Mein Leichnam

Bin eingebettet im kalten Moor,
Tot, aufgedunsen, stinke, aber denke noch,
wie ich einst im Grünen lag und dem Lenze schwor,
zu leben, ihn zu küssen, gleichsam an seiner Blüte roch.

Nimmer, nimmer wird das sein,
wird der Lenz und seine zarte Wärme mir gehören,
Nimmer, nimmer wird er mein,
die Erde beginnt mein Wollen schon mit ihrer Kälte zu zerstören.

Ich spüre das Gewicht der gelben Maden,
wie sie fressend durch mein junges Fleisch anschwellen,
sich gierig befetten und dabei feierlich baden
in meinen faulen Organen und reglosen Zellen.

Es bricht und knallt auch zuweilen ein Knochen
Durch das schäumende Gebiss roter, schmachtender Hyänen.
Schmerzlos versinke ich von der Welt vergessen im Moor seit Wochen,
will schreien und weinen, aber mir fehlt’s an Stimm‘ und Tränen.

Und die violetten Geier, die fallen endlich auch herab
vom äschernden, purpurnen Höllenhimmel
und ziehen den letzten Rest stumm von meinen Knochen ab
und ziehen dann nimmersatt weiter, krähend im Blutgewimmel.

Unwillkürlich erscheint mir letztmalig der grüne Lenz.
Ich hab Angst, aber dies innerlich Zucken, was ist das;
Ein stummes Gebrechen, eine immerdurstige Lebensessenz.
– Indes wird‘s jäh finster, schwarzübermannt: Vanitas.

Von Mesut Bayraktar, 18.Nov’16 / Illustriert von Lukas Schepers

leichnam1


Folgt uns auf Facebook: www.facebook.com/nous.literatur

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s