Tagebucheintrag einer Postangestellten

18.12.2016

Der heutige Tag war noch quälender als die üblichen. Er zog sich wie Kaugummi und die Mühsal lastete auf mir wie Blei. Ich zweifle schon wieder an allem. Das sich ewig wiederholende Hin und Her, das Bücken und Tragen, das ist noch nicht einmal das Problem, obwohl es schon ein erniedrigendes Gefühl ist. Es sind eher die „Menschen“. Oder vielleicht genauer: ihre unmenschliche Art mit mir zu sprechen. Dabei meine ich das Unmenschliche im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie sind so kalt wie der Stahl der Maschinen, von denen diese vermeintlichen Menschen zum täglichen Broterwerb Gebrauch machen müssen. Aber darüber, was die Leute zu dem macht, was sie sind, habe ich hier schon etliche Seiten mit klagenden Worten befüllt. Heute ging es viel mehr um eine besonders bedrückende Begegnung.

Vor mir stand eine Frau, Ende zwanzig, mit einer alten Dame, scheinbar ihre Mutter. Die Frau hatte glattgestriegeltes, hüftlanges und schwarzes Haar, ihre Haut einen südländischen Teint, dem deutlich mit UV-Strahlen nachgeholfen wurde, ihre Augen waren über das Maß geschminkt, der nackte Bauch schien unter ihrem knappen Oberteil hervor – sie schlug ihren roten Mantel nach hinten – und die helle Jeans saß gewagt tief und dem Gesamtbild entsprechend eng. Neben ihr stand die Dame. Ein altes, weises Gesicht mit gebührenden Falten versehen, klein, buckelig, in einen dunklen Mantel gekleidet, über dessen Rückseite ordentlich und glatt das Kopftuch fiel. Durch und durch sympathisch. Sie ist erst kürzlich aus der Türkei hergekommen und wollte ein Konto eröffnen. Deswegen kam sie mit dem Kontoeröffnungsantrag in die Filiale, damit ich ihre Identität prüfe und die Unterlagen an die Bank schicke. Aber dabei hatte sie ihren Pass vergessen. So etwas Banales. Es ist ja wohl offensichtlich, dass ich in diesem Fall nicht befugt war, die Identität dieser Frau, die kürzlich aus der Türkei gekommen war, zu bestätigen. Wie denn auch? Ohne Ausweisdokumente kann ich niemandes Identität bestätigen. Das versuchte ich der Jüngeren zu erklären, da nur sie Deutsch sprach. Die Alte stand die ganze Zeit stillschweigend daneben, faltete die Hände auf dem Schalter, der ihr ungefähr bis zur Brust ging, und schaute mich mit glasigen, irgendwie gebrochen wirkenden Augen an. Sie tat mir sehr leid. Sie tat mir nicht nur leid, weil sie vermutlich unter einem repressiven Regime gelebt und eventuell furchtbare Dinge erfahren hat, sondern auch weil ihre Tochter scheinbar nicht verstehen wollte. Nein, sie redete und redete und redete. Ich kann beim besten Willen noch nicht einmal wiedergeben, was sie da überhaupt redete. Das waren zusammenhangslose Wellen von illegitimen Vorwürfen, die mir da ins Gesicht schlugen. Nachdem ich fünf Minuten beherrscht schwieg und nur sporadisch versuchte. abermals das Wort zu ergreifen, was mir jedes Mal misslang, da ihr Wortschwall meinen schon auf der Zunge erstickte, konnte ich nicht mehr einhalten und wurde laut: „Jetzt rede ich! Hören Sie mir zu!“ Die erzürnte Reaktion kam prompt. „Was? Wie reden Sie mit uns? Nur weil sie kein Deutsch kann?“, sagte sie und zeigte auf die nette kleine Dame mit dem Kopftuch. „Das ist so rassistisch! Was soll das hier? Sie werden Ihren Job verlieren!“ – Stille. Sofort änderte sich die Atmosphäre. Meine Haare stellten sich auf und es fühlte sich an – nein, es war wohl wahrscheinlich die Realität – als ob sich alle Blicke auf mich richteten. Rassismus? In der Post? Ausgehend von einer Angestellten? Selbst mir stockte der Atem. Ich war wie eingefroren und sah wie im Rausch, dass es einigen der Kunden gleich erging, da sie mich ungeniert mit offenem Mund anstarrten. Meine Kollegen und Kolleginnen hörten nun vollständig auf zu arbeiten und blickten ebenso unglaubwürdig in meine Richtung. Dann war das Rauschen aus meinen Ohren verschwunden. Mein Herz schlug nicht mehr bis in meinen Kopf und ich konnte gerade wieder etwas verstehen, als sie aufhörte, wütend auf mich einzureden – wobei ich bei aller Anstrengung nicht mehr rekonstruieren kann, was sie alles genau sagte. Endlich löste ich mich aus meiner Versteinerung. Sie drehte sich um und nahm die Dame mit dem traurigen Blick am Ärmel, die immer noch nichts gesagt, eventuell auch nichts verstanden hatte. Im Gehen rief die Jüngere noch: „So ein Naziladen hier, Sie werden noch Probleme bekommen!“ Langsam kam der Betrieb wieder in Bewegung. Die erstaunten Blicke wurden böse und als Peter vorbeiging, raunte er mir zu: „Toll gemacht!“

Text und Illustration von Lukas Schepers, 20.Juli’17

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