Der ideale Schriftsteller

Schriftsteller gibt’s, die suchen den Schriftsteller in sich. Irgendwo in den tiefsten, dunklen, mirakulösen Winkeln ihres brummenden Schädels suchen sie den Schriftsteller. Wo immer er auch sei, der Schriftsteller in einem, sie buhlen und pulen verbissen, teilweise rohhändisch und brustabwärts wandernd, in den blutverwaltenden Eingeweiden ihres Leibes. Manchmal ist das nicht ansehnlich, doch die Schriftstellerei ist ein strenges Handwerk; nur Außenstehende behaupten sie sei ein Leichtes. Zuweilen wirkt’s bei idealen Schriftstellern wie bei der Selbstkasteiung sündhafter Katholiken, oder wie bei der vergeblichen Arbeit spätemigrierter Goldgräber in Amerika.
Jahreszeiten vergehen, Schneeflocken flattern, Blüten verblühen, Sonnenstrahlen ziehen ab, Laub zerstaubt. In diesem Zyklus der mannigfaltigen Naturerscheinungen, wohingegen das Menschentreiben als eine tragische Satire altgriechischen Ursprungs erscheint, rülpsen sie jäh aus ihrer Sauflaune unerwartet und überrascht einen Impulsgedanken, den sie Inspiration nennen, in ihre einförmige Gedankenwelt. Ein überschwängliches Gefühl beschwingt den idealen Schriftsteller in solchen seltenen Idealfällen auf der Suche nach dem federschwingenden Schriftsteller in sich. Diesmal vergehen abermals viele, viele gedankenlose Tage; Tage der Fadheit, der Heiterkeit, der Geselligkeit, der phantasielosen Leere – doch die zündende Idee von ehedem behält der nun beschwingte Schriftsteller stets im Hinterkopf. Denn er will ja auch schaffen, schmatzt er heraus und schlägt sich dabei auf die Brust.
In all den Zufälligkeiten der Launen, von denen der ideale Schriftsteller sich einen Jungbrunnen verspricht, stolpert der ideale Schriftsteller eines Tages in einer beliebigen Tageszeit über den stummen Gewissensdruck der Praxis: der Umsetzung der Idee in Tinte.
Der ideale Schriftsteller – in der Rechten die sechste Kaffeetasse, in der Linken die vierte qualmende Zigarette, um, versteht sich, seine ideenbeflügelnde Schriftstellervirtuose zu komplettieren, die ihm in den Impulsgedanken seiner einstigen Sauflaune wiegen soll – will an jenem besagten Tag einer beliebigen Tageszeit die Feder ansetzen. Noch ehe er dies tut, legt er die Kaffeetasse ab, da er just in dem Moment merkt, dass er doch eine freie Hand zum Schreiben braucht. Wie wunderlich! Gemerkt, getan, legt er die Feder an, um den Schriftsteller, den er in sich gefunden, vollstrecken zu lassen.
Nun, was kommt dabei heraus? Ein Jahrhundertkunstwerk ohnegleichen, das Homer, Shakespeare, Tolstoi und andere wenige Koryphäen der Schriftstellerei, deren Werke die Seele ihrer Zeit verkörperten, in den Schatten stellt: ein Gedankenfurz.

Von Mesut Bayraktar