Das Warten des Herrn Manfred Klein

Herr Klein ist ein  geduldiger Mann, obzwar mit stummen Murren.
Er befolgt stets alle Weisungen seines Brotherrn;
Schon über 30 Jahr krümmt er sich den Rücken zum Buckel
krumm und muss überdies viel Lebenszeit entbehrn.

Er arbeitet in Schicht, auch an Wochenend, und macht,
was er muss und was man ihm sagt; auch wenns ihm oft missfällt,
lamentiert oder jammert er nicht, sondern
sagt zu ruhiger Stund sich: Irgendwann wird’s Urteil gefällt!

Ich warte und warte,
Bin der Klein von nebenan,
Und denke und betrage,
Dass man das Elend erdulden kann.

Herr Klein ist leidensfähig, nüchtern, zäh, und standfest.
– Ebensolche Eigenschaften bewundern seine Kollegen an seiner Natur.
Wenn er von den Jüngeren gefragt wird, wie er all die Lohnschikane erträgt,
schaut er scharf in die feurigen Pupillen und winkt ab: Alles nur Fragen der Positur!

Dieser Mann hat schon viel gesehen, heißt es, zwar nicht
in der großen Welt, aber erfahren in Betriebsränke
Des Brotherrn gegen seine Kollegen, die notwendig kamen und wider Willen gingen.
Da kam die Einsicht: Der geizige Ränkeschmied verteilt Arbeitern keine Sozialgeschenke!

Ich warte und warte,
Bin der Klein von nebenan,
Und denke und ertrage,
Dass das Elend listig sein kann.

Gehen die Kollegen zur Kantine,
Sitzt Herr Klein oft allein am Tisch.
Grübelnd setzt er sich ein Buch vor die runzelnde Stirn,
sodass die Narren spotten: Klein macht sich wieder wichtig!

Als ebenso junger Mann war Herr Klein gleichen arbeitsamen Wesens,
er beobachtete im Stillen seiner Entrüstung jedes Bedrückungsdetail
und lernte, warum das denn alles sei, dass der Chef alles bestimmt.
Aber zugleich mahnte er sich: mein Zorn wird genährt, doch Losung waltet nicht in Eil‘.

Ich warte und warte,
Bin der Klein von nebenan,
Und denke und berate,
Was das Elend denn sein kann.

War der Monat um, freuten die Kollegen sich über den Zahltag,
geschlossen hieß es dann: ab zu den Kneipentresen.
Auch Herr Klein lies den Lohn des Brotherrn nicht liegen,
aber winkte die Ladung der Kollegen ab: ich habe geschichtliche Pflichten zu
vertreten.

Mit der Zeit merkten die Kollegen, dass in der Nachtschicht
der Herr Klein merkwürdig sprach über Wirtschaft und das politische Haus.
Da fragten die müden Kollegen neugierig, wieso der sonst stille Klein jäh so sprach.
Herr Klein, umschauend, die Stimme dämpfend: Wenn wir nichts tun, machen sie uns den Garaus!

Ich warte und warte,
Bin der Klein von nebenan,
Und denke und erfahre,
Dass man das Elend doch bekämpfen kann.

Viele Jahre sind vergangen, viel hat Herr Klein erdulden müssen,
er blieb tüchtig, musste sich zuweilen beugen, aber kriechte nicht.
Nun häufte sich wieder des Brotherrns kalkulierte Tyrannei: Es wird rationalisiert!
Herr Klein wusste: manch Existenz wird erloschen – ohne Rücksicht!

So kam abermals die altgebacken hausgemachte Krise,
Existenzverlust folgte auf Existenzverlust.
Die Kollegen sahn wie Klein wartete
Und Klein sah: seine Kollegen schlugen sich würdevoll auf die Brust!

Ich wartete und dachte,
War der Klein von nebenan,
Und weiß jetzt (Schluss nun mit Sachte),
Wie man das Elend endgültig überwinden kann.

Nun waren seine Kollegen sehr aufgebracht und suchten stürmend
Am Morgen den Rat des alten Herrn Klein: jetzt wieder Arbeitssuspension,
klagten sie, sag doch Klein, was nun, der Hunger zehrt am Leben?
Herr Klein, kühl, bedächtig und doch verwegn:
Genossen – holen wir die rote Fahne und machen unsere Revolution!

– Seine Kollegen deklarierten darauf: Besetzt den Betrieb!
Schluss mit dem Elend, wir bauen auf unsere soziale Republik!


13340423_677041032436837_1003537074_oVon Mesut Bayraktar, 31.Mai’16
(Illustration von Lukas Schepers)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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