Trauerzeilen, zu Bosporus und ganz Anatolien

Ich, Vaterlandsloser, heiße Mesut B.
Das Geburtsland von Vater und Mutter
tut mir jeden Morgen im Herzen weh,
wo Wehrlose werden täglich zu Kanonenfutter.

Man muss das Leid ertragen,
sagt Mutter, es ist wie es ist.
Ich will dennoch, Mutter, beklagen,
Der Hungernde kämpft, während der Reiche frisst.

Jeder hat das Recht, in bitterer Not, auf Trauer,
nicht wahr? Auch ich, unbedeutender Zeitungsleser.
Ich schreibe voll Tränen und bin unendlich Sauer;
in Schmerz und Leid zerwühlt sich meine Feder.

Heute will ich mit ehrlichen Lettern schreiben,
nicht polemisch sein: die Herrscher sind Betrüger!
Von Bosporus bis Anatolien, alle Ermordeten zeigen:
Staatsterror gebärt Terror der Menscherwürger.

Aber Polizei- und Terrorstaat
verfährt nach politisch angelegtem System:
hier Nationalflaggeneifer, dort Religionsaussaat,
hier Menschenausgrenzung, dort Köpfe umdrehen.

Am 7. Juni hatte verloren die herrschende Klasse;
zumindest die absolute Macht nach Parlamentswahln.
„So nicht mehr, Herrscher!“, schrie auf die große Volksmasse.
Die wenigen Herrschenden brüllten zurück: „So nicht Volk, also Neuwahln!“

Dann kam, was kommen musste,
wenn man paktiert mit IS-Barbaren:
Suruç, Ankara, hunderte Tote…
Nun wurde Waffenruhe für Waffeneinsatz verrat’n.

Unersättlich in Volksblutvöllerei!
kappten die Schergen und der Neusultan
den Kurden-Friedensprozess, alles nichtig und vorbei.
Etwas Einheit, ein Stück Verbrüderung mit Brüdern … vertan.

Doch sachte … sachte, das war Verbrecherkalkül!
Die Krebskrankheit der Republik, das Blutvermächtnis
der Osmanen, wurde aus dem Boden gestampft – mit Ehrgefühl.
Aber wisset Reaktionäre:
der Erdrückten Pflicht vor der Geschichte schlummert neben des Herrschers Gedächtnis.

Diese Tragödie, zum hundertsten Mal für die Nation gespielt:
die Ewig-Schuldigen beschuldigte man wieder als Unheilsbringer.
Die Herrscher hoben die Finger auf Geächtete – ganz gezielt:
auf Kurden, Linke, Arbeiter, Andersdenkende, gar Kinder.

Patrioten schreien „Hurra“, ergraute Wölfe jauchzen „Feinde, endlich!“,
Imame beten an Allah, das Industriekapital feiert „Gewinne“
Arbeitermassen schuften für die Spesen, Mütter und Väter weinen kläglich,
die Herrscher wieder mächtig, und Dichtern trocknet die Verstinte…

Nun steht die Bevölkerung unter Zwangshaft.
Panzer rollen in Städte, Cizre, Diyerbakir, Van usw.
Mutige Aufklärer wie Dündar und Gül sind in U-haft,
der soziale Krieg ist ausgebrochen und wird breiter.

Den tapferen Elçi, in Diyarbakir Präsident der Anwaltskammer,
den schießen sie gar zu Tage in den Kopf, vor Journalisten!
Weil er sich für Unterdrückte einsetzte, bewaffnet mit Gerichtshammer.
Und die Henker? Die flüchten vor den Augen der Polizisten.

Keine Untersuchungskommission,
nur des Schuldbewussten Schweigen‘,
Und im eigenen Land Kriegsmission;
Schaut ins Blaue, ein Kampfflieger! Die Bomben pfeifen.

Und jetzt passiert’s, eine Bombe am Bosporus explodiert.
Wieder Angst und Schrecken, wieder sterben Wehrlose,
Wieder werden Leiber zerrissen, wieder Leben liquidiert
Ich habe diese Lebensvernichter satt! Diese Ruchlosen.

Bald antwortet die Repression! Nicht nur um Istanbul trauere ich;
ich weine täglich um Gesamttürkei und bin nun tränenlos.
Von Bosporus bis Anatolien peinigts’s mich.
Gedanken unterjocht, Hunger ein Verbrechen, so viele brotlos.

Und das hier, was soll das? Dieses schlechte Reimen…
diese Verse schreiben, die nichts zu Stande bringen,
keinen Hunger stilln? Ich will Schreien, den Schmerz ausweinen!
Indes, Zeilen helfen zu begreifen das Toben und Seelenringen.

Doch nun versagen mir die Wörter.
Was bleibt da noch zu sagen?
Nur Tränen und Kummer.
Ich darf nicht – das ist schwer – verzagen.

Ich, Mesut B., muss das Leid ertragen,
ich weiß, es muss nicht sein, wie es ist.
Ich will mich nicht beklagen:
Denn der Hungernde kämpft, Mutter, während der Reiche frisst.

Von Mesut Bayraktar