Ein Mann und ein Stein

Seit Jahrhunderten dieselbe elende Mühsal,
Alle Anstrengung zerwühlt in wiederkehrender Qual,
Ohne End‘ trägt ein verdammter Mann
Einen unseligen Felsbrocken auf einen Hang,

Der auf anderer Seite mit seinem schweren Gewicht
Herunterdonnert, Staub aufwirbelt, jeden Widerstand bricht.
Von schrecklicher Mühe gefoltert geht der Mann
Den Abhang wieder herunter und stemmt den Brocken von Neuem an.

Das geht so schon seit Menschengedenken
Ein Mann, ein Stein und die Tragik durchs Denken.
Ein Ausweg? Wahrscheinlich nicht in Sicht.
Verstrickt im ewigen Kreislauf des Leidens, das in Zwängen spricht.

Man vergesse aber nicht: Raum und Zeit macht,
Dass die Muskelkraft anschwillt und zu großer Gewalt erwacht,
Und dass der Geist im Abgehen jeden Gedanken ohne Rast
Aufwendet auf die Befreiung von der schrecklichen Last.

Ein Stein währt lang‘, aber ebenso lang‘ altert‘s auch,
Wie alles auf Erden kommt und geht, wird alles endlich zu Rauch.
So verwandelt sich der einst marmorne, reine Stein
Durch das hurtige Abrollen, wird erdig und ganz unrein.

Aber der Stein ist im Kerne zäh, zäh wie sein Gefährte,
Der sich im Stummen lebendig mit Klagen verzehrte.
Zuweilen, da wurde der Stein ihm noch gar zum Freund,
Vor allem, wenn er schmerzlos durch den Schmerz hinwegträumt‘.

Die Hände des Mannes, überzogen mit dicker Hornhaut,
Rau, zerfurcht, dreckig, wenn er sie trübe anschaut;
Was er oft tut, kurz bevor er sein Joch in die Hände nimmt.
„Das Joch ist meine Bürde“, denkt er sich, „wie für den Vogel der Wind.“

Und jedes Mal auf seinem Rückweg zum Felsbrocken,
Sieht er in die Ferne und gerät innerlich ins Stocken.
Das Licht, das durch die schmale Linie am Horizont herbeieilt,
Alle emporsteigenden Hügel überwindet und dunkle Wälder durchteilt,

Ist ihm ein sanfter Trost und nährt unbewusst seine Zuversicht,
Und lehrt, sein Schicksal zu verachten ohne Rücksicht,
Nicht Frieden zu suchen mit seinem Stein, nicht in Hoffnung zu schweifen,
Nicht genügsam zu werden, sondern stets unzufrieden zu bleiben.

Und dieser demütige, erhellende Gang zu seinem Stein,
Wirft ihn eines Tages zurück in Erinnerung, tief vergraben im Bewusstsein.
Der Stein wälzt sich noch einmal, das letzte Mal, in das tiefe Tal,
Schweiß übergossen blickt er zum Horizont, dann in seine rollende Qual.

„Götter, diese Betrüger, habe ich zum Narren gemacht,
Den Tod überlistet und die Schattenwelt verlacht.
Den Gott des Olymps habe ich in seinem Verbrechen verraten,
Eine Jungfer zu entführen, um ihr gewaltsam beizuschlafen.

Ich war König eines gedeihlichen Landes, Großvater
Des Reiters des einhörnigen Pferdes, Vater
Des ruhmreichsten und klügsten Griechen,
Und ich, Kämpfer wider aller Gottheit, muss hier vor mich hinsiechen!“

Mitnichten, sagte er sich – mitnichten – und beschloss zu gehen
Dem Horizont entgegen und jedem inneren Frieden zu widerstehen.
Er wusste: größere, gewaltigere Brocken muss er noch tragen,
Steilere Hügel erklimmen, ohne – Nein! Niemals zu verzagen.

Aber das ist gut so, sprach er lächelnd zu sich,
Nur so nähere ich mich dem Horizont und erobere mich.
Da sah er seinen müden, schweren Stein das letzte Mal
Und legte müde und schwer eine Hand auf ihn – ohne Trübsal:

„Jetzt erkenne ich‘s: Du warst mein Gott, der mich verdammt,
Zum Knecht an sich gebunden, aber nun mich zum Freien entflammt.
Lange war ich du und du warst lange ich, stummer Stein.
Höhere Hügel, größere Brocken sind nach dir – ich erkenn‘:
Ich bin Bewohner Korinths, ich heiße S., ich bin mein.“

So zog der Mann zum nächsthöheren, spitzen Hügel,
Ergriff den nächstwuchtigeren Brocken – trotz aller Gefahr –
Und schritt näher zum lichten Horizont, ohne Flügel,
Sachte schreitend, arbeitend, denkend, im Geiste klar.

Ein Leidenskampf braucht man nicht zur Heiligkeit erheb‘n;
Wider das Akzeptieren eines Steines! Kämpfen, geh‘n, beb‘n.
Nicht glücklich muss man sich diese Conditio des Mannes vorstellen.
– Denn ein Mann und viele Steine lassen sich nicht verprellen.

Von Mesut Bayraktar, 28.Feb’17 / Illustration von Lukas Schepers

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