? Täglich sehen wir, was die Technik heute nicht alles ermöglicht, wieviel einfacher all die Maschinen die Arbeit machen. Und dann sollen wir akzeptieren, dass die Arbeitsplätze unserer Kinder schlechter sein werden als die eigenen?
Wie das sein kann, wollten wir euch fragen.
Und ihr bewerft uns mit Tränengas.
Viele von uns waren mal arbeitslos, das, was ihr als „flexibel sein“ anpreist. Wisst ihr eigentlich, wie es ist, arbeitslos zu sein, wie es ist, aus Angst vor einer Nachzahlung die Stromrechnungen nicht mehr zu öffnen, immer genau das zu essen, was es im Supermarkt gerade im Angebot gibt und Leute hinter seinem Rücken murmeln zu hören, dass man vom Staat durchgefüttert werden müsse, wisst ihr, wie sich das anfühlt? Für unsere Bosse bedeutet Arbeitslosigkeit Flexibilität, für uns Demütigung. Wir wollen uns nicht demütigen lassen.
Und ihr bewerft uns mit Tränengas?
In zwei Wochen, da werdet ihr wieder ein paar Multimillionären zuschauen, wie sie um einen Ball kämpfen und wenn sie das gut machen, werdet ihr Orden um die Hälse der Multimillionäre hängen. Haben wir unsere Arbeit nicht gut gemacht? Haben wir nicht auch stets gekämpft, nicht um Bälle, aber um unseren Lebensunterhalt, unsere Familien? Nie habt ihr uns zugeschaut, nie wollten wir einen Orden. Wir wollten nicht viel.
Und ihr bewerft uns mit Tränengas!
Mehr als eine Krise haben wir miterlebt, jedes Mal haben wir die Zähne zusammengebissen und den Gürtel enger geschnallt. Dass es irgendwann anders, dass es irgendwann besser wird, habt ihr uns gesagt und wir haben euch geglaubt. Jetzt wollt ihr entgegen all eurer Versprechen die Verschlechterung sogar gesetzlich verankern – für uns, für unsere Kinder, für unsere Enkelkinder. Dass es auch um Frankreich geht, habt ihr stets gesagt und tut es noch immer. Ja, es geht auch um Frankreich – aber um wessen Frankreich?
Nicht meines, nicht das meiner Kollegen, nicht das aller Franzosen, die Woche für Woche arbeiten gehen und mit dem monatlichen Gehaltsscheck versuchen, ihnen und ihren Familien ein anständiges Leben zu ermöglichen. Nicht das von jenen, die sich nach Jahrzehnten der Arbeit um eine sichere Rente sorgen oder Angst vor Arbeitslosigkeit haben und nicht das von jenen, die Jahr für Jahr ihre Rechte gegen profithungrige Bosse verteidigen müssen.
Ihr wollt eine Minderheit mit Tränengas bewerfen?
Dann schmeißt das Zeug in die Chefetagen der Konzerne und die Luxusbüros der großen Banken; schmeißt es dorthin, wo sich eine erlesene Gesellschaft gerade ins Fäustchen lacht bei dem Gedanken, dass sie das Frankreich sind, welches ihr vor uns beschützt!

Von Daniel Polzin, 07.Juni’16


Für sachliche und analytische Informationen zur Lage in Frankreich verweisen wir auf unsere bisherigen Schriften:

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