Gefangen

Das Leben, es ist so
abstrakt geworden,
unwirklich, wo Menschen
stündlich Menschen ermorden.

Überall knallt’s, überall donnert’s,
überall ist’s heftig brutal.
Doch unvernehmbar alles, das Gewissen verklebt,
trotz inwendig strömender Blutrinnsal‘.

Wir sind ohne Sinne, unterworfen ist
das Leben unter Abstraktion.
Geldideen berauben uns Lebensfülle
mit dem falschen Rausch einer Illusion.

Liebe, selbst sie ist abstrakte Idee,
heute unaufrichtig, morgen verlogen,
der Sinnlichkeit und zarten Lust verlustig,
feige, gewaltsam, alle Liebenden werden betrogen.

Tag ein Tag aus, während alles Konkrete
verdampft und abstrahiert,
da wird das Leben unsichtbar
und endlich ausradiert.

Erloschen, alles erloschen!
Apathie, mentaler Suizid, Leid paralysiert.
Augen werden verhüllt, alles menschenfleischliche
Gefühl wird mit Begriffen eskamotiert.

Wir sind Gefangene
in Unsichtbarkeiten,
wollen entrinnen, echt sein,
aber uns fehlen Tapferkeiten.

Seelenschmerzen sind skrupellos unterdrückt,
Leidenschaften, unseren Widerspruch zeigend, vergehen;
Wir verkrüppeln, sind misshandelte Maschinenkreaturen,
augenlos, können nicht mehr sehen.

Buße, Schuld – hinfällig! wenn Ausbeutung
bestimmt das Menschenverhältnis.
Schlagt, Tretet, Spuckt, Zerschmettert!
Ausbeutungsgemeinschaft; Das‘ unser Verhängnis.

Seien wir einmal ehrlich,
wir misstrauen alle einander.
Wir sind bestimmt durch Profit und Kapital,
da kämpfen nun mal alle gegeneinander.

Einmal darin ehrlich gewesen,
dass das Misstrauenspakt gilt,
Greifen Misstrauende nach jeder Abstraktion,
die Wirkliches aus dem Herzen tilgt.

Alles wirkt unecht, da hilft
keine Blume, nichts mehr.
Ich spüre den stummen Zwang, alles leer,
reglos wie bei Baal … gebt mir ein Gewehr!

Stahl, Patronen, Pulvergeruch,
was ist der Waffenabzug?
Bedeutungslos, drück ab,
wir sind alle Tote, verwesen im Todeszug.

Oder das Lynchmesser,
gebohrt ins nackte Fleisch?
Wen kümmert’s, press es hart bis zur Lunge,
komm, wir spielen im Zauberreich.

Und was ist mit dem Bombenregen,
der Kinderfleisch und Kinderlächeln zerreißt?
Solang’s nicht deine Kinder sind, ignorier es!
Dann erlischt jeder belastbarer Beweis.

Viele werden gejagt, viele werden gehetzt,
die Guten, mit lauten Wehschreien, klagen.
Scheiß auf den Massenjammer! Die Freiheit,
unter Ausbeutenden ist sie längst verraten.

Ich will leben.
Ist’s ein Verbrechen, zu leben?
Unter emotionalen Schlächtern
schon das nach Leben Sehnen.

Heute verhält’s sich nämlich so:
Entweder bist du ein Verbrecher, weil du Wahrheit sprichst
Oder du bist ein Schurke, der für Geldgewinn mit Lügen ficht.

Wahrheit verliert,
Lüge gewinnt,
Leid reichverziert.
Und Leben zerrinnt.

Seien wir zeitgemäß moralisch,
wir Lachen einander ins dämliche Gesicht
und geben einander am End‘ doch nichts
wir nehmen nur, bis ins Mark, gründlich.

Aus der 6. Printausgabe / Von Mesut Bayraktar, 19.Sep’16 / Illustriert von Priska Engelahrdt9-illustration


Folgt uns auf Facebook: www.facebook.com/nous.literatur

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s