Aufzeichnungen eines Heimatlosen

Die folgenden Aufzeichnungen wurden zerstreut und bedauerlicherweise nur bedingt lesbar am hiesigen Rathausplatz aufgefunden: 

 

10.08.2014

Leere.
Ich merke gar nichts, nicht einmal wie sie vorüberziehen.
Wie sie lächelnd, schwatzend, schreiend, und grübelnd gleiten,
Mich beschleicht das ungute Gefühl, dass sie alle feige fliehen,
von der Welt mit ihrer hässlichen Wirklichkeit fortschreiten.

14.08.2014

Gestern waren wieder welche hier.

20.08.2014

Stadt.
Am Tag tummeln sich hier die maßlos Genügsamen, die Wohlgenährten, die artig Strebenden. Jene, die sich selbst am Liebsten sind, jene, die noch immer nicht begriffen haben, dass sich doch die Erde um die Sonne dreht und nicht anders herum.
Ich will nicht richten, wie könnte ich auch! Ich bin nur ein Schatten, ein winziger Schatten unter vielen, den sie bereitwillig abzuwerfen vermögen, den sie unbeachtet hinter sich her schleifen, auf den sie trampeln und treten können, ohne auch nur Schmerz zu sehen oder zu spüren. Ja, ich bin ein Schatten und mein Obdach ist die Dunkelheit, die Kälte und der Rausch.
Du wunderbarer, alles in Vergessenheit zerrender Rausch. Wie süß, wie gut du zu mir bist. Dank dir kann ich überhaupt noch fühlen, leben, überhaupt noch den Zyklus der Sonne ertragen. Dank dir kann ich sogar egoistisch den Mord an mir selbst genießen!

21.08.2014

Ob man mich jetzt noch mehr verachtet?

30.08.2014

Verflucht, ich bekenne mich ja, ich geb es zu. An einer gewissen Stelle meiner schattigen Existenz habe ich mich aufgegeben, aufgehört aus eigener Kraft zu sein, in Schwäche, in Dummheit, in Ignoranz, in Selbstmitleid warf ich alle Verantwortung und alle Bürde, die auf mir lag ab. Verschmähte mein eigenes Dasein, sehnte mich förmlich nach den Schlägen und Demütigungen, denn sie gaben mir das Recht, das Recht mich und alle anderen zu hassen. Jede Beule, jede Wunde formte mich weiter und machte aus mir schließlich das Spiegelbild der Abgründe einer Gesellschaft, die meint eben zu sein. Ich habe mich aufgegeben, ja es stimmt! Aber wer immer mir das vorwerfen mag, sollte sich fragen, wann er und die Welt sich aufgegeben haben.

05.09.2014

Fortschritt.
So nennen sie ihre Flucht, ihr niederes Streben.
Wachstum! Gewinn! Effizienz! Immerzu hör ich sie reden!
Sie alle schreien, alle rennen, wollen unbedingt erster sein,
egal was sie dabei verlieren, ob Kopf, ob Kragen, oder aber ein Bein.
Jedoch frage ich wohin? Wonach trachtet ihr?
Keiner hörts. Keinen interessierts, denn in dieser heilen Welt gibt es kein wir.

07.09.2014

Wieso treten sie nur nach mir? Ich will doch nur meine Ruhe.

10.09.2014

Heute habe ich einen Engel erblickt. Sie ging, im roten Mantel gehüllt, gerade auf mich zu. Vielleicht hat sie sogar etwas gelächelt. Dennoch musste ich meinen Blick von ihr abwenden. Ich habe mich wohl geschämt. Sie war so bezaubernd und ich so heruntergekommen, so dreckig. Als sie dann vor mir stand, blickte ich kurz auf, aber sie hatte mir schon wieder den Rücken zugekehrt. Eine goldglänzende Münze lag zu meinen Füssen. Verdammt, mir ist nach weinen zumute, trotzdem ich will das Geldstück behalten.

14.09.2014

Tod.
Angst und Sehnsucht
Liebe und Schrecken,
wie wird er wohl schmecken?
Ists‘ wie ein schwereloser Fall in eine tiefe Schlucht
mit süßem Aufprall, oder eher ein dumpfes Aufklatschen,
oder ists wie, wenn man einen flachen Stein übers Wasser platschen
lässt und dann zuschaut, wie er leise hinab sinkt in undurchsichtige Tiefen und Farben,
welche dem Leben, dem Sein, welche sogar Raum und Zeit erhaben?
Wie soll ichs wissen, ich kenne dich nicht!
Weiß nicht wie du riechst,
weiß nicht wie du aussiehst,
weiß nicht wie du klingst,
weiß nicht wie du schmeckst,
weiß nicht wie du dich anfühlst.
Doch das Leben hingegen, das kenne ich,
kenne seinen Gestank,
kenne seine grässliche Fratze,
kenne seine schrille Stimme,
kenne seinen bitteren Geschmack
und kenne seine alte, löchrige Haut.

20.09.2014   

Ach, verflucht seien die Lebenden! Verflucht sei das Leben. Ich soll es kennen? Nein! Einzig den Rausch kenne ich, ja den Rausch. Er gibt mir Kraft, er gibt mir Halt, er gibt mir Trost. Er schürt die flackernde Kerzenflamme, die meinen Alltag notgedrungen zu beleuchten pflegt, hin zu einem lodernden Feuer. Lasst mich brennen, verglühen wie die Sonne.

 25.09.2014

Vergangenheit.
Habe ich eine? Da war vielleicht noch ein Leben, eins an das ich mich manchmal noch erinnern kann. Die Bilder aus dieser Zeit sind jedoch so unklar, dass sie aus einem anderen, einem fremden Leben zu kommen scheinen. Da war mal ein Mann, ein Mann, der hätte und vielleicht hat er sogar, alles dafür gegeben, alles getan um dazu zugehören. Er wollte anerkannt werden, als Teil einer Gemeinschaft. Er wollte arbeiten, wollte einem kleinen Vereinen beitreten, wollte eine Frau und Kinder samt Haus und Hof. Es waren süße Träume von Sicherheit und Luxus, zuckersüße Träume, welche ja den meisten so romantisch und zu gleich vernünftig erscheinen, er wollte sie alle.
Doch dies ist lange her und diesen Mann, den gibt es nicht mehr.

 29.09.2014

Musste mir einen neuen Schlafplatz suchen. Sie lassen mich einfach nicht in Frieden!

03.10.2014

Rausch.
Blutrot, endlich! Bald ist sie fort,
meine gebrechlichen Glieder beginnen bereits zu zucken und zu zittern.
Ich kann die anbrechende, pechschwarze Nacht förmlich wittern.
Ich kann sie sehen, jetzt kann ich alles sehen. Dieser Betonhaufen, den sie Stadt nennen. In der eine Gemeinschaft von sog. Menschen leben soll. Narren! Alles bereits Tod, so wie ich. Lebende Leichen, welche tanzen zum Takt der Zeit. Tausende, sich ähnelnde Bilder, verschwimmen zu einem einzigen.
Ich kann einfach nicht anders, ich muss lachen, aus tiefster Lunge heraus Lachen und kann nicht aufhören. Lächerlich, absurd! Alles!
Noch einen Schluck…nicht genug!…mehr, gebt mir einen Schuss!

08.10.2014

Warum schreibe ich überhaupt?

14.10.2014

Mensch.
Ich sehe sie jeden Tag. Wie sie stolz auf zwei Beinen wandeln. Sich dem Tier überlegen fühlen und dann von schön dekorierten Tellern fressen wie die Schweine. Sich gegenseitig verführen wie Schlangen und so arg verraten, dass sogar die Ratten erröten. Sehe wie sie in Haufen, den Ameisen ähnlich durch die Städte strömen, emsig und blind wie Maulwürfe. Erblicken sie Schwächere, werden sie zu Löwen, zu Raubtieren und reißen ihre Beute ohne mit der Wimper zu zucken. Nicht selten sind sie stur wie ein Esel, oder lethargisch wie manch ein Faultier. Es gibt aber auch jene, die wie ein Fisch im Wasser schwimmen wollen, die fliegen möchten, wie es die Vögel tun. Denen es nach Freiheit und Erlösung trachtet, die gierig sind nach Leben und dem einzigen das wirklich eine Rolle spielt. Leider habe ich bis jetzt noch keinen von ihnen je den Boden verlassen sehen.

19.10.2014

Ich ertrage es nicht mehr.

23.10.2014

Versöhnung.
Ich habe genug. Ich will nicht mehr streiten. Ich möchte nicht mehr gegen den Wind anlaufen, nicht wenn es so stürmt. Ich will euch lieben, wirklich! Ich will nicht mehr zürnen und heulen. Nehmt mich wieder in eure Mitte auf, drückt mich an euch. Ich bin bereit, alles zu tun was ihr wollt, jeden erdenklichen Preis zu zahlen. Diese Einsamkeit, diese Isolation, das ist kein Leben! Ich bitte euch, ich…

 

Hier enden die Schriften. Wie sich nach weiteren Untersuchungen herausgestellt hat, handelt es sich bei dem Verfasser dieser Aufzeichnungen um einen kürzlich von einer Gruppe junger Männer erschlagenen Obdachlosen. Die genaue Identität des Opfers und der Täter konnte bis heute nicht ermittelt werden.

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