Das Schicksal der Medusa

Schicksal der Medusa_P.E.
Das alte Griechenland. Ort voller Wunder und Mythen. Regiert von mächtigen Göttern. Wir schreiten in die Stadt Athen, vor fast dreitausend Jahren. Unser Blick ist auf einen jungen Mann gerichtet, sein Name war Xanthus. Er soll unser „Mittelsmann“ sein, der wiedergefundene Schlüssel für eine längst vergessene Tür … Die Hitze, an jenem unverheißungsvollen Tag, war so erdrückend, dass Xanthus, trotz seiner dünnen, dezent geschmückten Tunika, das Gewicht der Welt förmlich auf seinen Schultern zu spüren vermochte. Schwitzend befand er sich, dem alltäglichen Rhythmus folgend, auf dem Weg zum heiligen Tempel der Athene, der Göttin der Weisheit und des Kampfes. Keineswegs um ihr zu huldigen, Xanthus Beweggründe waren ganz weltlicher Natur. Es handelte sich um eine Dienerin. Eine Dienerin der Athene und, wie er gerne hinzufügte, ein überaus gelungenes Kunststück der Götter. Sie war im Zentrum seines Begehrens, obwohl er wusste, dass sie eine verbotene Frucht war. Jede Gottesdienerin musste unbefleckt bleiben, jungfreulich. „Welch grausame Verschwendung…“, klagte Xanthus schweren Herzens, „…ich will sie spüren, diese Haut, die dem Antlitz der Göttin Aphrodite gleicht. Will mich verlieren in ihren stillen, blauen Augen, in diesen Fenster, in die unergründlichen Tiefen des Meeres! Ohh und beim Anblick ihres dunkel glänzenden Haares erscheinen mir alle übrigen Häupter mit schmutzigem Stroh bedeckt. Sie muss eine Göttin sein!“ Nur allzu schnell erlag Xanthus solchen Gedankenstrudeln, welche alle einzig ihrer Schönheit gewidmet waren. Ein verspieltes Kichern brachte ihn wieder in die Realität zurück. „Mein lieber Xanthus, immerzu bist du am Träumen, wie ein kleiner Knabe!“ Der unerwartete Klang ihrer Stimme traf ihn wie ein Pfeil. „Medusa! Ich… ich entschuldige, ich war in Gedanken versunken. Was machst du hier, ich dachte, du wärst im Tempel?“ „Man hat mich auf einen kleinen Botengang geschickt und jetzt bin ich wieder auf dem Heimweg.“, entgegnete sie sanft. „Welch wunderbarer Zufall. Ich begebe mich gerade ebenfalls dorthin. Lass uns den Weg gemeinsam beschreiten.“ Lächelnd nickte sie ihm zu. Langsamen Schrittes spazierten die Beiden Richtung Tempel. Unbekümmert plauderten sie und tauschten freudig ihre Gedanken aus. „Sage mir Medusa, hast du es jemals bereut eine Dienerin der Götter zu werden? Sicher, sicher, das ist eine ehrenvolle Aufgabe, aber es gibt Einiges, das dir entgeht und eine Schönheit wie…“ „…Nie!“ unterbrach sie ihn „Ob schön oder hässlich. Ich wurde geboren, um den Göttern zu dienen. Es ist meine Pflicht und ich tue es aus Überzeugung, denn viel haben wir den Unsterblichen zu verdanken. Schau dir unsere Welt an. Sie gibt uns alles, was wir zum Leben, mehr noch, alles, was wir zur Glückseligkeit brauchen. Und in dieser undankbaren Welt ist es notwendig, dass es Diener gibt, die ihr Dasein in Demut führen.“ Medusas Entschlossenheit entmutigte Xanthus: „Verstehe. Du bist also glücklich mit deiner Entscheidung?“ „Selbstverständlich. Es ist eine Ehre der Göttin Athene zu dienen. Aber das muss ich dir ja nicht sagen. Immerhin kommst du selber jeden Tag zu uns, um sie anzubeten und ihr Opfer darzubringen.“ Xanthus errötete und wagte es nicht, Medusa ins Gesicht zu schauen. Er konnte sie nicht belügen, also schwieg er. Am Tempel angelangt, verabschiedete sich die Ahnungslose herzlich und ließ den Verzweifelten zurück. Dieser kniete am Altar der Athene und bat sie um Ratschlag, um Weisheit. Was sollte er tun? Er liebte sie. Sie war das Licht seiner Welt. „Bitte Athene, ich bitte dich, entlasse sie aus deinem Dienste! Mach, dass sie frei ist.“ Doch Athene erhörte Xanthus nicht. Am Abend kehrte er in sein Haus zurück. „Endlich Nacht“, dachte Xanthus, „die Sonne verpönt mich nur mit ihrem Antlitz.“ Verbittert stampfte er durch seine bescheidenen Räumlichkeiten, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. „Was nun? Was nun? … “ Schließlich ließ er sich auf den Boden nieder, schloss die Augen und schlief ein. Selbst im Traum war ihm kein Friede vergönnt. Es erschienen ihm Schlangen und angstverzerrte Gesichter aus Stein. Nackte Körper, die sich in Blut badeten, Wassermassen, begleitet von unaufhaltsamer Begierde und auch Medusa… Wie von einem Eimer kaltem Wasser übergossen, wachte Xanthus abrupt auf. Schweiß ran ihm über den ganzen Körper und er atmete heftig. Die Bilder, die er sah, eben noch kristallklar, verschwammen mit der Unendlichkeit des Nichts. Trotzdem, die Unklarheit war wie verflogen. Obwohl es immer noch tiefe Nacht war, wusch sich Xanthus das Gesicht und machte sich erneut auf den Weg zum Tempel der Athene. Sie würde sein werden, er wusste es. Genau jetzt; in dieser Nacht! Von unkontrollierbarer Ungeduld getrieben, fing er an zu rennen. Die einst so gewohnten Strudel an Gedanken, bekannt, wohlgeschätzt, lösten sich aus jeglicher Form und Kontrolle und wuchsen zu gewaltigen Orkanen der Wollust an. „Schneller, schneller! Beuge dich, du elender Körper. Beuge dich meinem Geiste“, sein ätzendes Schnaufen hallte durch die Winkel und Gassen der schlafenden Stadt. Angekommen, rastete er einen Augenblick, um wieder zu Atem zu kommen. Die Atmosphäre des Tempels war bei Nacht eine völlig andere. Nur durch ein paar wenige Fackeln beleuchtet, erzeugten die tanzenden Schatten an den Wänden, dieses sonst so reinen und unschuldigen Ortes, ein Unbehagen bei Xanthus. Doch für Bedenken war es zu spät, also betrat er die in Dunkelheit gehüllten, heiligen Hallen der Athene. Es war stockduster, nur in der Ferne war ein Licht zu sehen. „Wo ist sie? Ich muss vorsichtig sein, darf nicht die anderen Dienerinnen wecken. Was ist das für ein Licht? Vielleicht ist sie wach. Bei den Göttern, das muss Schicksal sein.“, betäubt durch seine Gedanken, vernahm Xanthus nicht die dumpfen Laute aus dem Inneren des Tempels. Wie ein Löwe auf der Jagd, pirschte er sich vorsichtig an das Ziel. Seine „Beute“ lag nur noch einige wenige Meter vor ihm. Plötzlich, ein Schrei. Sofort ging Xanthus hinter eine Säule in Deckung. Sein Herz hämmerte gegen seine Brust. „Oh Götter! War das etwa ihre Stimme?“ Ängstlich schaute er zu der Quelle des Lichts. Er sah einen Mann, nackt, groß wie ein Bär, wahrscheinlich ebenso stark. Ein langer brauner lockiger Bart hing von seinem markanten Gesicht herab. In seiner rechten Hand hielt er einen gewaltigen Dreizack. Zu seinen Füßen lag eine Frau in zerrissenen Kleidern, sie weinte und jammerte: „Bitte nicht! Ich bitte euch Erhabener. Lasst mich gehen, ich habe nichts Falsches getan!“ Xanthus erstarrte. Es war Medusa und der Mann, es gab keinen Zweifel daran, war der Gott der Meere selbst; Poseidon. Selbstgefällig grinsend schenkte er Medusa kein Wort der Erlösung, nicht einen Ton. Stattdessen packte er sie mit seinen gewaltigen Armen und presste ihren zitternden Körper an sich. Sie verstand nicht, warum nur tat er das? Doch Xanthus, hinter der Säule kauernd, bemüht wieder Herr seines Körpers zu werden, verstand sehr wohl. Es war ihre Schönheit. Es war ihre Makellosigkeit. Sie war so einzigartig, dass selbst die Götter sie begehrten. Auch wenn er den Mut aufgebracht hätte, dazwischen zu gehen, wäre es vergebens gewesen. Was sollte ein Mensch schon gegen die gewaltige Kraft eines Gottes ausrichten? Und da er die grausame Schändung der Medusa nicht mitansehen konnte, floh er, so schnell seine Beine ihn tragen konnten. Am nächsten Morgen fand sich Xanthus in einer dreckigen Gosse in der Unterstadt wieder. Er wusste nicht mehr, ob er geschlafen hatte oder die Nacht über wach war. Realität, Traum und Phantasie waren in seiner Erinnerung verschmolzen und nicht mehr zu trennen. Sein Ausdruck war leer, sein Körper schwach. Dennoch kehrte er an den Ort des Grauens zurück, in der Hoffnung Medusa dort anzutreffen. Doch war sie fort. An dieser Stelle müssen wir uns von dem jungen Mann namens Xanthus verabschieden. Was mit Medusa geschah, blieb ihm verborgen. Wir hingegen dürfen uns nicht scheuen und müssen auch der letzten grässlichen Wahrheit ins Gesicht blicken. Nachdem Xanthus, von Angst und Pein gepeitscht, den Tempel verlassen hatte und Poseidon seine Gräueltat vollendete, blieb das gebrochene Geschöpf entblößt und alleine auf dem kalten Steinboden des Tempels zurück. Am vermeintlichen Grund ihres Schmerzes angelangt, erschien ihr die Göttin Athene. Angeekelt betrachtete sie ihre Dienerin. Ohne einen Funken Mitleid oder Verständnis gab sie Medusa die Schuld für ihr Schicksal. Ein Gott wie Poseidon konnte nicht bestraft werden und einen Tempel auf diese Art und Weise zu entehren war eine Sünde ohnegleichen. So hämmerte Athene den letzten Nagel in den Sarg der Medusa, indem sie ihr ihre Schönheit nahm und sie zu jener scheußlichen Kreatur verwandelte, die wir alle kennen. Sie wurde zur Gorgone Medusa. Ein entstelltes Wesen mit giftigen Schlangen auf dem Haupt, welches jeden, den es ansieht, in ewigen Stein hüllt. Ob Medusa sich über den Verlust ihrer Schönheit beklagte, ist ungewiss, denn nie wieder sollte ihr der Kontakt zu anderen Menschen vergönnt sein. Verdammt zur absoluten Isolation und Einsamkeit, verbrachte sie ihre Tage in einem stetig wachsenden Garten aus toten Steinfiguren, die, als noch lebendig, nach ihrem Leben trachteten. Solange bis der Held Perseus der verkannten Kreatur den Kopf abtrennte.

Zeichnung: Von Priska Engelhardt
Geschichte: Von Kamil Tybel

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